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Inselutopie? Der Brexit im historischen Kontext

Germanistin Henrike Lähnemann erläutert, was die Reformation 1517 mit dem Brexit-Votum knapp 500 Jahre später zu tun haben könnte

Freiburg, 31.07.2017

Inselutopie? Der Brexit im historischen Kontext

Bild: Steven/Fotolia.com

Im Referendum am 23. Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Wählerinnen und Wähler in Großbritannien für die Option ‚Leave the European Union'. „Dieses Brexit-Votum hat viele überrascht, lässt sich aber in Anbetracht der Geschichte Großbritanniens als eine logische Folge ableiten“, sagt Prof. Dr. Henrike Lähnemann, Gastwissenschaftlerin an der Albert-Ludwigs-Universität. Ihrer Einschätzung nach ließe sich vor allem aus der Reformationszeit lernen, wie Großbritannien versuchte, durch eine Reihe von Austrittsbemühungen eine Inselutopie umzusetzen.

Getreu dem Motto der britischen Comedy-Gruppe Monty-Python ‚What have the Romans ever done for us?‘ begann die Serie von Brexits laut Lähnemann im Jahr 410 mit dem Austritt aus dem römischen Imperium. Es setzte sich im gesamten Mittelalter mit den Abwehrkämpfen gegen die Dänen und Wikinger fort und fand sein Echo in unterschiedlichsten Formen von ‚Exceptionalism‘ im 20. Jahrhundert. „Höhepunkt und Schlüsselereignis war aber die Trennung von der päpstlichen Autorität in der Reformation und die Lösung von einem neuen römischen Imperium“, erläutert die Mediävistin.

Besonders relevant, um die Motivation hinter dieser Entscheidung vor einem halben Jahrtausend zu verstehen, sei ein Text, den ein Politiker genau ein halbes Jahrtausend vor dem Brexit veröffentlicht habe. Der Lordkanzler Thomas Morus schrieb 1516 seine Vision „vom besten Zustand eines Staates und der neuen Insel Utopia”. Er habe damit nicht nur eine neue literarische Gattung begründet, sondern auch einen Schlüsselroman für das Verständnis seiner Landsleute geschrieben. „Es geht in ‚Utopia' – mit einer gehörigen Prise Ironie, die für jedes Verständnis britischer Befindlichkeit weiterhin entscheidend ist – um Regierungsformen, Krankenversorgung und, entscheidend, Fragen der Souveränität.“ Ein Jahr später veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen, die sich gegen die von Rom aus orchestrierte Ablasspraxis richteten.

Der englische König Heinrich VIII. sei zwar ein entschiedener Gegner Luthers und seiner Bewegung gewesen. Er habe die Abkehrbewegung, die von der deutschen Reformation ausging, gleichzeitig jedoch genutzt, um sich von Rom zu lösen und in England eine eigene Kirche mit maximaler Souveränität in politischer und religiöser Sicht aufzubauen. Thomas Morus, der sich weigerte, diese neue Ordnung anzuerkennen, wurde 1535 hingerichtet. „Seine säkulare Utopie einer Insel ohne kirchliche Obrigkeit und ohne Abhängigkeit aber lebte weiter: in dem politischen Gebilde, das sich unter Heinrich VIII. formte, und in den Idealvorstellungen britischer Wähler, auch wenn ihnen von dem Werk von 1516 wenig mehr als der Titel bekannt ist.“ Dass eine politische Umsetzung einer Utopie nicht das erhoffte Ergebnis bringe, sei eine Einsicht von vor 500 Jahren, die sich im gegenwärtigen Brexit-Diskurs erst langsam durchzusetzen beginne.

 



Prof. Dr. Henrike Lähnemann


Freiburg Institute for Advanced Studies - FRIAS
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