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Sicherheitsgefühl in Deutschland

Soziologe Stefan Kaufmann über die Logik des Terrors und die Auswirkungen der jüngsten Anschläge

Freiburg, 01.08.2016

Sicherheitsgefühl in Deutschland

Bei dem Amoklauf in München haben Bürger ihr Vertrauen in die Polizeiarbeit bewiesen. Foto: © Heiko Barth / Fotolia

„Die jüngsten Anschläge in München und Ansbach – ebenso wie die in Nizza und Rouen – treffen das Sicherheitsgefühl in besonderer Weise“, erklärt der Freiburger Soziologe Prof. Dr. Stefan Kaufmann. „Sie verbreiten die Botschaft, dass man in jeder Situation potenziell Opfer von Attacken werden kann.“ Während Menschen sich bislang in ihrer eigenen Umgebung – dem Wohnviertel oder der Stadt – sicher fühlen konnten, sei nun der Terror in der Nachbarschaft angekommen. Genau dies sei jedoch Sinn und Zweck terroristischer Attacken: „Sie sind eine Form der Kommunikation, deren Botschaft in der Verbreitung von Angst und Schrecken besteht“, so Kaufmann. „Wie weitreichend und nachhaltig die Erschütterung des Sicherheitsgefühls tatsächlich wirkt, ist allerdings längst nicht entschieden.“

Die Forderung von Kommentatorinnen und Kommentatoren, keine Angst zu zeigen, sei paradox: „Der Terrorismus stellt eine Falle: Er provoziert Emotionen, Affekte und politische Reaktionen, welche die Grundlagen des öffentlichen Lebens in liberalen Gesellschaften untergraben. Es entstehen Angst, Misstrauen oder gar Rachegefühle“, erläutert Kaufmann. Dass man sich einer solchen Falle nur schwer entziehen könne, demonstriere etwa die akute Panikkommunikation, die in München über soziale Medien um sich gegriffen hat. In München habe sich allerdings auch gezeigt, dass Terror andere Effekte mit sich bringen kann: Gelassenheit bei eingestelltem öffentlichem Verkehr, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Vertrauen in die Polizeiarbeit sowie das Funktionieren von Krisenplänen. „Zudem rückte mit der Verbindung von Terror und Amok die Relevanz von Maßnahmen in den Blick, die nicht auf Repression und Exklusion setzen, sondern bei Radikalisierungsprozessen ansetzen.“ Zumindest hier würden sich Ansätze finden, sich der Logik des Terrors zu entziehen.

Stefan Kaufmann leitet eine Forschungsgruppe am Centre for Security and Society. Die fächerübergreifende Einrichtung bündelt die informationstechnische, juristische, soziologische, ethische und gesellschaftspolitische Sicherheitsforschung an der Universität Freiburg. Kaufmanns Team befasst sich mit kulturellen, organisatorischen und sozialen Bedingungen und Folgen gegenwärtiger Formen des Sicherheitsmanagements bei der inneren Sicherheit sowie mit dem Bevölkerungs- und Katastrophenschutz.

Artikel und Videointerview mit Stefan Kaufmann im Portal "Surprising Science":
www.pr.uni-freiburg.de/pm/surprisingscience/Ethik/zivilesicherheit/zivilesicherheit