Artikelaktionen

Sie sind hier: Startseite Online-Magazin erfinden & gründen Nachhaltige Partnerschaften

Nachhaltige Partnerschaften

OneLife fördert kleine und mittelständische Unternehmen im globalen Süden

Freiburg, 29.03.2018

Nachhaltige Partnerschaften

Foto: Ala Hilu

Das Projekt OneLife vernetzt deutsche Unternehmen mit solchen aus dem globalen Süden. Letztere sollen sich nachhaltig entwickeln können, ohne fremde Strukturen übernehmen zu müssen. Zugute kommen die Geschäftspartnerschaften aber beiden Seiten – und noch dazu der Umwelt.

Aus Abfallholz eine Kunst machen: Ala Hilu in seiner Werkstatt in Palästina.
Foto: Ala Hilu

Ala Hilu veredelt Abfallholz. Der Mann aus Palästina baut damit Marktstände, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände. Jetzt will er auch Brillenfassungen aus Holzabfällen herstellen. Die CNC-Fräsmaschine, die dazu notwendig ist, kann sich der Kleinunternehmer aber nicht leisten. „Wir haben einen deutschen Hersteller gefunden, der ihm die Maschine liefern kann“, sagt Saji Zagha von OneLife. Das studentische Projekt ging 2017 aus dem internationalen Masterstudiengang Environmental Governance (MEG) der Universität Freiburg hervor und hat gleich beim campusWELTbewerb, dem Wettbewerb für globale Nachhaltigkeit an baden-württembergischen Hochschulen, gewonnen. Im März 2018 folgte ein weiterer Erfolg: In Tunesien hat das Team bei den Hult-Prize Regionals, dem weltgrößten Wettbewerb für Start-ups in der Nachhaltigkeitsbranche, den ersten Preis belegt.

„Wir wollen kleine und mittelständische Betriebe aus dem globalen Süden fördern, indem wir sie mit deutschen Firmen zusammenbringen“, sagt OneLife-Mitbegründerin Laila Berning. Dadurch werden Unternehmen im Süden informative, technologische und finanzielle Hilfe erhalten – als Basis für eine nachhaltige, faire Entwicklung. Von den Nord-Süd-Partnerschaften sollen aber nicht nur beide Seiten profitieren, sondern ebenso die Umwelt.

Geschäfte und Vertrauen vermitteln

Kleine Unternehmen wie das von Ala Hilu haben es schwer, sich ohne Hilfe zu entwickeln. „Meistens fehlen Geld, geeignete Geräte oder beides“, sagt Zagha. Viele Betriebe scheitern. Das zu verhindern ist ein Ziel der OneLife-Partnerschaften. Sie sollen zudem örtliche Strukturen stützen, statt fremde zu importieren. Im Fall von Ala Hilu hat das Team nicht nur das passende deutsche Unternehmen gefunden, sondern ist auch beim weiteren Austausch behilflich: Da Hilu nur Arabisch spricht, übersetzt OneLife die gesamte Kommunikation. Außerdem wird das Team gemeinsam mit beiden Parteien ein rentables Geschäftsmodell entwickeln.


Ala Hilus Unternehmen fördert Frauen und Geschlechtergleichheit.
Foto: Ala Hilu

Eine Voraussetzung für die Auswahl der Kleinbetriebe ist, dass sie möglichst viele Ziele der nachhaltigen Entwicklung verfolgen. Einen Katalog dieser Sustainable Development Goals haben die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen 2012 in Rio de Janeiro/Brasilien zusammengestellt. Hilus Upcycling-Unternehmen fördert Frauen und Geschlechtergleichheit. Es dient Mensch und Umwelt, etwa indem es natürliche Ressourcen schont, die Menge an Abfall verringert und Arbeitsplätze schafft. „Ala engagiert sich seit Jahren für Nachhaltigkeit“, sagt Zagha. Eine entsprechende Philosophie sollen auch die Partnerunternehmen aus dem globalen Norden vertreten. „Sie müssen nicht erst Vertrauen zu Geschäftspartnern aus dem Süden aufbauen“, sagt Berning, „sie müssen nur uns vertrauen.“ Zudem hilft OneLife bei Übersetzungen, Anträgen und dabei, fremde gesetzliche Bestimmungen zu erfüllen. Da können auch Kenntnisse der örtlichen Umstände eine Rolle spielen: Mit korrupten Beamtinnen und Beamten ist anders zu verhandeln als mit unbestechlichen. Selbstverständlich sollen auch Geber wie der CNC-Lieferant Gegenleistungen für Investments erhalten, betont Berning: „Es geht uns nicht um philanthropisches Engagement, sondern um das Vermitteln von echten Geschäftspartnerschaften.“

