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Achtsamkeit in der Schule

Muße erleben trotz Stress und Leistungsdruck: Forscher haben getestet, ob psychologische Übungen an Schulen das ermöglichen können

Freiburg, 02.05.2016

Achtsamkeit in der Schule

Achtsamkeit in der Schule ist ein Weg zur Muße. Foto: lightpoet / Fotolia

Mai 2016

Über einen Zeitraum von mehreren Wochen lernen Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst im Hier und Jetzt zu richten und dabei die eigenen Ziele für eine Weile loszulassen. Achtsamkeitsübungen sollen dabei helfen, einen bewussten Zugang zu den eigenen Empfindungen zu entwickeln, um mit unterschiedlichsten Lebenssituationen umgehen zu können. Der Mediziner Prof. Dr. med. Joachim Bauer und der Psychologe Prof. Dr. phil Stefan Schmidt vom Klinikum der Universität Freiburg untersuchen die Auswirkungen auf „Muße“ und seelische Gesundheit.

Buddhistische Übungen für psychologische Zwecke

„Achtsam zu sein bedeutet, bewusst in der Gegenwart zu sein“, erklärt Schmidt: „Sich selbst und die Welt um sich herum wahrzunehmen, ohne die Eindrücke positiv oder negativ zu bewerten und ohne abschweifende Gedanken zuzulassen.“ Achtsamkeitsübungen kommen ursprünglich aus dem Buddhismus. In den 1980er Jahren begannen Psychologinnen und Psychologen, die Wirkungen dieser Übungen wissenschaftlich zu untersuchen und für klinische Zwecke zu nutzen. Sie zeigten, dass Menschen mit Depression oder Ängsten, mit Stressproblemen oder Burnout von dieser Methode profitieren können. Aber auch das Leiden bei chronischen Erkrankungen, zum Beispiel Multiple Sklerose, kann durch das Praktizieren von Achtsamkeit gelindert werden: „Durch langfristiges Üben ändert sich sogar die Struktur des Gehirns, so dass sich die Tendenz reduziert, sich gedanklich zu zerstreuen“, so Bauer.

Achtsamkeit als Weg zur Muße

Muße ist laut Definition der Freiburger Forscher ein konzentrierter und schöpferischer Zustand, der nicht zweckgebunden ist. Menschen erleben sie, wenn sie sich in eine Tätigkeit vertiefen und die Zeit dabei in den Hintergrund tritt. „Es kann aber auch darum gehen, abzuschalten und sich eine Auszeit vom Alltag zu gönnen“, sagt Schmidt. „Wesentlich ist, dass man bewusst und aus freien Willen handelt ohne ein Ziel zu verfolgen.“ Dennoch kann Muße auch gesellschaftlich sehr produktiv sein, erklärt Bauer: „Sie ermöglicht die für Erfindungen nötige Kreativität, aber auch die Fähigkeit, gegebene Strukturen zu kritisieren und sich dagegen aufzulehnen – heutzutage sind leider viele nicht mehr gewohnt, sich solche Zeit zu nehmen“. Mit Achtsamkeit, so die Theorie der beiden Wissenschaftler, können Erwachsene und auch Jugendliche den ersten Schritt zur Muße lernen, indem sie sich auf den Moment fokussieren und eine Distanz zum Alltag, zu den eigenen Gedanken und Emotionen aufbauen.

Muße in der Schule

Die Schule gilt als ein Ort der Disziplin und der Produktivität. Warum ausgerechnet dort Muße gelehrt werden sollte, deutet bereits der Ursprung des Wortes 'Schule' an. „Es kommt von dem griechischen 'skholḗ' – und das bedeutet 'freie Zeit'. In der Antike war die Schule tatsächlich ein Ort der Muße, denn Lernen war ein Luxus“, so Bauer. Wer reich war und Zeit dafür hatte, konnte sich damals bilden und sich in selbstgewählte Themen vertiefen. Der Unterschied zum heutigen System ist klar: Schule ist Pflicht und in den meisten Schulen haben Schüler kaum einen Einfluss auf die Inhalte, die sie lernen. Die Muße sei, erklärt Schmidt, weitgehend aus den Schulen verschwunden.

