Artikelaktionen

Sie sind hier: Startseite Online-Magazin erfinden & gründen Hand aufs Herz

Hand aufs Herz

Beim Elevator Pitch 2017 präsentieren 15 Start-ups ihr Geschäftsmodell in je drei Minuten

Freiburg, 20.11.2017

Hand aufs Herz

Foto: Tibor Dufner

Vom Erfinder zum Millionär – diesen Wunsch hegen vermutlich einige Teilnehmende am Businessplanwettbewerb Startinsland 2017. Ein Teil davon ist der Elevator Pitch: Hier dürfen 15 junge Unternehmen ihre Ideen und Konzepte in Kurzvorträgen präsentieren. Am Ende des Abends wählen die Besucherinnen und Besucher ihren Favoriten. Die populärste Präsentation erhält einen Publikumspreis. Anfang Dezember vergibt eine Fachjury die Hauptpreise des gesamten Wettbewerbs im Wert von 25.000 Euro.

Die Kardiologin Sonja Mayer will mit der App „MyHeartBeat“ den Therapieerfolg von Patienten verbessern.
Foto: Tibor Dufner

„Ein bisschen Anspannung ist da“, sagt Christian Hirth wenige Minuten vor seinem Auftritt. Gleich wird er mit Informatiker Frederik Böhm „DeepVa“ vorstellen. Der Name steht für „deep video analysis“. „Unsere Software erkennt automatisch Personen, Marken, Texte, Farben und viele andere Objekte in Videos“, erklärt Hirth. So lassen sich Videoarchive nach mehreren Kriterien kategorisieren und danach gezielt durchsuchen. „Bisher mussten dafür Menschen alle Videos von vorne bis hinten anschauen“, sagt Hirth, der Medienkommunikation an der Hochschule Offenburg studiert hat. Dort fanden auch die Gründer von „DeepVA“ zusammen. „Unsere Software basiert auf künstlicher Intelligenz“, betont Hirth. Das Programm ermögliche die gründlichste Videoanalyse. Zielgruppe ist die Medienbranche. Potenzielle Nutzerinnen und Nutzer sind aber alle, die ein Video- und Bildarchiv besitzen.

Frederik Böhm (links) und sein Kollege Christian Hirth haben eine Software entwickelt, die automatisch Personen, Marken, Texte, Farben und viele andere Objekte in Videos erkennt und klassifiziert.
Foto: Tibor Dufner

Sonja Mayer wirkt leicht aufgewühlt: „Das liegt nur an der A5.“ Die Ärztin hatte befürchtet, sich durch Staus auf der Autobahn zu verspäten. Sie arbeitet in der Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe bei Baden-Baden. Mayer hat gemeinsam mit der Ärztin Qian Zhou vom Universitäts-Herzzentrum Freiburg – Bad Krozingen „MyHeartBeat“ gegründet. Das Start-up will den Therapieerfolg bei Herzpatientinnen und -patienten mit einer App verbessern. Diese erinnert daran, Medikamente rechtzeitig einzunehmen, Rezepte zu erneuern, einen gesunden Lebensstil einzuhalten und dergleichen. „Wir wollen, dass die Patienten ihre komplexen Therapien verstehen und umsetzen“, erklärt Mayer. Zudem zeichnet die „MyHeartBeat“ App Parameter wie Blutdruck und Herzfrequenz auf, interpretiert sie und warnt, wenn sich die Werte kritisch verändern.

Qian Zhou erzählt, worauf zum Beispiel Patienten nach einer Herzoperation achten müssen. Die App „MyHeartBeat“ könnte ihnen dabei helfen, an ihre Medikamente zu denken und einen gesunden Lebensstil einzuhalten.
Foto: Tibor Dufner

Viele Ideen für zahlreiche Sparten

Rappelvoll ist der Peterhofkeller in Freiburg am Abend des Vortragstags. Bis zum Juni hatten mehr als 40 Start-ups ihre Konzepte für den Startinsland-Wettbewerb eingereicht. Einige haben dafür schon Preise erhalten. Später haben 31 junge Unternehmen, wie gefordert, jeweils 20-seitige Businesspläne nachgelegt. 15 davon hat die Jury vorab als aussichtsreichste Start-ups für den Elevator Pitch ausgewählt. Sie wollen in Sparten wie Messtechnik, nachhaltige Reinigungsprodukte, Medizintechnik, Herstellung von Photovoltaikmodulen, Fahrradtechnik, Laborgeräte, Sportpartnervermittlung, Mikrofluidik und weiteren erfolgreich Fuß fassen.

Rodica Schmidinger und Niko Bausch, beide vom Gründerbüro der Universität Freiburg, führen zusammen mit Florian Schmitt vom Freiburger Softwareunternehmen Haufe-Lexware durch den Abend. Kurz nach acht Uhr eröffnet das Trio den Wettbewerb. Drei Minuten Redezeit hat jedes Team. Anschließend folgt eine dreiminütige Fragerunde, in der zuerst die Jurorinnen und Juroren drankommen. Die Fachleute aus der Finanz-, Medizintechnik-, IT-, Pharmabranche und anderen Feldern sitzen vor der Bühne in den ersten Reihen. Zuletzt darf auch das Publikum noch Fragen stellen.

Das Feedback steht im Vordergrund

„MyHeartBeat“ nimmt zum ersten Mal an einem Pitch-Wettbewerb teil. „Wir wollen unsere Idee unterhaltsam darstellen“, sagt Sonja Mayer. Für sie und Qian Zhou sei der Wettbewerb zwar wichtig, aber doch mehr Nebenschauplatz: Ihre App geht schon im ersten Quartal 2018 auf den Markt. „Wir hoffen trotzdem, uns im vorderen Feld zu platzieren“, sagt Zhou. Im Vordergrund stehe aber, kritisches Feedback zu erhalten, mögliche Schwachstellen aufzudecken und das „soziale Kompetenztraining“.

