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16. Cochrane Colloquium in Freiburg unter dem Motto „Evidence in the era of globalisation“

Gesundheitsversorgung als Teil des Globalisierungsprozesses: Weltweiter Austausch von Wissen in Wissenschaft und Praxis unverzichtbar

Freiburg, 06.10.2008

Mehr als 1.000 der insgesamt rund 15.000 Wissenschaftler aus aller Welt, die in der Cochrane Collaboration mitarbeiten, sind nach Freiburg gekommen - zentrale Akteure, die sich der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung, dem globalen Wissensmanagement und dem Verfassen systematischer Reviews verschrieben haben. Es ist ein großes Arbeitstreffen eines weltweiten Netzes von Wissenschaftlern und Ärzten, das das Ziel verfolgt, die Ergebnisse klinischer Studien tatsächlich dem einzelnen Patienten zugute kommen zu lassen. Bei der Tagung, bei der die Teilnehmer Wissen austauschen über Ergebnisse klinischer Forschung, über wissenschaftliche Methoden zur Evaluation von Studienergebnissen diskutieren und an medizinischen Fragestellungen arbeiten, geht es zentral um die „Evidenzbasierte Medizin im Zeitalter der Globalisierung“.

Die Cochrane Collaboration verfolgt primär das Ziel, den Transfer von Forschungsergebnissen in die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Die zentrale Aufgabe der gemeinnützigen Organisation ist es, medizinische Therapien einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Die beteiligten Wissenschaftler selektieren die klinischen Studien nach Qualitätskriterien, fassen die Ergebnisse der relevanten Studien in systematischen Übersichtsarbeiten zusammen und machen sie Wissenschaftlern, Ärzten und Patienten zugänglich. Weltweit durchkämmen so genannte Review-Gruppen zu ihren jeweiligen medizinischen Schwerpunkten den ständig wachsenden Dschungel von neu publizierten Studien. Die von ihnen erstellten Übersichtsarbeiten veröffentlichen sie in der Cochrane Library. Die elektronische Bibliothek liefert die umfangreichste Datenbasis für eine evidenzbasierte Medizin und bietet damit eine solide Basis für fundierte Entscheidungen – für den Arzt am Krankenbett ebenso wie für den Politiker.

Mitte des 20. Jahrhunderts begann die systematische Durchführung medizinischer Studien. Inzwischen ist die Flut von klinischen Studien kaum noch zu überschauen. Auf rund 500.000 wird die aktuelle Zahl der kontrollierten klinischen Studien geschätzt. Genau lässt sich das nicht ermitteln, denn klinische und epidemiologische Studien sind nicht leicht zugänglich. Nach Schätzungen werden bis zu 50 Prozent der Studienergebnisse nicht veröffentlicht, weil sie nicht die vom Forscher oder Auftraggeber gewünschten Ergebnisse bringen. Für manchen Patienten eine tödliche Wahrheit.* Ein zentrales, international abgestimmtes und öffentlich zugängliches Register, das sämtliche beantragten Studien erfasst, gibt es bisher nicht.

Das Deutsche Cochrane Zentrum in Freiburg, das die internationale Tagung erstmals ausrichtet, ist eines der insgesamt zwölf Zentren der Cochrane Collaboration weltweit und Referenzzentrum für den deutschen Sprachraum. Dr. Gerd Antes, der das Zentrum leitet, sieht die Kultur klinischer Studien in Deutschland kritisch: „Deutschland spielt international nicht die erste Liga, wenn es um den Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die medizinische Versorgung geht“, stellt Antes bei der Pressekonferenz im Rahmen der Tagung fest. So sind deutsche Forschungsinstitute an vielen Studien nicht beteiligt und der Anteil der Veröffentlichungen relevanter Originalarbeiten in deutscher Sprache tendiert gegen null.

Laut Antes müsse für eine gute Gesundheitsversorgung der Austausch Deutschlands mit internationalen Forschungs- und Informationsressourcen verbessert werden. Das Deutsche Cochrane Zentrum will dazu beitragen, Deutschland als Wissensnation im Wissenszeitalter auch in der Medizin zu stärken, beispielsweise indem es die Erstellung und Verbreitung von Reviews unterstützt und damit die Patienteninformation verbessert.

