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Seidenstraße

Althistorikerin Sitta von Reden über die Unterschiede zwischen einem Mythos und den historisch belegten Fakten

Freiburg, 27.06.2017

Seidenstraße

Foto: xiaolueren/Fotolia

„Begriffe schaffen Begeisterung“, sagt die Freiburger Althistorikerin Prof. Dr. Sitta von Reden. Gegenwärtig baut Xi Jinping, Präsident von China, an einer Neuen Seidenstraße. 60 Länder, in denen zusammengenommen die halbe Weltbevölkerung lebt, werden daran beteiligt sein. China will dafür mindestens eine Billion Dollar investieren. „Das Projekt ergibt sich aus einer Mischung wirtschaftlicher Interessen, nationaler Schwäche und Imperialismus, anknüpfend an eine entfernte Vergangenheit“,  stellt von Reden fest.

Unter Expertinnen und Experten heißt das Projekt eher BRI – für „Belt-Road-Initiative“ – und besteht aus infrastrukturellen Konzepten, Eisenbahnlinien und Pipelines. Warum also Seidenstraße, wo es weder um Seide noch um Straßen geht? „Sie steht für wirtschaftliche Leistung, Ost-West-Verbindung und eine romantische Zeit, in der der Orient noch Orient heißen durfte“, erklärt von Reden. Kaum ein Blog zur neuen Seidenstraße lasse sich die Chance entgehen, einen kurzen Blick auf die Geschichte zu werfen – bevor es mit Trassenführung, Finanzierung und unsicheren Rentabilitätsprognosen weitergehe.

„Umso erstaunlicher ist, dass die Geschichte wenig zur Klärung beiträgt“, sagt von Reden. Mal beginnt die Seidenstraße im 2., mal im 1. Jahrhundert vor Christus, mal hatte sie im 1. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt und endete im 13. oder auch 14. Jahrhundert. Ihre Entstehung verdankt sie angeblich dem Handel zwischen China und Rom. „Aber auch hier nimmt man es mit der Geschichte nicht so genau: Kein römischer Händler handelte mit Chinesen, das waren eher die Xiongnu in der heutigen Mongolei, die sich Seide als Tribut zahlen ließen, Baktrier in Zentralasien und Inder. Und alles, was die Han-Kaiser über die Römer – die sie ‚Da Qin‘ oder ‚große Qin‘ (= Chinesen) nannten –  wussten, war, dass sie ihre Köpfe rasierten und in weißen Kutschen fuhren.“ Seide kam in der Tat nach Rom, aber meist über den Golf von Bengalen, Indien und Arabien in einem langwierigen Etappenhandel, in dem der Profit auf dem nächstgelegenen Markt, nicht aber Rom das Ziel war. „Übrigens lagen Moskau und Duisburg nie an der Seidenstraße, während Rom für die BRI unattraktiv ist.“

Warum sollte man vorsichtig sein mit ungenauen Etiketten? „Weil der Begriff Seidenstraße suggeriert, dass das, was vor 2.000 Jahren Erfolg gehabt zu haben scheint, auch jetzt Erfolg haben wird. Und weil über die Assoziation mit Seide, Perlen und Porzellan eine Ästhetik aufgerufen wird, die wenig mit den Interessen Chinas in Zentralasien und Europa gemeinsam hat.“ Letztlich gab es eine Seidenstraße weder in der Antike noch im Mittelalter. Schon ihr Wortschöpfer, der Geograph Ferdinand von Richthofen, benutzte sie im 19. Jahrhundert lediglich als eine Metapher für Tauschbeziehungen, die in Zentralasien ihren Mittelpunkt hatten und von denen, Seidenfunden nach zu urteilen, eine große Dynamik bis ins Mittelmeer hinein ausging. „Erst sein Schüler Sven Hedin erkannte die Anziehungskraft der Wortschöpfung und machte sich mit halbwissenschaftlichen Vorträgen über die Handelstätigkeit von Nomaden einen Namen“, sagt von Reden. „Mühsam müssen wir diese Geschichten 100 Jahre später wieder aus den Köpfen der Menschen herausforschen. Die alte Seidenstraße hatte nie einen historischen Anfang, die neue hat wahrscheinlich kein Ende.“


Prof. Dr. Sitta von Reden

Seminar für Alte Geschichte
Platz der Universität 3
79098 Freiburg

Tel.: 0761/203-3390
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