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Beginn der Kunstfreiheit

Die Verfassung der Weimarer Republik leitete in Deutschland eine neue kulturelle Phase ein

Freiburg, 30.01.2019

Beginn der Kunstfreiheit

15 Pfennig-Sondermarke der Reichspost zur Nationalversammlung 1919, Entwurf von Ernst Böhm. Quelle: NobbiP/Wikimedia Commons

Am 6. Februar 1919 trat zum ersten Mal die Nationalversammlung der Weimarer Republik zusammen. Die dort formulierte Reichsverfassung nahmen die Mitglieder der Nationalversammlung am 31. Juli des gleichen Jahres mit großer Mehrheit an. Zum ersten Mal in Deutschland war in dieser Verfassung die Kunstfreiheit verankert: „Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei. Der Staat gewährt ihnen Schutz und nimmt an ihrer Pflege teil.“ Dadurch ginge mit der Demokratisierung der Gesellschaft eine Demokratisierung der Kultur einher, erklärt die Germanistin Prof. Dr. Sabina Becker vom Institut für Neuere Deutsche Literatur.

Doch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sahen die Zeit der Weimarer Republik bisher als eine kulturelle Zwischenkriegszeit, in der wenig Neues geboten wurde. „Diese These stimmt so nicht“, erklärt die Freiburger Professorin. „Die Kunstschaffenden wollten den Prozess der Demokratisierung des Landes und die neu gewährte Freiheit nicht an sich vorbeiziehen lassen und haben diese für sich genutzt.“

Kultur wurde nun nicht mehr nur für eine bürgerliche Elite geschaffen. „Die Angestellten öffneten sich am stärksten für neue Formen, sie wollten ihren Bildungshorizont erweitern und waren interessiert an US-amerikanischen Einflüssen“, erklärt Becker. „Dadurch waren die Frauen und Männer dieser Schicht die Agentinnen und Agenten der Modernisierung des deutschen Kulturbegriffs.“ Doch nicht nur als Rezipientinnen und Rezipienten waren die Angestellten in den 20er Jahren wichtig für die Entwicklung der deutschen Kunst, sondern sie wurden zu einem Sujet in Literatur und Film. Autorinnen und Autoren schilderten die Alltagswelt der Angestellten und vor allem die Situation der Frauen, die nicht nur im Berufsleben ihren Platz fanden, sondern auch das Wahlrecht bekamen.

Auch die Probleme dieser Epoche – wie der verlorene Krieg und die ökonomischen Belastungen – dürfen nicht aus den Augen verloren werden, erinnert die Freiburger Literaturwissenschaftlerin. Es war die Schicht der Angestellten, die von den Auswirkungen der 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise als Erste betroffen war, in Warenhäusern und Verwaltung gab es massenhafte Entlassungen, während Arbeiterinnen und Arbeiter in Fabriken weiterhin benötigt wurden. Doch trotz aller damaligen Krisen und des folgenden Zweiten Weltkriegs sind die kulturellen Ideen nicht mit der Weimarer Republik untergegangen, resümiert Becker: „Diese bilden die zentralen Grundlagen unseres heutigen Kulturverständnisses.“

Prof. Dr. Sabina Becker ist seit 2004 Professorin für Neuere Deutsche Literaturgeschichte am  Deutschen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Literatur der Moderne im 20. Jahrhundert, Exilliteratur 1933-1950, Literatur des 19. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt auf den Realismus. Sie ist Herausgeberin des „Jahrbuchs zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik“.




Prof. Dr. Sabina Becker

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