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Die Meistererzählung sichtbar machen

Catherine König-Pralong erforscht den Umgang der neuzeitlichen Philosophiehistoriker mit dem Mittelalter

Freiburg, 19.09.2017

Die Meistererzählung sichtbar machen

Foto: Jürgen Gocke

Auch wenn naturwissenschaftliche Themen überwiegen, ist die Bewerbung um einen Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC) offen für alle Fachbereiche. Privatdozentin Dr. Catherine König-Pralong, Philosophiehistorikerin an der Universität Freiburg, hatte sich im interdisziplinären Themen-Panel „Studies of the Human Past" beworben und erhielt 2013 einen Consolidator Grant für erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über 1,22 Millionen Euro. Das zehnte Jubiläum der ERC-Grants und ihre 50 Preisträgerinnen und Preisträger feiert die Albert-Ludwigs-Universität mit einem Einblick in ausgewählte Projekte: Eine Serie stellt zehn Köpfe im Porträt vor.

Die Philosophiehistorikerin Catherine König-Pralong will zeigen, wie Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts das Mittelalter und dessen Denken als Verfallsgeschichte rekonstruiert haben.
Foto: Jürgen Gocke

In ihrem Projekt „Medieval Philosophy in Modern History of Philosophy" (MEMOPHI) untersucht König-Pralong mit einem internationalen Team, wie Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts aus der Warte der Aufklärung das Mittelalter und dessen Denken als Verfallsgeschichte rekonstruiert haben, weil nach ihrer Auffassung in dieser Zeit die Religion und nicht der kritische Verstand das Denken dominiert habe. Die Philosophiegeschichtsschreibung diente dazu, die Überlegenheit des Abendlandes zu legitimieren. Diese Art zu denken wirkt bis in die Gegenwart – deshalb lassen sich über die Forschungen auch Erkenntnisse über die heutigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse gewinnen.

Bis heute gilt das Mittelalter als eine dunkle Epoche des Rückschritts, in der die griechische Philosophie zurückgedrängt wurde und Kirche und Religion in allen Lebensbereichen dominierten. Erst in der Aufklärung wurden, so die verbreitete Ansicht, die Schriften von Platon wieder entdeckt, Aristoteles richtig interpretiert und die griechische Philosophie zum Grundstein der abendländischen Rationalität erhoben. Dass diese Sichtweise der Geschichte im Wesentlichen auf die Haltung und Arbeitsweise der Wissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts zurückgeht, möchte König-Pralong mit ihrer Arbeit sichtbar machen. „Es ist in dieser Zeit eine Meisterzählung entstanden, die das kollektive Gedächtnis strukturiert hat", sagt die Forscherin. Es herrschte die Meinung vor, dass die Europäer die einzigen sind, die frei, vernünftig und unabhängig denken können, weil Vernunft und Religion voneinander getrennt sind. Daraus wurde eine Überlegenheit Europas über andere Länder abgeleitet.

Geformte Vergangenheit

Bislang seien die Hintergründe dieser Meistererzählung nie in Frage gestellt worden. Das Team untersucht nun detailliert, wie die Philosophiehistoriker der Neuzeit ihrerseits mittelalterliche Autoren rekonstruierten, bewerteten und kritisierten. Es kam in dieser Zeit auch zur Unterscheidung von verschiedenen Kulturen. „Die Semiten wurden mit Religion, die Asiaten mit Mystik und die Europäer mit Vernunft verknüpft." Auch Rassekonzepte, die der Philosoph Immanuel Kant als Erster aufbrachte, hielten in dieser Zeit Einzug in die Geschichtsschreibung. Auf dieser Basis verfolgten die Wissenschaftler auch die Strategie, die Einflüsse der arabischen philosophischen Kultur in Europa herunterzuspielen oder zu leugnen. „Dabei ist es eine Tatsache, dass sich die arabische und die europäische Philosophie fortlaufend gegenseitig befruchtet haben." Diese Fakten passten aber nicht in das Weltbild der neuzeitlichen Philosophiehistoriker. Mit ihren wissenschaftlichen Strategien gelang es ihnen, die Vergangenheit zu beherrschen und nach den eigenen Vorstellungen zu formen. „Es heißt, die Ideologie der Aufklärung sei vorurteilsfrei – dabei unterliegt sie selbst Vorurteilen."

Als Quellen dienen König-Pralong und ihrem Team alle Geschichten der Philosophie, die seit 1700 erschienen sind. Zu diesem Zeitpunkt kam diese Disziplin auf. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf Werken in deutscher, französischer und italienischer Sprache. Umfassende Werke erschienen ab 1750. „Wir nutzen natürlich auch Vorlesungsskripte und Briefwechsel", sagt die Wissenschaftlerin. Dazu kommen Polemiken und Rezensionen, die in dieser Zeit eine wichtige Rolle spielten.


Geschichten der Philosophie, Vorlesungsskripte, Briefwechsel, Polemiken und Rezensionen: Das Team greift auf eine Vielzahl unterschiedlicher Quellen zurück.
Foto: Jürgen Gocke

Auf Umwegen

König-Pralong selbst forscht aktuell zu Karl Witte, der eigentlich Professor für Rechtswissenschaft war, aber für seine Arbeiten über den italienischen Dichter Dante Alighieri berühmt wurde. „Bei Witte kann man nachvollziehen, wie im 19. Jahrhundert kritische Editionen vorbereitet wurden." Er stand in Verbindung mit zahlreichen Danteforschern in Italien, von denen er Abschriften verglich, um die beste Textvariante zu finden. Da er die Philosophie verachtete, wertete er Dantes frühe philosophische Schriften ab. Dadurch wurden andere Wissenschaftler auf Dantes philosophische Werke aufmerksam, erkannten deren Wert und interpretierten sie in einem neuen Licht – ebenso wie die philosophischen Aussagen in seinen prosaischen Schriften. Das Beispiel zeigt also, über welche Umwege die Philosophiegeschichtsschreibung ihre Erzählungen aufbaute.

Insgesamt denkt Catherine König-Pralong ihre Forschung immer auf einer Metaebene. „Es spielen viele Disziplinen wie Politik, Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaft mit hinein", sagt sie, erst das ergebe ein einheitliches Feld. Die Forscherin glaubt an die Interdisziplinarität. Aus ihrer Sicht ist diese eine wissenschaftliche Notwendigkeit, um zu tragfähigen Erkenntnissen zu gelangen.

Petra Völzing

 

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