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Der frühe Vogel

„Alle Vögel sind schon da“- Davon können die Vogelforscher um Dr. Gernot Segelbacher von der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Universität Freiburg und Dr. Martin Schäfer von der Fakultät für Biologie ein Lied singen – und das immer früher. Sie erforschen den Vogelzug am Beispiel der Mönchsgrasmücke.

Freiburg, 07.05.2014


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Die Mönchsgrasmücke ist in Deutschland ein häufiger Singvogel. Im Winter ziehen die Vögel nach Spanien oder England( © Ralph Martin)

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Die Forscher stellen fest: Mit dem vorgezogenen Frühlingsbeginn in den vergangenen 20 Jahren kommen auch die Mönchsgrasmücken immer früher in Deutschland an. Doch was ist angeboren an den Zuggewohnheiten der Vögel? Was erlaubt ihnen, sich an neue Gegebenheiten anzupassen? Mönchsgrasmücken fliegen im Herbst nicht so weit wie Kuckucke oder Störche: Sie sind Kurzstreckenflieger und ziehen von Mitteleuropa aus nach Spanien, England oder an das südöstliche Mittelmeer. Die Forscher stellten in einer Untersuchung, die 2013 in der Fachzeitschrift Plos One erschien, fest: Vögel mit Vorliebe für den Winterurlaub auf den britischen Inseln, unterscheiden sich genetisch von ihren Verwandten, die den Urlaub im Süden vorziehen. Vögel dagegen, die nach West- oder Osteuropa ziehen, ähneln sich genetisch – trotz abweichender Route.
 

  • Krallenproben und Genanalysen

Um genaueres über die Verwandtschaft der Zugvögel herauszufinden fingen die Forscher Mönchsgrasmücken an Brutplätzen in Freiburg und an neun weiteren Standorten in Europa. Den Vögeln, die ins Netz gingen, wurde behutsam Blut entnommen und die Spitze der Krallen abgeknipst. Mit dem Blut  konnten die Forscher den genetischen Verwandtschaftsgrad zwischen den Grasmücken  bestimmen. Um herauszufinden, wo die Vögel überwintert hatten, nutzten sie die Krallenproben: In Ihnen lagern unterschiedliche Isotope von Wasserstoff. Je nach Nahrungszusammensetzung ist der Anteil der Isotope unterschiedlich. Anhand der Messungen schließen Forscher auf das Winterquartier der Tiere.

„Die Grasmücken die nach Südosten und nach Südwesten ziehen, unterscheiden  sich kaum genetisch. Das lässt sich darauf zurückführen, dass die Tiere sich miteinander paaren und es so zu einer Durchmischung der Genepools kommt“, sagt Segelbacher. Was sie dazu bringt, nach Spanien oder auf den Balkan zu ziehen, ist noch unbekannt. Die Vögel im Osten Mitteleuropas bevorzugen den östlichen Mittelmeerraum oder das östliche Afrika, im Westen Europas bevorzugen sie Spanien.

 

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Die Forscher fingen Mönchsgrasmücken in Freiburg und neun weiteren Standorten in Europa. (Quelle: Martin Schäfer)

Ein Modelltier für die Verhaltensgenetik

„In Freiburg fangen wir meist im Mooswald Vögel. Zehn Prozent der Mönchsgrasmücken sind Engländer, der Rest fliegt nach Spanien. Das bleibt jedes Jahr gleich“ erklären  Segelbacher und Schaefer. Mönchsgrasmücken zählen zu den wenigen Vögel Mitteleuropas, deren Zahl in Deutschland stetig zunimmt. Liegt das am Zugverhalten? Die Englandroute haben die Mönchsgrasmücken erst vor 50 bis 60 Jahren entdeckt. An diesem Beispiel konnte der Verhaltensforscher Andreas Helbig erstmals nachweisen, dass Zugverhalten genetische Grundlagen hat: Er paarte Engländer mit Spaniern. Die Hybride flogen in Richtung des Golfs von Biskaya – der Mittelweg zwischen Spanien und England. Ein Grund dafür, dass die genetischen Unterschiede sehr groß sind: Die Hybride würden dort nicht gut überleben. „Außerdem paaren sich Engländer und Spanier in der Regel gar nicht,“ erklärt Segelbacher, „Die Engländer kommen früher in Deutschland an und haben schon längst Partner gefunden, wenn die Spanier nachziehen“.

 

  • Flexibel gewinnt?

Ob Spanier oder Engländer, Mönchsgrasmücken haben einen Vorteil gegenüber ihrer Vogelverwandtschaft: Im Rückflugzeitpunkt nach Deutschland sind sie flexibel, da sie nicht nach Afrika ziehen, wie Kuckucke und Storche. „Vielleicht werden sie deswegen mehr“, vermutet Segelbacher. Vielen anderen Vögeln, die ihre Ankunft in Deutschland und den Zeitpunkt der Fortpflanzung nicht anpassen, schadet das verfrühte Pflanzenwachstum. „Meisen sind auf das massive auftreten von Raupen im Mai angewiesen, um ihre Jungen zu füttern. Wenn sie nicht rechtzeitig mit der Fortpflanzung beginnen, weil sie zu spät mit brüten beginnen, kommen die Jungen zu kurz“, sagt Segelbacher. Auf diese Wiese erforschen die Forscher, wie manche Tierarten sich schnell und erfolgreich an Umweltveränderungen anpassen. „Die meisten Vogelarten haben dieses Glück nicht: Viele Arten sind in Deutschland gefährdet“, erklärt Segelbacher.

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.
 

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PD Dr. Gernot Segelbacher

Gernot Segelbacher ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wildtierökologie und Management an der Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften der Universität Freiburg. Nach seinem Biologiestudium an der Universität Tübingen, das er 1996 abschloss, wurde er 2002 an der Technischen Universität München promoviert. In seiner Doktorarbeit untersuchte er die Genetik des Auerhuhns. Anschließend forscht er bis 2005 an der Vogelwarte in Radolfzell als Post Doctoral Research Fellow des Max Planck Instituts für Ornithologie. Auf seinem Blog http://conservationgenetics.wordpress.com gibt er Leserinnen und Leser einen Einblick in die Wildtiergenetik und seinen Forschungsalltag.
 

  

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