Das Team „DeepVa“ hat sogar noch am Nachmittag letzte Einzelheiten in die Präsentation gepackt. „Wir wollen Essenzielles herausstellen und Fachbegriffe einfach erklären“, sagt Frederik Böhm. Er und Christian Hirth nehmen den Wettbewerb ernst und hoffen auf gute Rückmeldungen. Primär will das Duo aber frische Kontakte knüpfen, sein Netzwerk erweitern und neue Unterstützerinnen und Unterstützer finden.

Die 15 Vorträge folgen verschiedenen Strategien. In der Mehrheit wählen die Teams sachliche Darstellungen. Manche versuchen auch mit originellen Einfällen zu punkten: Anschaulich leitet der Slogan „Gummibärchen statt Spritzen“ einen Vortrag ein. Einmal stehen zwei Personen in Laborkitteln auf der Bühne. Eine Besucherin wird gebeten, ein Gemälde von Vincent van Gogh beschreiben. Alle müssen sich anschließend den Fragen stellen. Es geht um Details, Druckwerte, Schnittstellen, Lebensdauer, Marktvolumen, Patente und ähnliches. Gelegentlich aber schwingen Kritik und Zweifel mit: „Sind sie damit nicht zu spät dran?“ Oder: Wie stellen es sich Start-ups vor, mit Marktgrößen umzugehen? Bekämpfen oder kooperieren?

Hirth und Böhm von „DeepVa“ betreten die Bühne. Sie reden abwechselnd, stellen ihr Produkt vor, erklären, dass es sich an die Medienbranche richtet – auch, um Google und Konsorten auszuweichen. „Wir haben den SWR als Pilotkunden“, erzählt Hirth. Im Moment trainiere die Software, wie üblich bei künstlicher Intelligenz und „Deep Learning“, noch fleißig. Letztlich wolle „DeepVa“ die Software für die ganze ARD einsetzen, so Böhm. Die Darbietung läuft rund. Doch Böhm sieht noch Potenzial zur Verbesserung.

Mayer und Zhou von „MyHeartBeat“ halten den letzten Vortrag. „Mein Name ist Tom Müller“, beginnt Mayer. Sie mimt einen Patienten nach einer Herzkatheter-Operation: „Mein Leben hat sich total geändert!“ Tom Müller ist überfordert. Was muss er, was sollte er tun und was auf keinen Fall? Jetzt kommt Zhou dazu, und beide beschreiben abwechselnd die Vorzüge ihrer App. Die Kardiologinnen bieten eine routinierte Vorstellung, erzählen vom geplanten Markteintritt im Frühjahr 2018. „Dann wird auch eine kleine Studie zu unserer App anlaufen“, sagt Zhou.

Eine lebhafte Start-up-Kultur entsteht

Nun kreuzen die Besucher ihren Favoriten auf Vordrucken an. Das Einsammeln und Auswerten beginnt, während die Menge in den Nebenraum zum Buffet strömt. Gespräche füllen den Raum. In entspannter Stimmung tauschen sich Juroren, Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer aus, Vortragende diskutieren über ihre Performance.

„Ich bin nicht ganz zufrieden“, sagt Christian Hirth. Er hat bemerkt, dass es zeitliche Verzögerungen gab. „Die grundlegende Problemstellung der Videoanalyse habe ich leider zu lange erläutert“, ärgert sich Hirth. Er und Frederik Böhm verbuchen es als lehrreiche Übung. Beide bedauern, dass die Dritte in ihrem Bund, Esther Arroyo Garcia, nicht mit dabei sein konnte. Sie ist bei „DeepVa“ für die Projektleitung und das Marketing zuständig. „Aber wir sind begeistert, dass hier in Freiburg so eine lebhafte Start-up-Kultur entsteht“, resümiert Böhm.

Auch bei „MyHeartBeat“, das eine dreiköpfige Geschäftsführung hat, fehlte eine Vortragskraft – Lan Zhang, die 20 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung mitbringt. „Wenn sie nicht in Singapur wäre, hätte sie mitgemacht“, sagt Sonja Mayer. Sie und Qian Zhou mussten improvisieren, weil der Beamer genau dort stand, wo sie selbst ursprünglich stehen wollten. Davon abgesehen lief alles glatt, finden sie. „Ich bin dennoch froh, dass es vorbei ist“, sagt Zhou. „Jetzt können wir uns wieder voll auf unser Produkt konzentrieren.“

Bei den Besuchern kommt eine alltagstaugliche Idee am besten an: Im Rennen um den mit 1.000 Euro dotierten Publikumspreis hat „SmartFaraday“ die Nase vorne. Das Start-up baut ein vernetztes Fahrradpedal. Dieses misst Aktivität und Leistung von Radlerinnen und Radlern, alarmiert bei Diebstählen, kartiert Routen und kann noch mehr. Das Preisgeld werde in die weitere Entwicklung fließen, sagt Konstantin Hoffmann von „SmartFaraday“ und fasst zusammen: „Wir holen das Fahrrad ins Internet der Dinge.“

Jürgen Schickinger

 

Startinsland

Die Universität Freiburg, das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein und die Hochschule Offenburg richten den Businessplanwettbewerb Startinsland gemeinsam aus. Er findet im zweijährigen Turnus statt – die nächste Runde ist 2019.

Wettbewerb Startinsland

Gründerbüro der Universität Freiburg