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Eine Frage der Passion

Jennifer Eßer hat sich für eine Karriere in der Forschung entschieden – warum, erklärt sie am 22.01.2018 bei der Podiumsdiskussion „Für und Wider Wissenschaft“

Freiburg, 18.01.2018

Eine Frage der Passion

Foto: Jürgen Gocke

Karrieren in der Wissenschaft sind für viele junge Forscherinnen und Forscher ein Traum – doch wer eine akademische Laufbahn einschlägt, muss auch Risiken und Belastungen in Kauf nehmen. Dr. Jennifer Eßer hat sich für die Wissenschaft entschieden: Sie ist stellvertretende Arbeitsgruppenleiterin der AG„Kardiovaskuläre Biologie“ und Juniorgruppenleiterin der AG „Vascular Remodelling“ am Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen, Mitglied von SciNet – Junior Scientists and Academics Network Freiburg und strebt ihre Habilitation an. Bei der Podiumsdiskussion „Für und Wider Wissenschaft – Karriereperspektiven für Promovierende und Postdocs? Erfahrungsberichte. Einschätzungen. Empfehlungen.“ am 22.01.2018 wird sie von ihren Erfahrungen berichten. Nicolas Scherger hat sich mit ihr vorab unterhalten.


Jennifer Eßer engagiert sich für SciNet – Junior Scientists and Academics Network Freiburg mit dem Ziel, den Austausch zwischen jungen Wissenschaftlern an der Universität Freiburg zu fördern. Foto: Jürgen Gocke

Frau Eßer, wann standen Sie vor der Entscheidung für oder gegen eine akademische Karriere?

Jennifer Eßer: Dass ich in die Forschung gehen wollte, wusste ich schon als Schülerin. Ich habe mich für ein Biologiestudium entschieden, weil ich mich vor allem für Mikroorganismen und Genetik interessiert habe, bin aber schnell zu der Erkenntnis gekommen, dass ich biomedizinische Forschung machen möchte. Ende 2009 habe ich meine Promotion abgeschlossen. Zu der Zeit liefen bei uns viele interessante Projekte, deshalb habe ich einfach weitergemacht. Ab 2012 habe ich am Mentoring-Programm EIRA der Medizinischen Fakultät teilgenommen. Erst dort habe ich von den Mentorinnen und anderen Mentees mitbekommen, was alles möglich ist und was man tun sollte, wenn man in der Forschung bleiben will – vor allem, dass man die Habilitation anstreben sollte.

Andere Karrierewege waren für Sie also keine Alternative?

Ich habe mich einmal mit meinem Ehemann bei einer Veranstaltung darüber informiert, was man mit einem Diplomabschluss machen kann. Da ging es beispielsweise um biopharmazeutische Forschung oder pharmazeutisch-klinisches Studienmanagement. Aber ich habe nur gedacht: ach Gott, wie langweilig, das wäre nichts für mich. Also war klar: Ich brauche die Promotion. Letztlich hat das mit Passion zu tun, experimentelle Forschung ist einfach das, was ich gerne mache – und wenn es irgendwann nicht mehr geht, wird sich eine andere Möglichkeit auftun.

Als Naturwissenschaftlerin hätten Sie vermutlich die Möglichkeit, auch später in die freie Wirtschaft zu wechseln. Hat Ihnen dieser Gedanke Sicherheit gegeben? 

Nein, weil mir gesagt wurde: Wenn du nicht in kurzer Zeit promovierst und am besten noch ein Jahr Auslandserfahrung mitbringst, hast du in der freien Wirtschaft keine Chance. Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass das nicht unbedingt stimmt: Ich hatte schon Anfragen von Unternehmen, ob ich nicht eine Laborleitungsstelle übernehmen würde. Ich glaube, eine wichtige Rolle spielt, dass man an der Universität nicht nur fachspezifisches Wissen, sondern auch Schlüsselqualifikationen wie Führungsverantwortung oder Softwarekenntnisse erwirbt. Eine frühere Kollegin beispielsweise arbeitet inzwischen in einer Personalabteilung, die Stelle hat sie aufgrund ihrer analytischen Fähigkeiten bekommen.  

Welche Faktoren empfinden Sie auf dem Weg in die Wissenschaft als besonders hinderlich?

Ein gängiges Thema sind befristete Verträge mit zum Teil sehr kurzer Laufzeit. Es ist anstrengend, unter solchen Voraussetzungen zu arbeiten, weil man da immer in Gedanken auch bei der Frage ist, wie es weitergeht. In den vergangenen Jahren hat sich aber Einiges getan, damit wissenschaftliche Karrieren besser planbar werden, zum Beispiel die Juniorprofessuren und der Tenure Track. Ein weiteres Problem, gerade für Frauen, ist die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Wer Kinder will, muss diese Entscheidung einfach treffen, Sicherheit hin oder her – aber wir Forscherinnen bekommen im Schnitt sehr spät Kinder, weil es danach beispielsweise komplizierter wird, ins Ausland zu gehen. Hinzu kommt, dass es als Postdoc schwierig ist, auf lange Sicht unabhängig zu bleiben und immer wieder Mittel für die eigene Stelle einzuwerben, weil es in Deutschland nur wenige personenbezogene Förderprogramme gibt.

Wie gelingt es Ihnen, Karriere und Familie zu vereinbaren?