Prof. Dr. Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg, ist überzeugt davon, dass „die Evidenz aus klinischen Studien ein unverzichtbarer Eckpfeiler für ärztliches Handeln und Therapieentscheidungen ist.“ Unterstützt vom Deutschen Cochrane Zentrum in Freiburg hat er ein „Handbuch“ zum Thema psychische Erkrankungen herausgegeben. Das Standardwerk erscheint in der dritten Auflage. Auf einer zugehörigen Internetseite werden zusätzlich die relevanten neuen systematischen Übersichtsarbeiten dargestellt. Dies ermöglicht es den in diesem Bereich tätigen Ärzten und Psychologen, ihre Arbeit kontinuierlich mit qualitätsgeprüften Übersichtsarbeiten abzugleichen.

Bei der Tagung der Cochrane Collaboration fehlt Dr. Jos Kleijnen nicht, ein Mann der ersten Stunde und 1994 Gründungsdirektor des Holländischen Cochrane Zentrums, der heute erfolgreich in diesem Feld mit einem eigenen Unternehmen arbeitet – mit Bewertungen unterschiedlichster medizinischer Verfahren für Auftraggeber aus verschiedenen Interessengruppen. „Wenn ein neues Produkt in Sicht kommt, konsultiere ich als erstes die Cochrane Library“, so Kleijnen.
Er plädiert dafür, die Cochrane Library auch in Deutschland frei zugänglich zu machen, wie dies bereits in etlichen anderen Ländern der Fall ist.

Nicht immer ist es einfach für einen Arzt, der Evidenz den richtigen Stellenwert neben seiner individuellen klinischen Erfahrung einzuräumen. Kein Problem für Prof. Dr. Holger Schünemann vom Italian National Cancer Institute Regina Elena in Rom. Für den Lungenspezialisten gibt es keinen Widerspruch zwischen Evidenz und der so genannten ärztlichen Kunst, denn diese beruhe schließlich auf Evidenz:  „Wir nennen die Kunst besser gesunden Menschenverstand, ärztliche Fähigkeit, Erfahrung und vielleicht Kommunikationseigenschaften, die uns helfen, Evidenz in die Praxis umzusetzen.“

Die systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration werden regelmäßig aktualisiert. Ein großer Aufwand, wie Dr. Klaus Linde vom Zentrum für Forschende Komplementärmedizin der Technischen Universität München anschaulich am Beispiel des Johanniskrauts zur Behandlung der Depression darzustellen weiß. Dessen zweite und dritte Überarbeitungen waren so grundlegend, dass sie vom Aufwand in etwa der Ersterstellung entsprachen.  „Doch die Ergebnisse dieser Überarbeitungen zeigen, dass regelmäßige Aktualisierungen unumgänglich sind“, so der Mitbegründer des „Cochrane Complementary and Alternative Medicine Field“, bekannt für seine spektakulären Arbeiten aus dem Bereich der Homöopathie und Akupunktur.

Das Cochrane Colloquium, das vom 3. bis 7. Oktober 2008 in Freiburg tagt, befasst sich damit, einen effizienten globalen Austausch über Fragen der Gesundheitsversorgung zu fördern: Für eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung, als Mittel für eine bessere Gesundheit aller Menschen.

Kontakt:

Dr. Gerd Antes

Leiter des Deutschen Cochrane Zentrums

Tel.: 0761/203-6706

Fax: 0761/203-6712

E-Mail: antes@cochrane.de

www.cochrane.de

www.cochrane.de/colloquium

 


*(Als Beispiel für die verheerenden Auswirkungen unterlassener Publikation von relevanten Studienergebnissen sei auf folgenden Beitrag verwiesen: „Tödliche Medizin - Unpublizierte Studien harmlos?“ MMW-Fortschr. Med. Nr. 43/2006, S. 8).