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Der Kuss als Kulturgut

Ethnologe Ingo Rohrer untersucht soziale Nahbeziehungen und gibt zum internationalen Tag des Kusses am 6. Juli Einblick in seine Forschung

Freiburg, 22.06.2017

Der Kuss als Kulturgut

Am 6. Juli ist internationaler Tag des Kusses. Foto: Kertu/Fotolia

Um Zärtlichkeit und soziale Nähe auszudrücken, eignen sich schmeichelnde Worte und zärtliche Berührungen, doch als schönster Ausdruck der Zuneigung gilt häufig der Kuss. „Dabei ist es jedoch alles andere als einfach, den richtigen Kuss zu küssen“, sagt Dr. Ingo Rohrer vom Institut für Ethnologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ein Luftkuss, ein flüchtiger Schmatz oder ein inniger Zungenkuss – sie drücken jeweils etwas Anderes aus. Nach Rohrer stellte bereits Franz Grillparzer (1791-1872) in seinem Gedicht ‚Kuss’ fest, dass dieser überaus facettenreich ist:

Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohgefallen,
Selge Liebe auf den Mund;
Aufs geschlossne Aug die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Übrall sonst hin Raserei!

Grillparzer zeichne eine regelrechte Sprache des Kusses nach, in der sich verschiedene emotionale Zustände daran ablesen lassen, wohin geküsst wird. „Dabei hat der Dichter, der hier als Stellvertreter für die große Anzahl an literarischen, musischen und künstlerischen Kommentaren zum Kuss steht, noch nicht einmal im Blick, wen oder was wir küssen, wo wir küssen und wann wir küssen“, sagt Rohrer. Doch erst hier beginne sich die große Vielfältigkeit des Küssens zu offenbaren. Die Bandbreite des liebevollen Kusses reiche vom Begrüßungskuss zum Kuss als freundschaftliche Geste über den Kuss als Ausdruck der Liebe bis hin zum Kuss als Teil von sexueller Handlung.

„Wesentlich weiter wird das Feld, wenn man auch noch die Formen des Küssens in Betracht zieht, die alles andere als Zuneigung zum Ausdruck bringen, wie zum Beispiel der Fußkuss oder der Judaskuss – sie signalisieren Unterwerfung und Verrat.“ Diese vielfältigen Formen des Küssens, die Kusspartner und der Ort, an welchem geküsst wird, werden je nach kulturellem Umfeld unterschiedlich bewertet und seien häufig an bestimmte Moralvorstellungen gebunden. „Ob ein Kuss in aller Öffentlichkeit noch als sittsam gewertet wird, hängt ganz von den jeweiligen kulturellen Vorstellungen ab.“ Insbesondere öffentliche gleichgeschlechtliche Küsse gelten in vielen Gesellschaften nach wie vor als Tabubruch. „Gleichzeitig sind die unterschiedlichen kulturellen Bewertungen des Küssens stets in Bewegung und verändern sich im Laufe der Geschichte.“

Dieser Kulturgeschichte des Kusses nachzuspüren sei nicht nur ein reizvolles Unterfangen, sondern werfe letztlich auch die Frage auf, welchen Ursprung der Kuss hat. Aus ethnologischer Sicht gebe es keine einheitliche Evolutionsgeschichte des Kusses. „Verschiedene Erklärungsansätze sind plausibel, etwa die Vorstellung, dass sich das Küssen aus der Nahrungsübergabe von der ‚kauenden‘ Versorgungsperson direkt in den Mund des Kleinkindes entwickelt hat. Oder auch, dass das Küssen eine Transformierung eines sexuellen Beißens ist, wie es im Tierreich beobachtet werden kann.“


Dr. Ingo Rohrer

Philosophische Fakultät
Institut für Ethnologie
Werthmannstraße 10, 79098 Freiburg

Telefon: +49(0) 761 / 203-2261
E-Mail: ingo.rohrer@ethno.uni-freiburg.de