Expression beider DNA-Stränge beobachtet
Ein Ergebnis der Systembiologie-Forschung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Freiburg, 16.09.2009
Die
Doppelhelix der DNA, das genetische Material einer jeden lebenden Zelle,
enthält die Gene in einer linearen Anordnung, deren Information während der
Wachstums- und Entwicklungsprozesse hintereinander in eine Boten-RNA (mRNA)
abgelesen wird. So steht es in den Lehrbüchern.
Die Forschergruppe um Prof. Dr. Wolfgang R. Hess von der Universität
Freiburg berichtet im renommierten Wissenschaftsmagazin Molecular Systems
Biology (aktuelle online-Veröffentlichung vom 15.09.09: „Evidence for a major
role of antisense RNAs in cyanobacterial gene regulation") von einer
Nutzung beider Stränge der DNA-Doppelhelix. Sie beobachtete in dem
Cyanobakterium Synechocystis, dass häufig nicht nur von einem Strang die Information
für die Bildung eines Eiweißes abgelesen wird, sondern auch der parallel
verlaufende Gegenstrang aktiv ist. Dadurch entsteht ein zweites RNA-Molekül mit
umgekehrter Orientierung, eine so genannte antisense-RNA.
Ähnliche Beobachtungen sind in jüngster Zeit an höheren Organismen, darunter
dem Menschen, gemacht worden. Für Bakterien gab es bisher jedoch nur
vereinzelte Hinweise auf ein solches Geschehen, vor allem im Zusammenhang mit
so genannten extrachromosomalen Elementen, das sind zum Beispiel Antibiotika-Resistenzen-tragende
Plasmide oder auch Bakteriophagen, Viren, die Bakterien angreifen. Die
Beobachtungen der Forschergruppe um Prof. Dr. Wolfgang R. Hess zeigen nun, dass
solche antisense-RNAs auch bei Bakterien sehr häufig sein können und vermutlich
aktiv in die Regulation der Erbinformation verstrickt sind. Damit zeigt sich,
dass auch diese eigentlich recht einfach gebauten Organismen komplexer sind als
bisher gedacht. Cyanobakterien sind in jüngster Zeit verstärkt in den Fokus der
Wissenschaft geraten wegen ihres Potenzials zur Herstellung wünschenswerter
Biomoleküle durch direkte Nutzung der Sonnenenergie (Photosynthese). Die
mögliche Rolle einer großen Zahl solcher antisense-RNAs in Bakterien muss bei
der Nutzung dieser Organismen berücksichtigt werden und kann auch in der
Medizin zu neuen Konzepten in der Abwehr human-pathogener Bakterien führen.
Weitere Informationen: Molecular Systems Biology vom 15. 09. 2009: „Evidence for a major role of antisense RNAs in cyanobacterial gene regulation" http://www.nature.com/msb/journal/v5/n1/full/msb200963.html
Kontakt:
Dr. Wolfgang R. Hess
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Institut für Biologie III
Abteilung für Genetik und Experimentelle Bioinformatik
Schänzlestr. 1
D-79104 Freiburg
Tel. +49-(0)761-203-2796
Fax: +49-(0)761-203-2745
E-Mail: wolfgang.hess@biologie.uni-freiburg.de
http://www.cyanolab.de/
Prof. Dr. Hess ist auch Sprecher der Freiburger Initiative für Systembiologie (FRISYS; siehe auch: http://www.frisys.de/), einer Einrichtung, die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird.