Ich mache es einfach. Mein Sohn ist knapp drei Jahre alt, und es hilft mir sehr, dass ich als Forscherin meine Arbeitszeit frei einteilen kann. Wenn ich um 15 Uhr gehen muss, dann gehe ich, und wenn ich am Sonntag arbeiten will, dann arbeite ich. An der Wissenschaft schätze ich aber nicht nur die zeitliche, sondern auch die inhaltliche Freiheit. Ich mag es, dass ich keine Kundenwünsche erfüllen muss, sondern selbst entscheiden kann, was ich erforsche. Meine Arbeitsgruppe ist für mich eine Art geschützte Lernzone, in der ich selbstständig agieren kann. Dadurch fühle ich mich auf den nächsten Karriereschritt nach der Habilitation sehr gut vorbereitet.

Womit beschäftigen Sie sich gerade?

Wir erforschen an Zebrafischen, wie sich das Gefäßsystem entwickelt und welche Faktoren bei der Ausdifferenzierung in Arterien, Venen und Kapillaren welche Rolle spielen. Wenn wir verstehen, wie diese Signalwege funktionieren, finden wir vielleicht neue Ansatzpunkte, um Erkrankungen des Gefäßsystems in Zukunft besser zu therapieren. Geplant ist zudem, dass ich zeitnah meinen Antrag auf das Habilitationsgesuch a stelle. Das Verfahren läuft dann erfahrungsgemäß etwa ein Jahr. Somit bleibe ich erst einmal hier, aber mein langfristiges Ziel ist, eine Professur zu bekommen.

Sie engagieren sich für SciNet – Junior Scientists and Academics Network Freiburg. Was wollen Sie mit dem Netzwerk vor allem erreichen?

Ein Grundgedanke ist: Wir kennen uns ja alle gar nicht, und das wollen wir ändern. Doktorandinnen und Doktoranden, die nicht in einem Graduiertenkolleg sind, arbeiten sehr stark für sich. Bei den Postdocs weiß niemand, wo es wie viele gibt, und alle müssen sich selbst zurechtfinden. Wir möchten deshalb die Möglichkeit schaffen, dass sich junge Wissenschaftler aus allen Fakultäten treffen und austauschen. Daraus können interdisziplinäre Projekte entstehen, und wir können uns gegenseitig bei praktischen Fragen helfen – etwa, worauf es bei Anträgen für Fördermittel ankommt oder welche Unterstützungsmöglichkeiten es für Forscher mit Kindern gibt.

Haben Sie sich selbst als Einzelkämpferin empfunden?

Ich bin Biologin, habe aber als Externe der Fakultät für Biologie in einer medizinischen Abteilung promoviert und dadurch von anderen naturwissenschaftlichen Doktoranden praktisch nichts mitbekommen. Und als Postdoc direkt nach der Promotion hatte ich auch noch keine klare Vorstellung, wie es weitergeht. Jemand hat zu mir gesagt: Ab jetzt bist du bist Forschungssöldner und kannst hingehen, wo du willst. Jemand anderes meinte: Du musst jetzt ins Ausland gehen. Ich habe mich aber gefragt: wofür? 

Sind Sie gegangen?

Nein, ich hatte ja eine Finanzierung und wollte meine Projekte nicht im Stich lassen. Vielleicht hätte ich mich anders entschieden, wenn mir damals jemand gesagt hätte: Du musst das machen, weil dir dann alle Türen für weitere Fördermöglichkeiten offenstehen, wenn du wieder zurückkommst. Aber an dem Punkt war ich damals gedanklich noch nicht. Jetzt fehlt mir der Auslandsaufenthalt, aber ich habe stattdessen viele internationale Fachkongresse besucht und auf diese Weise Erfahrungen gesammelt und Netzwerke geknüpft.

Was würden Sie sich wünschen, damit junge Forscher auf ihrem Karriereweg noch mehr Unterstützung bekommen?

Insgesamt finde ich es schön, dass sich in den letzten Jahren auf diesem Gebiet viel verbessert hat. Aber es gibt noch Einiges zu tun. Hilfreich wäre ein Kodex, was man auf dem Weg in die Wissenschaft auf jeden Fall beachten sollte und welche Informationsmöglichkeiten es gibt. Außerdem wäre schön, Mentoring-Programme sowie das Kursangebot zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen weiter auszubauen. Sehr wichtig wäre eine Übergangsförderung: In der experimentellen Forschung sind publizierte Ergebnisse die Grundlage, um neue Mittel einzuwerben. Aber ein Review-Prozess kann sich in die Länge ziehen. Es kann also passieren, dass eine Finanzierungslücke entsteht – um sie zu schließen, wäre ein Fellowship ideal. Und schließlich ist es zwar gut, dass mit dem neuen Hochschulgesetz in Baden-Württemberg die Doktoranden voraussichtlich als eigene Statusgruppe in den universitären Gremien vertreten sein werden, aber es kann eigentlich nicht sein, dass die Postdocs diesen Status nicht bekommen.

„Für und Wider Wissenschaft – Karriereperspektiven für Promovierende und Postdocs? Erfahrungsberichte. Einschätzungen. Empfehlungen.“

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Über Forschung, Lehre und Karrierewege – Zukunftsperspektiven der Universität Freiburg“ und findet am 22.01.2018 ab 19 Uhr im Haus „Zur Lieben Hand“, Großer Saal, Löwenstraße 16, 79098 Freiburg, statt. Auf dem Podium diskutieren Prof. Dr. Jule Specht, Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin und Sprecherin der Jungen Akademie, Dr. Sabine Behrenbeck, Abteilungsleiterin Tertiäre Bildung beim Wissenschaftsrat, Dr. Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender und Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung der Gewerkschaft, und Dr. Jennifer Eßer, stellvertretende Arbeitsgruppenleiterin „Vascular Remodelling“ am Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen und Mitglied von SciNet – Junior Scientists and Academics Network Freiburg. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

http://www.exzellenz.uni-freiburg.de/de/veranstaltungen