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Kreative Forschung an Biosystemen

Die Synthetische Biologie verändert nicht nur die Lebenswissenschaften. Der Ethiker und Philosoph Dr. Joachim Boldt beobachtet die Entwicklung der neuen Disziplin und zeigt: Die kreative Freiheit der Synthetischen Biologie zieht Forscher und Ingenieure, aber auch Künstler in ihren Bann. Boldt erforscht, was die Wissenschaft attraktiv macht. Er sieht sich als Moderator und fördert diese Art von Austausch – zum Beispiel mit einem Theaterprojekt.


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Kunst mit Zellen: Die Studenten, die 2013 am iGEM Wettbewerb für Synthetische Biologie teilnahmen, entwickelten die UniBOX, mit der sie dieses Muster von fluoreszierenden Zellen erstellt haben. (Quelle:iGEM Freiburg 2013 )

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Treten wir ein in ein Zeitalter des Biodesigns? Statt biologische Systeme nur zu analysieren, versuchen Forscherinnen und Forscher in der Synthetischen Biologie sie nachzubauen. Die Bioingenieurinnen und -ingenieure verändern Netzwerke von Proteinen und Genen in Zellen, um deren Fähigkeiten zu erweitern. Die Forscher können so neue Medikamente oder Biotreibstoffe entwickeln. Joachim Boldt vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg beobachtet seit 2008 die Entwicklungen dieses Forschungszweiges.


Als assoziiertes Mitglied des Exzellenzcluster BIOSS Centre for Biological Signalling Studies der Universität Freiburg, an dem zur Synthetischen Biologie geforscht  wird, vermittelt er zwischen den Forschern und der Öffentlichkeit. Boldt versucht zu erklären, was Synthetische Biologie für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bedeutet und welches Bild die Gesellschaft von ihr hat. Er will herausfinden, ob und  wie die Errungenschaften der Bioingenieure die Gesellschaft verändern könnten. Welche Chancen bergen Mikroorganismen, die mit Sensoren für Giftstoffe ausgestattet sind oder die Medikamente und Kraftstoffe produzieren, um Probleme wie Ressourcenknappheit, Klimawandel, Krebs oder Infektionskrankheiten zu lösen? Welche ethischen Grenzen sollen dabei nicht überschritten werden?

 

  • Wohin entwickelt sich die Synthetische Biologie?

Im Projekt „Engineering Life“ widmete er sich von 2010 bis 2013 zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vom Karlsruhe Institute of Technology, der Universität Erlangen und der Medizinischen Hochschule Hannover den Entwicklungen in der Synthetischen Biologie. Das Team zeigte: Das Gentechnikgesetz deckt die aktuellen Sicherheitsfragen rechtlich ab. „Copyright und Patentfragen sind dringender“, sagt Boldt. Die meisten Neuerungen erwartet er nun in der Medizinforschung: „Als wir mit dem Projekt begonnen haben, ging es viel um Kraftstoffherstellung.“ Doch Boldts Forschung geht über Technikfolgenabschätzung hinaus.
 

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„Die Wissenschaftler verwenden in Publikationen und Interviews Begriffe wie ‚BioBricks‘ – Gen-Bausteine – oder ‚genetically engineered machines‘, die aus der Technik und dem Design und weniger aus der Biologie kommen“, so Boldt. Quelle: Patrick Seeger/ Universität Freiburg  
   
  • Labor, Atelier oder Biowerkstatt

Er zeigt, wie die Selbstwahrnehmung der Disziplin auch den Menschen in der Natur positioniert. Besonders die Sprache, die Wissenschaftler verwenden, ordnet die neue Wissenschaft eher dem Design und Ingenieurswesen als der Biologie zu. „Die Wissenschaftler verwenden in Publikationen und Interviews Begriffe wie ‚BioBricks‘ – Gen-Bausteine – oder ‚genetically engineered machines‘, die aus der Technik und dem Design und weniger aus der Biologie kommen“, so Boldt. Solche Begriffe  verändern das Spektrum dessen, was wir alltagssprachlich unter „Leben“ verstehen. Auch die ethischen Vorstellungen, die sich mit dem Begriff des Lebens verbinden, finden sich darin nicht wieder. „Kann dieser Diskurs in Zukunft unsere Vorstellung von dem, was Leben ist, prägen?“, fragt Boldt.

 

  • Kreativ macht attraktiv

Andererseits liegt in dieser veränderten Einstellung gegenüber dem Forschungsobjekt auch ein Wert der Synthetischen Biologie. „Das Besondere an
dieser Forschung ist die kreative Kraft, die an der Schnittstelle von Ingenieur- und Biowissenschaften entsteht“, erklärt Boldt. Die Journalistin Barbara Hobom benutzte 1980 als erste den Begriff Synthetische Biologie in Bezug auf die Forschung an Bakterien. Das Selbstverständnis dieser Disziplin ist noch neu. Erst in den 1990er Jahren entwickelte sie sich zu einem eigenen Forschungsbereich, in dem der Biologe zum Ingenieur wird.


