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Besinnung auf die Grundprinzipien der Universität

Eröffnung des Akademischen Jahres: Rektor Jäger analysiert die Wettbewerbsposition der deutschen Universitäten

Freiburg, 20.10.2004

Der Rektor der Albert-Ludwigs-Universität, Professor Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Jäger, hat sich anlässlich der feierlichen Eröffnung des Akademischen Jahres 2004/2005 an der Albert-Ludwigs-Universität am heutigen Mittwoch, den 20. Oktober 2004, im Auditorium Maximum der Universität in einer programmatischen Rede kritisch mit der Entwicklung der Universitäten und deren Stellenwert im internationalen Wettbewerb auseinander gesetzt. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte um Eliteuniversitäten mahnte er eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien einer modernen Universität in einer freien Gesellschaft an: „Oberster Grundsatz für das Wirken der Universität ist und bleibt die Suche nach der Wahrheit sowie die Tradierung ihrer Inhalte und der Methoden der Wahrheitssuche.“ Die Orientierung an diesen Prinzipien hätten den deutschen Universitäten in der zweiten Hälfte des 19. bzw. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur eine Blütezeit, sondern auch einen internationalen Wettbewerbsvorteil beschert.

Wenn heute der Verlust dieses Wettbewerbsvorteils beklagt werde, dann sind nach Ansicht des Freiburger Universitäts-Rektors drei Gründe als Ursache dafür zu benennen: Zum einen haben sich mit der internationalen Marginalisierung der deutschen Sprache die Bedingungen für die Anerkennung der Leistungen Deutschlands in Forschung und Lehre deutlich verändert. „Als Deutschlands Universitäten Weltruf genossen und der Welt Modell standen, war es Großmacht in einer eurozentrierten Welt. Die deutsche Sprache war eine bedeutende Wissenschaftssprache; die Aktivitäten deutscher Hochschulen und Forschung reichten aus, um daran Interessierten aus der ganzen Welt das Erlernen der deutschen Sprache als lohnend erscheinen zu lassen. Heute ist Deutsch überall auf dem Rückzug. Englisch ist als Wissenschaftssprache lingua franca.“ Angesichts dieser Situation müssten die deutschen Universitäten sich fragen, was eigentlich einen Studierenden aus Asien dazu motivieren solle, hier zu studieren, wenn er sich nicht ausdrücklich für die deutsche Kultur interessiere. Zum andern werde die Qualität der deutschen Universitäten international zu wenig wahrgenommen, da sie auf dem internationalen Bildungsmarkt kaum präsent seien. Mit dem schottischen Philosophen David Hume erinnerte Jäger daran, dass Wirklichkeit immer nur eine perzipierte Realität sei. Aus dieser Perspektive schnitten die deutschen Universitäten international nicht gut ab, weil man den internationalen Bildungsmarkt weitgehend den angelsächsischen Universitäten überlasse. Vor allem aber müsse man anerkennen, dass Deutschland der Welt nicht mehr als Modell einer wissenschaftlichen, technischen und industriellen Zukunftsorientierung diene, um in der Diktion des Historikers Franz Schnabel am „deutschen wissenschaftlichen Geist“ teil zu haben.

In seiner Rede wies der Rektor nachdrücklich darauf hin, dass jede Debatte über die Qualität von Universitäten eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien einer modernen Universität erfordere: Die Suche nach der Wahrheit sowie die Tradierung ihrer Inhalte und der Methoden der Wahrheitssuche fußen nach Ansicht Jägers auf mehreren Prinzipien. Dazu zählte er zuerst die Freiheit von Forschung und Lehre. Zwar sei dieses Gebot verfassungsrechtlich verankert, aber dessen Garantie stelle eine übergeordnete politische Aufgabe dar, die angesichts der finanziellen Grenzen und Prioritätensetzungen sowie normativen Regulierungen, wie etwa im Falle der Stammzellforschung, immer wieder virulent werde. „Die Freiheit des Wissenschaftlers ist das Lebenselixier der Universität. Dies kann nicht genug betont werden angesichts der zunehmenden Verrechtlichung und Regulierung allen Handelns. Die Freiheit des Wissenschaftlers zu garantieren, muss das erste Credo auch der Universitätsleitung sein. Ich betone dies nicht zuletzt mit Blick auf die Stärkung des Rektors und des Rektorats durch das neue Landeshochschulgesetz.“

Die Universität Freiburg halte weiterhin an der Einheit von Forschung und Lehre fest. Jäger: „Indem die Studierenden dem forschenden Lehrer und dem lehrenden Forscher begegneten, werden sie mit der Wissenschaft vertraut. Dies gilt für alle Studierenden, nicht nur für jene, die als wissenschaftlicher Nachwuchs in der Universität verbleiben. Problemlösungskompetenz ergibt sich nicht aus dem Lernen von Fertigkeiten, sondern aus wissenschaftlichem Geist.“ Die Einheit von Forschung und Lehre beinhalte ferner den Blick über die Grenzen hinaus. Fachgrenzen seien immer künstlich und aus der Gesamtperspektive von Wissenschaft zu hinterfragen. Auch dies müsse Gegenstand der Interaktion von Lernenden und Lehrenden sein. „Gerade heute wird weltweit die Bedeutung von Inter- und Transdisziplinarität für den wissenschaftlichen Fortschritt neu erkannt. Eine Universität wie Freiburg muss die Chance der großen Bandbreite ihrer Disziplinen nutzen. Der Erfolg unseres Konzepts der neuen Universitas mit der Vernetzung der Disziplinen, das in einer dynamischen Zentrenentwicklung zum Ausdruck kommt, wird über die Zukunft der klassischen Universität entscheiden.“

Schließlich, so Rektor Jäger, liefere die Wissenschaftsorientierung der Lehre und die Lehrorientierung der Wissenschaft zentrale Inhalte des Bildungsauftrags der Universität: „Die Suche nach der Wahrheit bedingt Wahrhaftigkeit, einen Katalog von Tugenden, die leider in jüngster Zeit mit „best practice“-Kodizes aus bedauernswerten Anlässen aufgefrischt werden mussten. Die Studierenden damit im Studium vertraut zu machen, ist ein Stück Charaktererziehung.“ Dazu gehöre aber natürlich noch weit mehr. Denn Bildung umfasse alle Bereiche menschlichen Lebens von der Kunst über den Sport bis zur Religion. Sie solle vor allem zur Urteilskraft befähigen. Eine Universität wie Freiburg stelle dafür zahlreiche Angebote bereit, vom Studium Generale über den allgemeinen Hochschulsport bis zu den unzähligen Kunstgruppen, religiösen Gemeinden und studentischen Verbindungen. Besonders wichtig sei jedoch die Prägung der Studierenden durch ihre Hochschullehrerinnen und -lehrer, einen Vorteil, den nur die physische Universität und niemals eine virtuelle E-learning Universität bieten könne. Jäger: „Urteilskraft kann nicht im Elfenbeinturm gedeihen. Deshalb hat die Universität die Pflicht, den Studierenden auch einen Blick in die Arbeitswelt zu ermöglichen, soweit dieser nicht schon über eine neben dem Studium stattfindende Berufstätigkeit zu Stande kommt. Unser Zentrum für berufsqualifizierende Kompetenzen, die Lehre von Praktikern an der Universität, vor allem aber Praktika erweitern den Horizont. Dies ist keine Abkehr von Humboldts Universitätsidee, sondern ihre Bereicherung im Sinne seiner Forderung nach ‚geistiger und sittlicher Bildung‘ des Menschen.“

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