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Altes Wissen über Bord werfen

Im Masterstudiengang „Social Sciences“ beschäftigen sich Studierende mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Globalisierung

Freiburg, 27.02.2018

Altes Wissen über Bord werfen

Foto: Brian Jackson / Fotolia

Als die Universität Freiburg vor 15 Jahren den Master in „Social Sciences“ startete, waren die Auswirkungen der fortschreitenden Globalisierung längst zu spüren. Doch mit seinem Ansatz, Studierende in die Welt zu schicken, damit sie den gesellschaftlichen Veränderungen auf den Grund gehen, betrat der Studiengang Neuland. Heute bringen die Studierenden aus ihrer Zeit an den Universitäten in Südafrika, Argentinien, Thailand oder Indien vor allem eines nach Freiburg: eine neue Perspektive. Eine Serie stellt sieben weitere internationale Kooperationen vor.

Foto: Brian Jackson / Fotolia

„Unser Ziel ist, eine einheitliche Perspektive auf die Globalisierung zu hinterfragen. Der Studiengang lebt davon, dass man viel von dem wieder über Bord wirft, was man mal gelernt hat“, sagt Manuela Boatcă. Die Soziologieprofessorin von der Universität Freiburg leitet den zweijährigen „Master in Social Sciences“ – auch bekannt als „Global Studies Programme“. Der internationale und fächerübergreifende Studiengang bietet jedes Sommersemester 42 Plätze. Das erste Semester verbringen die Studierenden in Freiburg, im zweiten wechseln sie nach Kapstadt/Südafrika oder Buenos Aires/Argentinien, im dritten studieren sie in Neu-Delhi/Indien oder Bangkok/Thailand. Im vierten Semester kehren sie nach Freiburg zurück, um ihre Abschlussarbeit zu schreiben.

Entwicklung von Ungleichheiten

Schwerpunkt des Masters ist eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung damit, wie weltweite gesellschaftliche Veränderungen und Globalisierungsprozesse ablaufen. „Und zwar aus einer Perspektive des globalen Südens“, sagt Boatcă. Dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung von Ungleichheiten: „Wir befassen uns mit Armut in der Welt, aber auch mit der Situation der Superreichen, und fragen, wie Globalisierungsprozesse dazu beitragen.“ Postkoloniale Theorien oder der Vergleich verschiedener feministischer Ansätze können Thema sein, ebenso die Arbeit internationaler Institutionen und empirische Forschungsmethoden. Neben der Soziologie sind die Fächer Politikwissenschaft, Kulturgeographie und Ethnologie beteiligt.

„Aber auch regionale Perspektiven der jeweiligen Standorte spielen eine wichtige Rolle“, sagt Caroline Janz. Die promovierte Soziologin ist Programmdirektorin des Masters. „Die Studierenden lesen nicht nur unterschiedliche Theoretikerinnen und Theoretiker, sondern machen auch die Erfahrung, dass die Schriften etwa in Indien anders gelesen werden als in Westeuropa.“ Pierre Bourdieu zum Beispiel habe seine Theorie auf Grundlage der französischen Gesellschaft entwickelt. Wolle man mit ihr die indische Gesellschaft verstehen, blieben zwar zentrale Begriffe bestehen, „aber man muss sie abstrahieren und schauen, was davon passt.“

Unwägbarkeiten der Globalisierung

Die Erfahrungen vor Ort seien zentral: die unterschiedlichen akademischen Kulturen, das Leben auf dem Campus und in den Städten. „Und die Studierenden lernen, mit den Unwägbarkeiten der Globalisierung umzugehen, von der Vergabe der Visa bis zu den Sicherheitskontrollen an den Flughäfen“, sagt Boatcă. Ein sechswöchiges Praktikum zwischen dem zweiten und dritten Semester gehört ebenfalls zum Lehrplan. Die Spannbreite der möglichen Arbeitsfelder reicht von den Vereinten Nationen über Botschaften bis zu internationalen Initiativen und Kunstprojekten.

Die Struktur des Masters bedeute für die Studierenden eine große Herausforderung, sagt Janz: „Wir versuchen, von Beginn an das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe zu unterstützen.“ Die nach Freiburg zurückgekehrten Viertsemester begleiten beispielsweise die Neuankömmlinge als Mentorinnen und Mentoren. Ein gutes Drittel der Studierenden stammt aus Westeuropa, ein knappes Fünftel aus Asien und Ozeanien, jeweils gut ein Zehntel aus Nordamerika, Afrika und Lateinamerika. Unterrichtssprache an allen fünf beteiligten Universitäten ist Englisch.

Die meisten Absolventinnen und Absolventen arbeiten nach dem Studium in der Wissenschaft, bei internationalen Organisationen oder in der Entwicklungszusammenarbeit, sagt Janz. „Einzelne gehen aber auch zu Beratungsfirmen, in die Medien oder die Politik, da spielen auch die Erfahrungen aus dem vorangegangenen Bachelor eine Rolle.“ Ein guter erster Abschluss in einem sozialwissenschaftlichen Studiengang ist ebenso Voraussetzung für eine Bewerbung wie nachgewiesene Englischkenntnisse – und ein persönliches Motivationsschreiben. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber sei gut, sagt Boatcă, aktuell reichen etwa 130 Interessierte pro Jahr ihre Unterlagen ein.

Entstanden ist der Master schon vor 15 Jahren, „also vor Umsetzung der Bologna-Reform“, betont Boatcă. Seine globale Ausrichtung sei etwas Besonderes: „Wir waren damals ein Avantgarde-Studiengang – und das Programm ist heute noch innovativ.“

Thomas Goebel

 

Masterstudiengang „Social Sciences“

Studienbeginn des Masters ist jeweils zum Sommersemester.

Bewerbungen sind jeweils bis zum 30. November möglich.

Die Studiendauer beträgt vier Semester.

Das erste Semester verbringen die Studierenden an der Universität Freiburg, im zweiten wechseln sie an die Universität in Kapstadt/Südafrika oder in Buenos Aires/Argentinien, im dritten studieren sie in Neu-Delhi/Indien oder Bangkok/Thailand.

Die Abschlussarbeit wird an der Universität Freiburg verfasst

Weitere Informationen

 

„Das Global Studies Programme ist eine einzigartige Gelegenheit, die eigene Komfortzone wirklich zu hinterfragen und zu lernen, außerhalb der bekannten Muster zu denken. Während dieser zwei intensiven Jahre habe ich gelernt, über all das kritisch nachzudenken, was um mich herum passiert. Der wichtigste Aspekt dieses Studiengangs ist die Verbindung von Theorie und Praxis, das Gleichgewicht zwischen Büchern und Lebenserfahrung.“

Carmen Cancellari, hat ihr zweites Semester in Kapstadt und ihr drittes in Bangkok verbracht.
Foto: Sandra Meyndt

 

 

 

 

„Das Global Studies Programme ermöglicht es mir, in der Rolle eines Studierenden und Lernenden zu reisen und Menschen zu treffen. Aber letztlich ist es nicht wichtig, was ich in diesen zwei Jahren alles gelernt habe, sondern was ich verlernt habe. Nachdem man sich in andere Kulturen und Wertesysteme begeben hat, denkt man nicht mehr dasselbe. Das gefällt mir.“

Gus Chan, hat sein zweites Semester in Buenos Aires und sein drittes in Neu-Delhi verbracht.
Foto: Sandra Meyndt