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„Es gibt auch normale Leute, die ‚Alter’ sagen“

Überflüssige Anglizismen zu usen hat voll style: Inwieweit identifizieren sich Jugendliche mit ihrer Sprache? Eine Studentin der Universität Freiburg hat das anhand des sozialen Netzwerks SchülerVZ untersucht. Ihr Ergebnis: Es gibt keinen Grund zur Sorge bezüglich des Sprachbewusstseins Jugendlicher. Denn sie setzen sich mit Sprache differenziert auseinander.


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Kommentare auf Pinnwänden, Äußerungen in den Profilen und Gruppen - SchülerVZ lebt von der Selbstdarstellung der Jugendlichen und deren Bedürfnis, zu zeigen, wer und wie man ist. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Sprachgebrauch zu, da durch ihn die jugendliche Wahrnehmung ihres Status in der Gesellschaft, ihre Werte, Interessen und Überzeugungen widergespiegelt werden. Die Gruppen haben für die Nutzer identitätsrelevanten Status, wie die Gruppe „Die Namen meiner Gruppen drücken nur meine Persönlichkeit aus“ beweist.

 

  • Großes Sprachbewusstsein

Aisha Hellberg zeigt anhand dieser Gruppen auf, dass Jugendliche über ein großes Sprachbewusstsein verfügen. Nicht nur das Bewusstsein eines Generationenunterschieds ist sehr stark ausgeprägt, sondern auch die persönlichen Haltung zur Sprache.

 

  • Identität und Sprache

Sprache und Sprachgebrauch sind deutliche Merkmale der Identität. Diesem Zusammenhang sind sich Jugendliche bewusst, was Gruppen wie „Irgendwie wird das Wort ‚Wannabe’ nur von Möchtegerns benutzt“ oder „Es gibt auch normale Leute die ‚Alter’ sagen“ belegen. Nicht nur die Darstellung ihrer Person, sondern auch ihre Standpunkte zur deutschen Sprache präsentieren die Nutzer: In der Gruppe „Der ‚Wort des Jahres’ Wahlkreis“ äußern sie ein besonderes Interesse an lexikalischen Fragen, sie fordern grammatikalische Korrektheit in den Gruppen „Verdammt noch mal, das heißt ISS und nicht ESS“ sowie „Es heißt ALS und nicht WIE!“ oder beziehen in der Gruppe „Es heißt DIE Nutella und nicht DAS Nutella!!“ Stellung zu Streitfragen des Sprachgebrauchs. Darüber hinaus werden Entwicklungen in der Sprachverwendung thematisiert - „Schön ist kein Wort mehr man sagt jetzt stylish!!!“ – und diskutiert: „Contra Anglizismen – Rettet die deutsche Sprache“ versus „Überflüssige Anglizismen zu usen hat voll style".

 

  • Kommunikationshürde zwischen den Generationen

Es finden sich humoristische Anspielungen darauf, dass die Sprachverwendung Jugendlicher als Kommunikationshürde zwischen den Generationen empfunden wird: „Und dann kam mein Atze und ich so ‚tight man’…verstehste Oma?“ oder „Eltern kennen das Wort PEINLICH nicht (wie Peinlich)“. Doch bei allen Unterschieden zur älteren Generationen wird der Begriff ‚Jugendsprache’ nicht verwendet. Dieser wird vielmehr mit der Erwachsenenperspektive auf die Sprachverwendung Jugendlicher verknüpft: „Jugendsprache, warum will der Staat das wir so reden??“ und „Erwachsene erfinden Wörter und behaupten, es wäre Jugendsprache“. Die jugendlichen Nutzer sind sich durchaus bewusst, dass viele ihrer Worte und Wendungen nicht dem standardisierten Deutsch entsprechen. Doch können sie ihre Sprachkreise differenzieren, was sie durch die Gruppen „Ich kann sowohl asi als auch deutsch sprechen“ und „Ich sprech Slang und höheres Deutsch zugleich“ ausdrücken.

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Aisha Hellberg

Die Freiburgerin studiert an der Albert-Ludwigs-Universität Germanistik, Romanistik und Ethik auf Lehramt für Gymnasien. Für ihre Untersuchung über das Sprachbewusstsein Jugendlicher hat sie 111 Gruppen, denen Jugendliche im SchülerVZ beitreten können, ausgewählt: Kriterien waren die Relevanz für den Zusammenhang von Identitätskonzepten Jugendlicher sowie Sprachbewusstsein, Spracheinstellung und Metasprachdiskurse. Dieser Korpus gibt einen Überblick über die Spracheinstellung junger Menschen zwischen 14 und 19 Jahren, die den Hauptnutzerkreis von SchülerVZ bilden. Anstoß zur intensiven Auseinandersetzung mit SchülerVZ gab ihr ein Seminar zu Jugendsprachen bei Prof. Helga Kotthoff. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit will Hellberg dieses Forschungsthema weiterverfolgen.
 

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„Jugendliche ironisieren und definieren.“

Spiegelbild der Realität: Aisha Hellberg erklärt, warum sich SchülerVZ als Forschungsgrundlage eignet – und warum sich Lehrer nicht vor sozialen Netzwerken verschließen sollten.

Surprising Science: Im Internet kann sich jeder so darstellen wie er gerne sein möchte. Wieso eignet sich SchülerVZ dennoch für eine wissenschaftliche Arbeit über die Sprache Jugendlicher?

Hellberg: Die jugendlichen Nutzer auf SchülerVZ haben im Allgemeinen noch nicht viele Bekannte, zu denen schon lange Zeit der Kontakt eingeschlafen ist. Die Pflege von aktuellen, realen Freund- und Bekanntschaften ist das primäre Motiv für die Nutzung des sozialen Netzwerks. Anonymität fällt dadurch in diesem Netzwerk oft weg, sodass die Online-Selbstdarstellung einer gewissen Kontrolle unterworfen ist.

Surprising Science: Was ist Ihr persönliches Resümee dieser Untersuchung?

Hellberg: Die Fülle der sprachbezogenen Gruppen, auf die ich stieß, hat mich überrascht. Die Jugendlichen beziehen zu den unterschiedlichsten sprachlichen Phänomenen Stellung, sie ironisieren und definieren. All dies zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Surprising Science: Sie sind angehende Lehrerin. Werden Ihnen Ihre aktuellen Erkenntnisse in der Schulpraxis weiterhelfen?

Hellberg: Ich weiß nicht, ob mir meine Untersuchung einen besseren Zugang zu Schülern ermöglichen wird. Aber vielleicht habe ich ein besseres Verständnis für ihre Alltagswirklichkeit bekommen, denn zu dieser gehören soziale Netzwerke mittlerweile. Ich denke, angehende Lehrer sollten sich mit dem Phänomen der sozialen Netzwerke auseinander setzen. Denn eine Sensibilisierung für den vernünftigen Umgang mit Ihnen wird auch in der Schule an Bedeutung gewinnen.


 
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