 

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Ein Ergebnis von Boldts Forschung ist, dass besonders die Kreativität die neue Wissenschaft wertvoll für die Gesellschaft machen kann. Zum Beispiel übt die Disziplin eine große Faszination auf Studierende und junge Forscher aus. „So können Ideen für neue nutzbringende Anwendungen entstehen“, erklärt Boldt. Quelle: Patrick Seeger/ Universität Freiburg  
   

Ein Ergebnis von Boldts Forschung ist, dass besonders die Kreativität die neue Wissenschaft wertvoll für die Gesellschaft machen kann. Zum Beispiel übt die Disziplin eine große Faszination auf Studierende und junge Forscher aus. „So können Ideen für neue nutzbringende Anwendungen entstehen“, erklärt Boldt. Ein Beispiel dafür ist der „international genetically engineered machine“ Wettbewerb iGEM. Bei diesem Wettbewerb treffen jährlich Studentinnen und Studenten aus aller Welt zusammen, um ihre selbstständig entwickelten Forschungsprojekte und Erfindungen aus der Synthetischen Biologie vorzustellen. Seit 2008 ist jedes Jahr eine Gruppe aus Freiburg dabei – unterstützt vom BIOSS. Die Freiburger hatten 2013 ein Biowerkzeug entwickelt, mit dem sie ganze Netzwerke von Genen unter anderem mit Lichtsignalen an- und ausschalten können.
 

  • „Do it yourself“ und tobe dich aus

Boldt verweist darauf, dass sich die Attraktivität dieses Forschungsfeldes mit der ITBranche vergleichen lässt. Bei den jungen Wissenschaftlern in diesem Feld spielen der Do-it-yourself-Gedanke und die freie Zugänglichkeit von Informationen eine große Rolle. „Es gibt sogar eine App für Synthetische Biologie, in der man seinen eigenen Organismus nach Wahl bauen kann“, erzählt Boldt.
 

  • Künstler und Forscher arbeiten zusammen

Boldt beobachtet auch die Kunstwelt, denn Kunstschaffende wagen sich nun auch ins Labor. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, eine Zukunftsvision darzustellen, sondern mit den Mitteln der Synthetischen Biologie neue Wege in der Kunst zu gehen. Die Zusammenarbeit bringt Forscher wiederum auf Ideen – zum Beispiel dazu, neue Materialien zu designen. Aber auch Biologen werden zu Künstlern. Die Studenten im iGEM Projekt 2013 illustrierten mit Videos und Fotoprojekten ihre Forschungsarbeit. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Synthetischen  Biologie ermöglicht den Austausch zwischen den Wissenschaftlern und der  Öffentlichkeit. Hier sieht Boldt seine Funktion als moderierender Forscher. Boldt versucht auf diese Weise gegenseitiges Verständnis für Wünsche und  Befürchtungen der Forscher und Laien entstehen zu lassen. So wenig, wie die Zurückhaltung der Gesellschaft gegenüber neuen Technologien irrational sein muss, so wenig ist die Forschung in der Synthetischen Biologie von unlauteren Motiven getrieben oder unethisch. „Kein Wissenschaftler in der Synthetischen Biologie will Killerviren herstellen“, stellt Boldt klar.
 

  • Synthetische Biologie auf der Bühne

In Boldts nächstem Vorhaben wird es dramaturgisch: Mit Josef Mackert vom Theater Freiburg plant er Ende 2014 einen Theaterworkshop zum Thema Synthetische Biologie. „Studenten, Schüler und interessierte Laien können zusammen  herausfinden, was das Bemerkenswerte an dieser Forschung ist“, erklärt Boldt. Der Workshop ist Teil von Synenergene, einem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt im Rahmen des Programms „Responsible Research and Innovation“. 2013 startete das auf vier Jahre angelegte Projekt. Es soll den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft mit einem "Mobilisation and Mutual Learning Action Plan", einem „Aktionsplan zum gegenseitigen Lernen und zur Mobilisation“, stärken. Mit dem Theater Freiburg haben die Forscher am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin schon zwei erfolgreiche Produktionen initiiert: 2009 entwickelten interessierte Laien das Theaterstück „Pimp your Brain – Die Optimierung des menschlichen Gehirns“. 2011 standen im Stück „WUNSCHKINDER“ Fragen zur Reproduktionsmedizin im Vordergrund.


Dr. Joachim Boldt im Gespräch mit dem Professor für Synthetische Biologie Prof. Dr. Wilfried Weber: uni’leben 5/2013

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Dr. Joachim Boldt

Joachim Boldt ist seit 2010 stellvertretender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg. Von 1991 bis 1997 studierte er Philosophie und Germanistik in Heidelberg, Sheffield/England und Berlin. Er promovierte 2005 zu Sören Kierkegaards Erkenntnisbegriff an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Ende 2005 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Albert-Ludwigs-Universität. Er erhielt 2008 den Eugen-Fink-Preis der Philosophischen Fakultät und 2009 den MTZ-Preis für Bioethik der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Er erstellte
zusammen mit Dr. Oliver Müller und Prof. Dr. Giovanni Maio ein Gutachten für die Eidgenössische Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) zur Ethik der Synthetischen Biologie. Zusätzlich arbeitet er seit 2009 als Sachverständiger für den Ethikbeirat des Deutschen Bundestags zu ethischen Implikationen der Synthetischen Biologie sowie für den nationalen Ethikrat Dänemarks (Etisk råd) zu ethischen Fragen des medikamentösen Neuroenhancements.

 

 

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Szenen des Theaterprojekts "Pimp your Brain" von 2009

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Mit dem Theater Freiburg haben die Forscher am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin schon zwei erfolgreiche Produktionen initiiert: 2009 entwickelten interessierte Laien das Theaterstück „Pimp your Brain – Die Optimierung des menschlichen Gehirns“. Quelle: Joachim Boldt/ Universtität Freiburg

 

 

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