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Rückhaltloses Engagement für die Ziele des NS-Regimes

Abschlusstagung der Forschungsgruppe zur „Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920-1970“ in Berlin

Freiburg, 18.01.2008

Welche Rolle spielten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die von ihr geförderten Wissenschaftler im Nationalsozialismus? Warum entstand bereits nach 1918 eine spezifisch deutsche Wissenschaftskultur, die sich nach 1933 in den Dienst des Unrechtsregimes stellte? Und wie setzten sich nach 1945 traditionelle Einstellungen angesichts veränderter politischer und wissenschaftlicher Vorzeichen fort? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer internationalen Tagung zur Wissenschaftsgeschichte, die am 30. und 31. Januar 2008 in Berlin stattfindet.

Auf dem Treffen im Berliner Harnack-Haus stellt die unabhängige Forschungsgruppe zur Geschichte der DFG zwischen 1920 und 1970 die Ergebnisse ihrer achtjährigen Arbeit vor. Im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen, die auf 20 Einzelstudien der Forschungsgruppe gründen, steht die Zeit des Nationalsozialismus. Die Projekte und Ergebnisse – die auch auf einer Pressekonferenz präsentiert werden – decken  jedoch die gesamte Zeitspanne vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Reform der Hochschullandschaft in der Bundesrepublik Deutschland ab und beleuchten damit ein halbes Jahrhundert deutscher Wissenschaftsgeschichte.

Die Forschungsgruppe war 2001 vom damaligen Präsidenten der DFG, Professor Ernst-Ludwig Winnacker, gebeten worden, die Geschichte der größten deutschen Forschungsförderorganisation zwischen 1920 bis 1970 mit einem besonderen Fokus auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 zu untersuchen. Das zentrale Untersuchungsergebnis fassen die beiden Leiter des Forschungsvorhabens, Professor Rüdiger vom Bruch (Berlin) und Professor Ulrich Herbert (Freiburg) so zusammen: „Die Geschichte der DFG kann als der Versuch der an deutschen Hochschulen arbeitenden Wissenschaftler gedeutet werden, sich angesichts einer immer stärkeren Abhängigkeit von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit einen möglichst autonomen Freiraum zu schaffen und ihre Interessen zu vertreten.“ Für die Hochschulforscher, so vom Bruch und Herbert, war die 1920 gegründete Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (so der ursprüngliche Name der späteren DFG) „die Antwort auf ein allumfassendes Krisengefühl, das sie mit dem Bedeutungsverlust der Universitäten und der Grundlagenforschung, mit der wachsenden Abhängigkeit von anderen Teilsystemen der Gesellschaft und dem Abstieg der deutschen Forschung von der Weltspitze verbanden.“

Die Untersuchungen der Forschungsgruppe machen jedoch deutlich, dass diese Entwicklung allein nicht spezifisch deutsch war, sondern sich auch in anderen Wissenschaftssystemen findet. „Spezifisch deutsch war vielmehr, dass die Wissenschaftler in Deutschland nach der Niederlage des Ersten Weltkrieges die Krise der Hochschulwissenschaft und die Krise der Nation als Einheit wahrnahmen“, betonen vom Bruch und Herbert: „So entstand eine Wissenschaftskultur, die den Einsatz für die vermeintlichen Interessen der Nation zum deutlichsten Ausdruck seriöser Wissenschaft erhob, der alle anderen Werte relativierte.“

Dies hatte weitreichende Folgen: Ab 1933 setzte sich auch die DFG und die von ihr geförderte Klientel rückhaltlos für die Ziele des NS-Regimes ein. Dies zeigte sich schon bei der  Vertreibung jüdischer und demokratischer Wissenschaftler aus den Hochschulen und der DFG, erst recht dann aber in der Beteiligung von Wissenschaftlern an den NS-Verbrechen. So unterstützte die DFG unter anderem Arbeiten des SS-Ahnenerbe und förderte „Grundlagenforschung“ für die NS-Erbgesundheitspolitik. Auch die mörderischen Humanexperimente in Konzentrationslagern wurden durch Gelder und Apparate von DFG und dem 1937 eingerichteten Reichsforschungsrat mit ermöglicht, so etwa die Sterilisationsexperimente von Carl Clauberg in Auschwitz und die Zwillingsuntersuchungen von Josef Mengele in Auschwitz. Zu den bevorzugten Beihilfeempfängern der DFG gehörte – wie die zur Berliner Tagung erschienene Studie „Der planbare Mensch“ zeigt – auch der Kriminalbiologe Robert Ritter, der im Auftrag von Reichsgesundheitsamt und Reichskriminalpolizeiamt „Asoziale“ und „Zigeuner“ untersuchte und deren Deportation nach Auschwitz vorbereitete. Eine zweite soeben publizierte Untersuchung belegt, wie sehr der Reichsforschungsrat kriegs- und rüstungsrelevante Forschungen förderte.

Nach der totalen Niederlage von 1945 und der eigenen Neugründung 1949 trug die DFG zwar der schrittweisen Annäherung an „den Westen“ und an den wissenschaftlichen und politischen Pluralismus bei. Dennoch blieb sie weitere zwei Jahrzehnte lang, bis zur Reform der Hochschulen um 1970, die Repräsentantin und Bewahrerin der Ordinarienuniversität.

Diese und die weiteren Ergebnisse der Forschungsgruppe – die in zwei Buchreihen publiziert werden – gründen auf der bislang umfassendsten Auswertung DFG-relevanten Materials in nationalen und internationalen Archiven. „Es war für unsere Arbeit von höchster Bedeutung, dass die Erforschung der DFG-Geschichte ohne Einflussnahme und bei vollem Zugang zu den Quellen möglich war. Dafür sind wir der DFG und ihren Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker und Matthias Kleiner dankbar“, betonen Rüdiger vom Bruch und Ulrich Herbert.

Hinweis für die Medien:

 

Medienvertreter sind zu den Vorträgen und Diskussionen der Konferenz herzlich eingeladen. Ansprechpartnerin für Fragen zum Programm oder Interviewwünsche ist Dr. Karin Orth, Historisches Seminar der Universität Freiburg, Tel.: +49 761 203 3432, Mail: karin.orth@geschichte.uni-freiburg.de

Am Mittwoch, dem 30. Januar 2008, 12-13 Uhr, findet im Harnack-Haus eine Pressekonferenz mit den Leitern der Forschungsgruppe, Rüdiger vom Bruch und Ulrich Herbert, den Teilprojektleitern Wolfgang Eckart und Helmuth Trischler sowie DFG-Präsident Matthias Kleiner statt. Anmeldungen hierzu ebenfalls an Karin Orth (Kontaktdaten siehe oben)

Weitere Informationen:

Die website der Forschungsgruppe findet sich im Internet unter www.projekte.geschichte.uni-freiburg.de/DFG-Geschichte/

Weitere Informationen zur DFG-Geschichte auf der Homepage der DFG unter  www.dfg.de/dfg_im_profil­/geschichte

Ansprechpartner für Fragen zur Forschungsgruppe bei der DFG ist Dr. Guido Lammers, Tel.: 0228 / 885-2295, E-Mail: Guido.Lammers@dfg.de

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