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Hungrige Vogelkinder

Naturschutzbiologe Gernot Segelbacher erläutert, wie der plötzliche Frühjahrsausbruch die Nahrungskette für Vögel und Insekten durcheinandergebracht hat

Freiburg, 16.05.2018

Hungrige Vogelkinder

Foto: Sven Böttcher

Ein Festmahl zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai wird es für Vögel vermutlich nicht geben. „Momentan besteht ein akutes Ungleichgewicht zwischen dem, was die Tiere gerade an Nahrung brauchen und dem, was ihnen zur Verfügung steht“, sagt der Ornithologe Prof. Dr. Gernot Segelbacher von der Universität Freiburg.

Schuld daran seien die fast schon extremen Wetterbedingungen der vergangenen Monate. Auf den März mit Schnee und Kälte folgten im April Sonnenschein und warme Temperaturen, die Bäume und Pflanzen schneller als gewöhnlich austreiben und blühen ließen. „In kürzester Zeit blühten so viele Arten gleichzeitig auf, die normalerweise über einen Zeitraum von mehreren Wochen nach und nach zu blühen beginnen“, betont Segelbacher. Dadurch sei die bereitstehende Nahrung auf ein enges Zeitfenster begrenzt und die bewährte Nahrungskette durcheinandergebracht worden. 

„Normalerweise gibt es zusammen mit dem Laubausschlag der Bäume auch eine Vielzahl von Raupen, die als Futter für die jungen Vögel dienen.“ Dieses Jahr treffe dies zeitlich jedoch nicht passgenau zusammen. Aufgrund der Kälte im März hätten viele Vögel später als üblich mit der Eiablage begonnen. Durch die schnelle Vegetationsentwicklung sei das Maximum der Raupenverfügbarkeit aber schon vorbei. „Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Jungen noch sehr klein sind. Normalerweise ist die Phase der Jungenaufzucht mit dem Auftreten der meisten Raupen synchronisiert, damit die Jungvögel in ihrer kurzen Nestlingszeit möglichst schnell ihr Ausfliegegewicht erreichen.“ Die Eltern müssten bei ungünstiger Nahrungsverfügbarkeit also deutlich mehr leisten – weiter und öfter fliegen, um ihre Jungen zu füttern. „Trotzdem kommen weniger Jungvögel durch.“

Gleichzeitig sei ein deutlicher Rückgang von insektenfressenden Vogelarten in den vergangenen Jahren beobachtet worden. „Unter dem massiven Rückgang an Insekten in der Landschaft haben insbesondere diejenigen Arten zu leiden, die ganz besonders auf Insekten als Nahrung angewiesen sind.“ So seien früher häufige Arten wie Rauch- und Mehlschwalbe seltener geworden. „Beide stehen mittlerweile in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.“

Gernot Segelbacher ist Ornithologe und Professor für Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Im Zentrum seiner Forschung steht die Anwendung molekularer Methoden im Naturschutz.

 

Prof. Dr. rer. nat. Gernot Segelbacher

Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen
Institut für Forstwissenschaften
Wildtierökologie und Wildtiermanagement
Tennenbacherstr. 4, 79106 Freiburg

Telefon: +49(0) 761 / 203-8592
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