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Protestkultur im Wandel

Historikerin Birgit Metzger erklärt, wie sich der Tod Benno Ohnesorgs vor 50 Jahren auf soziale Bewegungen ausgewirkt hat

Freiburg, 24.05.2017

Protestkultur im Wandel

Foto: AxelHH/Wikimedia Commons

Am 2. Juni 1967 starb der Student Benno Ohnesorg nach einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs in West-Berlin. Der tödliche Schuss kam aus der Waffe des Polizisten Karl-Heinz Kurras. „Die Reaktion vieler Studentinnen und Studenten war Panik, Entsetzen und Wut. Viele sahen darin eine Vorwegnahme des Notstandes, den die Notstandsgesetze erst noch formulieren sollten“, sagt die Historikerin Dr. Birgit Metzger vom Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) der Albert-Ludwigs-Universität. Für die sich seit Beginn der 1960er Jahre formierende Protestbewegung handelte es sich laut Metzger um ein kritisches Ereignis, das zu einer breiten bundesweiten Mobilisierung und zu einer Radikalisierung der Proteste beitrug. „Über die Mittel des Protests und insbesondere die Rolle von Gewalt wurde viel gestritten“, sagt Metzger. Der 2. Juni habe außerdem zu mehr Themen auf der Agenda geführt: Neben den Notstandsgesetzen, den Strukturen an den Universitäten und dem Vietnamkrieg wurde die Berichterstattung der Medien ein wichtiges Thema. Dabei ging es besonders um die Springer-Presse. „Grundsätzlich traten die Protestierenden für eine fundamentale Veränderung von Gesellschaft und Politik ein.“

Geschichtswissenschaftlich seien die Ereignisse von 1967/68 mittlerweile relativiert worden: Die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse im Sinne einer Liberalisierung und Pluralisierung hätten schon früher begonnen und wären von vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren getragen worden. „Die aus den ‚68ern‘ hervorgegangenen neuen sozialen Bewegungen waren zahlenmäßig viel bedeutsamer und prägten die Geschichte der Bundesrepublik vor allem in den 1970er und 1980er Jahren. In ihren Formen des Protests und der politischen Kommunikation zeigt sich aber, dass in den 1960er Jahren eine neue Sprache des Protests entstanden war.“ Dazu gehörten vor allem spielerische und kreative Ausdrucksformen, die den großen Vorteil hatten, medienwirksam zu sein. „Neue Werte und Lebensvorstellungen sollten nach 1968 direkt im Alltag umgesetzt werden: Das Private ist politisch“, erläutert Metzger. So sei in den 1970er Jahren ein Alternativmilieu entstanden, mit eigenen Kommunikationsmitteln, Netzwerken und einer eigenen Infrastruktur, die von Wohngemeinschaften über alternative Werkstätten und Kindergärten bis zu Buchläden und Zeitungen reichten. Dabei seien die neuen niedrigschwelligen partizipativen Möglichkeiten und Ausdrucksformen nicht notwendig mit bestimmten politischen Inhalten verknüpft worden. Das habe sich zum Beispiel bei der Umweltbewegung gezeigt, bei der Progressive und Konservative gemeinsam gegen das Waldsterben demonstrierten.

„Die sozialen Bewegungen, die nach 1968 entstanden sind, haben sich seither mehrfach gewandelt. Sie haben sich aufgespalten, sind versandet oder in institutionalisierte Formen übergegangen, wie zum Beispiel die Partei Bündnis90/Die Grünen.“ Andere Bewegungen erneuerten sich immer wieder, so wie die feministische. Gleichzeitig entwickeln sich laut Metzger stets neue Protestströmungen, wozu beispielsweise die bankenkritische Occupy-Bewegung gehört. Sie könnten eine Triebfeder sein, über die Möglichkeiten und Grenzen sozialer Bewegungen in modernen Gesellschaften nachzudenken.

„Darüber hinaus könnte der 50. Jahrestag des 2. Juni 1967, an dem ein Polizist einen Demonstranten erschoss, ein Anlass sein, über die Einsatz- und Fehlerkultur der Polizei zu sprechen, über die viel weniger bekannt ist als über die sozialen Bewegungen und Protestkulturen“, resümiert Metzger.



Dr. Birgit Metzger

Philosophische Fakultät
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