Weltweites Netzwerk hilft mit

Zum OneLife-Kernteam gehören fünf Personen. Drei davon haben die Idee zum Projekt im MEG-Studiengang entwickelt. Er besteht seit 14 Jahren. „Aktuell haben wir im Schnitt rund 37 Studierende aus 21 Nationen pro Studiengang“, sagt Studiengangleiter und OneLife-Mentor Prof. Dr. Heiner Schanz vom Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie. Fast 400 Personen aus fast allen Winkeln der Erde haben den Studiengang schon absolviert. Sie bilden das weltweite MEG-Netzwerk aus Wissenschaftlern, Unternehmern, Beamten und Beratern. „Die bringen eine starke Expertise mit und haben überall ihre Finger drin“, sagt Schanz. Auf diesen Kompetenzverbund kann OneLife zugreifen, um förderungswürdige Projekte zu finden, Nord-Süd-Partnerschaften einzuleiten und aufzubauen.

100.000 davon wünscht sich Zagha in zehn Jahren: „Ich hoffe, dass wir exponentiell wachsen.“ Das Unternehmen soll sich dann über kleine Provisionen finanzieren. „Wir wollen durch Business mehr Nachhaltigkeit erreichen“, betont Zagha. Dafür gibt es noch einiges zu tun: Weitere Partnerschaften anleiern, Details des Geschäftsmodells ausarbeiten, das deutsche Netzwerk an mittelständischen Unterstützern ausbauen, OneLife als Start-up anmelden und weitere Anschubfinanzierungen suchen. „Im März 2018 läuft die Finanzierung durch den campusWELTbewerb aus“, bedauert Zagha. Mit dem Wettbewerb fördern die Landesministerien für Wissenschaft, Forschung und Kunst und für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft global-nachhaltige Hochschulprojekte aus Baden-Württemberg.

Im Rennen um den „sozialen Studenten-Nobelpreis“

„Das Preisgeld war eine gute Starthilfe“, sagt Berning. Gleiches gilt laut ihr und Zagha auch für die Beratung des Gründerbüros der Universität Freiburg: „Die war sehr hilfreich.“ Geschäftlich will sich das Team auf nachhaltig produzierende Gewerbe in den Sektoren Landwirtschaft, Abfallwirtschaft und erneuerbare Energien fokussieren. Mit der Zeit sollen weitere Sektoren wie nachhaltiges Wohnen hinzukommen. „Wir sondieren auch den Gesundheitssektor“, sagt Berning. In diese Sparte fällt auch „Noor Medical“, die Neuentwicklung, mit der das Team beim Hult-Preis erfolgreich war. Die hoch dotierte internationale Auszeichnung gilt als „Nobelpreis für soziale studentische Unternehmen“. Wenn das Team sich bei den nächsten Ausscheidungsrunden behaupten kann, winken bis zu eine Million US-Dollar Preisgeld.

Silberner Prototyp: Das Team entwickelt gemeinsam mit einem Ingenieur aus Uganda eine Desinfektionsmaschine, die durch Solarthermie angetrieben wird und auch bei unzuverlässiger Stromversorgung funktioniert.
Foto: Enock Musasizi

OneLife tritt mit einer besonderen Desinfektionsmaschine an, einem Hybridautoklaven. Im globalen Süden erhalten drei Milliarden Menschen medizinische Behandlungen durch ländliche Klinken. Diese haben oft eine unsichere Stromversorgung. Bei Ausfällen muss das Personal nicht selten entscheiden, ob es gar nicht oder mit unsauberem Besteck operiert. Solche Schwierigkeiten verursachen millionenfach unnötige Gesundheitsprobleme und Todesfälle. Der Hybridautoklav, den das Team gemeinsam mit einem Ingenieur aus Uganda entwickelt, läuft bei Sonnenschein mit Solarthermie. Ziehen Wolken auf, erzeugt ein Photovoltaik-Modul ausreichend Energie. Zur Not hat das Gerät einen Stecker und lässt sich mit Generatoren betreiben.

Auch jenseits des Wettbewerbs sehen Laila Berning und Saji Zagha positive Seiten: „Selbst wenn wir nicht gewinnen, bietet der Wettbewerb gute Möglichkeiten, neue internationale Kontakte zu knüpfen.“ Außerdem wird das Konzept des Autoklaven Bestand haben. Sollte er in naher Zukunft ein paar hundert oder tausend Menschen das Leben retten, ist OneLife sowieso ein Gewinner.

 

Jürgen Schickinger