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Sicherer Sieger?

Der Gewinner der russischen Präsidentschaftswahl scheint bereits festzustehen – Historiker Dr. Peter Kaiser über die Schwächen von Wladimir Putins Wahlkampf

Freiburg, 08.03.2018

Sicherer Sieger?

Quelle: ira_qiwi/Fotolia

Nächste Woche stimmen die russischen Bürgerinnen und Bürger darüber ab, wer Präsident ihres Landes werden soll. Die Chancen, dass Wladimir Putin erneut gewählt wird, stehen gut. Laut aktuellen Umfragen russischer Meinungsforschungsinstitute führt der Amtsinhaber mit über 70 Prozent Zustimmung vor seinem nächsten Verfolger, dem Kandidaten der Russischen Kommunistischen Partei Pavel Grudinin, der etwa sieben Prozent der Wählerinnen und Wähler für sich begeistern kann. „Trotz dieser Zahlen weicht Putin einem echten Wahlkampf mit allem, was dazugehört, konsequent aus“, sagt Historiker Dr. Peter Kaiser von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Warum?

Eine mögliche Antwort darauf könne Putins Persönlichkeit sein. „Putin ist kein geborener Redner, er ist kein Tribun, der die anderen mitreißen kann“, erläutert Kaiser.  Niemand wisse, wie er spontan auf kritische Fragen oder Zwischenbemerkungen in Debatten reagiere. Seine Selbststilisierung als starker Mann ohne Schwachstellen könne Risse bekommen, wenn er mit rhetorisch geschulten und starken Gegnerinnen und Gegnern um die Gunst des Publikums wetteifern müsse. „Und was würde Putin antworten, wenn man ihn nach der Korruption in seiner Umgebung oder nach wirtschaftlicher Stagnation fragen würde?“

Ein weiterer und möglicherweise noch wichtigerer Grund für Putins Unwillen, sich der Diskussion mit seinen Opponenten zu stellen, liege in der Geschichte Russlands begründet. Im Volk sei immer noch die Vorstellung weit verbreitet, dass ein starker Herrscher nicht diskutiere, sondern Befehle erteile. Mit jemandem zu diskutieren bedeute zwangsläufig, ihn als ebenbürtig anzuerkennen. Dies versuche Putin nach Kräften zu vermeiden. „Sein Motto lautet: Ich bin alternativlos, nur ich kann das Fortbestehen Russlands garantieren. Ein geeintes Volk wählt geeint den einen richtigen Kandidaten.“ Für diejenigen, die Putin nicht wählen möchten, blieben als Alternative nur die Kommunisten und die rechtsradikalen Kräfte übrig, die das bestehende System aufgrund ihrer Schwäche jedoch nicht gefährden würden. „Ein echter Wahlkampf könnte plötzlich alternative Entwicklungswege offenbaren und dem russischen Volk das Gefühl geben, tatsächlich Herr über den eigenen Staat zu sein.“

Schließlich gehe es Putin nicht nur um die eigene Wiederwahl, sondern auch um die Bestimmung seines Nachfolgers. 2024, wenn erneut eine Präsidentschaftswahl ansteht, werde das Jahr der Zäsur in Russland sein. Das von Putin aufgebaute System solle auch ohne ihn voll funktionsfähig sein. „Und da gilt es, einer Mündigkeit der Bürger rechtzeitig vorzubeugen.“

Dr. Peter Kaiser ist seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Geschichte der Medien in Osteuropa, die GUS-Staaten und Russland nach 1991.

 




Dr. Peter Kaiser


Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte
Rempartstraße 15, 79098 Freiburg im Breisgau

Tel: +49-(0)-761-203 3441
E-Mail: peter.kaiser@geschichte.uni-freiburg.de

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