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Vor 100 Jahren: Februarrevolution – die verpasste Chance

Osteuropahistoriker Dietmar Neutatz erinnert an Russlands oft vergessene demokratische Episode im Jahr 1917

Freiburg, 20.02.2017

Vor 100 Jahren: Februarrevolution – die verpasste Chance

Arbeiter demonstrieren am 23. Februar 1917 im heutigen St. Petersburg: Sie fordern unter anderem mehr Nahrung und eine bessere Versorgung der Familien von Soldaten. Quelle: State museum of political history of Russia/Wikimedia Commons

„Die Februarrevolution ist in der historischen Erinnerung von der bolschewistischen Oktoberrevolution völlig an den Rand gedrängt worden“, erläutert Prof. Dr. Dietmar Neutatz. Dabei waren es gar nicht die Bolschewiki, die den Zaren stürzten. Die Oktoberrevolution beendete vielmehr die Chance Russlands auf eine demokratische Entwicklung, die mit der Februarrevolution in greifbare Nähe gerückt war.

Am 23. Februar (8. März nach westlicher Zeitrechnung – in Russland galt bis 1918 der Julianische Kalender) fand die sich schon länger zuspitzende Krise ihren Höhepunkt in einer von breiten Schichten der Bevölkerung getragenen Revolution gegen das zarische Regime. Wenige Tage später dankte Zar Nikolaus II. ab und Russland erhielt eine neue, von demokratischen Kräften getragene Regierung. „Eine Welle der Hoffnung ging durch das Land, dass nun ein Neuanfang möglich sei“, erklärt Neutatz. „Viele fühlten sich als Akteurinnen und Akteure in einem historischen Umbruch in der Tradition der Französischen Revolution.“ Die Veränderungsdynamik, die Russland seit der Jahrhundertwende – inspiriert von West- und Mitteleuropa – in vielen Bereichen erfasst hatte, schien nun gesiegt zu haben. Die Provisorische Regierung habe es aber in den Folgemonaten nicht geschafft, die demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien nachhaltig zu verankern, sondern bald das Vertrauen großer Teile der Bevölkerung verloren. „Am Ende wurde das demokratische Pflänzchen von den Bolschewiki unter Lenins Führung im Herbst 1917 niedergetreten und Russland in die kommunistische Diktatur geführt.“

Neutatz ist Professor für Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sein Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt auf der Geschichte des späten Zarenreiches und der Sowjetunion. „Träume und Alpträume“ ist seine 2013 erschienene „Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“ überschrieben.