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Zwischen Identität, Folklore und politischen Forderungen

Ethnologin Judith Schlehe über die aktuelle Situation der indigenen Gruppen in Südostasien

Freiburg, 17.07.2018

Zwischen Identität, Folklore und politischen Forderungen

Neujahrsfest von Hmong in Luang Prabang (Laos). Foto: Judith Schlehe

Am 9. August jährt sich der Internationale Tag der indigenen Völker, an dem die Vereinten Nationen an deren oftmals prekäre Situation erinnern. In Thailand oder Myanmar beispielsweise gebe es zahlreiche transnationale Minoritäten, denen oftmals die Staatsbürgerschaft und damit der rechtliche Schutz verweigert werden, sagt die Freiburger Ethnologin und Südostasienexpertin Prof. Dr. Judith Schlehe, deren besonderer Forschungsschwerpunkt Indonesien ist. Einerseits sei dort nach der Unabhängigkeit von staatlicher Seite Ethnizität – nicht zuletzt auch für den Tourismus – folklorisiert worden, andererseits seien indigene Gruppen erst seit kurzem offiziell anerkannt worden. Dies allerdings auch nur teilweise. „Dadurch kann das von ihnen bewirtschaftete Land weiterhin als öffentliches Eigentum gewertet werden und der Staat kann lukrative Lizenzen an Palmöl- und andere Plantagen oder Minenunternehmen vergeben, die die Regenwälder hemmungslos abholzen“, betont Schlehe.

Erst in neuerer Zeit habe sich eine Allianz namens „Indigenous Peoples’ Alliance of the Archipelago“ gebildet, deren erster Teilerfolg 2017 darin bestanden habe, dass der Präsident 13.000 Hektar Land an neun indigene Gruppen zurückgab. „Wenig, verglichen mit den geforderten acht Millionen Hektar, aber ein achtbarer Erfolg angesichts der großen symbolischen Bedeutung.“

Weltweit fallen laut Schlehe unter den unscharfen Begriff ‚Indigene‘ mindestens 300 Millionen Menschen. Wörter wie Ureinwohner, Naturvölker, Stammeskulturen oder gar Primitive seien als Bezeichnungen längst nicht mehr angesagt. „Indigenität ist ein schillernder Begriff zwischen Romantisierung und Politisierung, der jedoch aus Sicht der UNO an folgende Kriterien gebunden bleibt: Kollektive, die bereits vor einer Invasion oder Kolonisierung in einem bestimmten Territorium gelebt haben, die von Erfahrungen der Unterwerfung, Marginalisierung, des Ausschlusses und der Diskriminierung geprägt sind, die freiwillig eine kulturelle Differenz aufrechterhalten – und die sich selbst als indigen identifizieren.“

Aus der Fachperspektive sei es aufschlussreich, danach zu fragen, wer von wem weshalb als indigen bezeichnet wird. Da seien zum einen die kritischen Konnotationen von ethnischen Minderheiten, rassistischer Diskriminierung und politischer Repression; zum anderen aber auch romantisierende Assoziationen von traditionellen Kulturen, alternativen Wissensformen, spiritueller Weisheit sowie besonderer Naturverbundenheit. Darüber hinaus gelte es, die Identitätspolitik zu betrachten. „Die weltweit zu beobachtenden Prozesse von Re-Indigenisierung sind nicht zuletzt mit Bemühungen um kollektive Selbstbestimmung und rechtliche Anerkennung verbunden, insbesondere in Bezug auf Landrechte und Ressourcenkonflikte.“

Prof. Dr. Judith Schlehe ist seit 2002 Professorin am Institut für Ethnologie der Universität Freiburg. Zu ihren regionalen Forschungsschwerpunkten gehören Südostasien und die Mongolei. Thematisch stehen im Fokus ihrer Arbeit unter anderem Repräsentationsformen und Popularisierung von Kultur, Religion und Weltverständnis sowie Mensch-Umwelt-Interaktionen.



Prof. Dr. Judith Schlehe


Institut für Ethnologie
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