Ständiger Stress und Leistungsdruck

Schüler und auch Lehrer haben in ihrem Alltag mit Stress und Leistungsdruck zu kämpfen. „Lehrer sind eine stark Burnout gefährdete Berufsgruppe. Schüler wachsen mit einer stetigen Informationsflut auf und sind ununterbrochen miteinander vernetzt“, beschreibt Bauer die Situation an den Schulen. Die beiden Forscher untersuchten in drei Freiburger Gymnasien, was Achtsamkeitstrainings bei Schülern der 11. Klasse und bei Lehrern bewirken können. „Es geht dabei weniger um eine Verbesserung des Lernens und der Lehre als um die Wirkung auf den Alltag, die seelische Gesundheit und auf das Mußeerleben der Personen“, präzisiert Schmidt. Neben den praktischen Übungen reflektieren Schüler und Lehrer in einem Seminar den Stellenwert, den Produktivität in ihrem Leben hat, ihren Umgang mit Ablenkungen und welche Rolle dabei die Gesellschaft spielt.

Nutzen von Achtsamkeitstrainings in Schulen

Die ersten Ergebnisse der Studie, so Bauer, zeigen durchweg positive Auswirkungen auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainings: „Die Fähigkeit zur Achtsamkeit verringert bei Schülern und Lehrern Neigungen zu Angst und Depression. Sie erhöht das Vertrauen darin, sein Leben in die eigene Hand nehmen zu können.“ Der Einfluss auf die Kreativität der Teilnehmer ist jedoch noch unklar. Manche kreativen Fähigkeiten scheinen durch Achtsamkeit gefördert, andere aber auch gehemmt zu werden. „Das kann daran liegen, dass ein Zustand der Achtsamkeit eine starke Kontrolle der Gedanken beinhaltet, während es für bestimmte Formen der Kreativität nötig ist, den Gedanken freien Lauf zu lassen“, vermutet Schmidt. Die wichtigste Erkenntnis für die beiden Forscher ist, dass Achtsamkeitsübungen vor allem den individuellen Umgang mit dem meist durch die Gesellschaft erzeugten Stress erleichtern.

Muße als Wert in der Leistungsgesellschaft

„In der heutigen Gesellschaft werden selbst kurze Pausen funktional genutzt“, beschreibt Schmidt. „Menschen verlieren die Fähigkeit, innezuhalten und Muße zu erleben. Ihre beschleunigte und funktionalisierte Lebensweise ist nicht zentriert. Sie ist auf äußere Einflüsse ausgerichtet, wodurch sie sich selbst oft fremd werden.“ Mit der Schule begibt sich das Projekt an einen Ort, an dem es Menschen vor dem Übergang ins Arbeitsleben erreicht. „Schüler spüren ihre Rastlosigkeit und ihre Schwierigkeiten, sich zu fokussieren, sehr stark. Sie nehmen den Kurs dankbar an und bezeichnen ihn als erlösend“, berichtet Bauer. „Die Integration solcher Ansätze in den Schulunterricht kann frühzeitig ein Bewusstsein über den Wert der Muße schaffen und dieses langfristig in der Gesellschaft stärken.“

Text: Sarah Schwarzkopf

 

Porträt der Forschenden







Joachim Bauer. Foto: privat




Stefan Schmidt. Foto: Uniklinik Freiburg


Prof. Dr. Joachim Bauer und Prof. Dr. Stefan Schmidt leiten das Projekt „Muße im schulischen Kontext: Förderung von Muße, Kreativität und seelischer Gesundheit durch eine achtsamkeitsbasierte Intervention“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert die Studien als Teil des Sonderforschungsbereichs 1015 „Muße. Konzepte, Räume, Figuren“. Bauer und Schmidt sind Mitbegründer des deutschlandweiten Forschungsnetzwerks „Achtsamkeit in der Pädagogik“.

Bauer ist Facharzt für Psychiatrie und ausgebildeter Psychotherapeut. Am Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ist er als Oberarzt in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie als Experte im Bereich Gesundheit von Lehrkräften tätig. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Depression, Angsterkrankungen, psychosomatische Erkrankungen und das Burnout-Syndrom.

Schmidt ist Psychologe und Leiter der Abteilung „Komplementärmedizinische Evaluationsforschung“ am Universitätsklinikum Freiburg. Seit 2010 ist er Juniorprofessor und forscht über die psychologische Wirkung von Achtsamkeit. Ein weiterer seiner Schwerpunkte liegt auf der Meditationsforschung.

Kontaktdaten der Forschenden finden sich in der Expertendatenbank der Pressestelle.

 

 

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