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Gesellschaft, Gender und Dumpster Diving

Studierende aus Indonesien und Deutschland haben sich in die Freiburger Subkultur vertieft

Freiburg, 28.07.2017

Gesellschaft, Gender und Dumpster Diving

Foto: theartofphoto/Fotolia

Wie werden soziale Kategorien und Konventionen geschaffen – und wie werden sie wieder zerstört? Vier Wochen lang haben Studierende der Ethnologie und Politikwissenschaft aus Indonesien und Deutschland in kleinen Teams zusammengearbeitet. Das Forschungsfeld war breit: von der Freiburger Schwulenszene über nichtfaschistische Skinheads bis zu Rappern aus der Migrantenszene und den Bänderern in der Mensa. Das Besondere: Die Themen haben die indonesischen Studierenden eingebracht und von ihrer Heimat aus recherchiert. Auf einer abschließenden Tagung haben die Teams ihre Ergebnisse präsentiert.

Dumpster Diving, auch Containern genannt, wird in Deutschland in vielen Städten praktiziert – in Indonesien hingegen ist es völlig unbekannt.
Foto: theartofphoto/Fotolia

Sarah Gomm, Vita Anggraeni, Luisa Arndt und Patrick Birch plaudern entspannt in der Mittagspause des abschließenden Workshoptages. Ihre Präsentation haben die vier Studierenden bereits gehalten und lassen sich nun Tomatensuppe und Pasta schmecken. Sie haben sich in den vergangenen vier Wochen intensiv mit der Freiburger Dumpster-Diving-Szene beschäftigt, auch Containern genannt. Das sind zumeist junge Leute, die noch verwendbares Essen aus den Müllcontainern der Supermärkte fischen. Anggraeni ist auf das Thema gestoßen, als sie in Indonesien auf einen deutschen Touristen traf: „Er hat mir erzählt, dass er auf seinen Reisen auf diese Weise überlebt", berichtet die angehende Anthropologin. So hat sie erfahren, dass es in Deutschland eine solche Szene gibt und viel darüber recherchiert. Sie informierte sich auch über die politischen antikapitalistischen Hintergründe dieser Bewegung. „Mir war das bis dahin völlig unbekannt, denn in Indonesien gibt es eine solche Szene nicht", erzählt sie.

Zuerst die Arbeit, dann der Schmaus: Die Studierenden stellten bei einem Workshop die Ergebnisse ihrer Recherchen vor und ließen sich anschließend Pasta und Tomatensuppe schmecken.
Foto: Klaus Polkowski

Die vier Studierenden haben sich über ein Programm kennengelernt, das die interkulturelle Forschung stärken will: Prof. Dr. Judith Schlehe vom Institut für Ethnologie der Universität Freiburg hat die „Lehrforschungskooperation mit Indonesien" vor 13 Jahren begründet. Am Anfang lief die Zusammenarbeit nur mit der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta; 2014 kam die Hasanuddin Universität in Makassar dazu. „Wir haben das Projekt von einem Tandem- auf ein Teammodell erweitert", sagt die Ethnologin. Hinzu kommt, dass seit 2011 auch Studierende der Internationalen Beziehungen mitmachen. Schlehe leitet das Programm gemeinsam mit ihrem Freiburger Kollegen Prof. Dr. Jürgen Rüland vom Seminar für Wissenschaftliche Politik und mit Forscherinnen und Forscheren aus Indonesien.

Kontakt zu Szene

Die drei deutschen Teammitglieder hat es schwer beeindruckt, dass ihre indonesische Kommilitonin noch nie etwas von Dumpster Diving gehört hatte, denn in Deutschland sei es etwas ganz Normales. „Das hat eigentlicher jeder Studierende wenigstens einmal ausprobiert", sagt Birch. Es ginge dabei allerdings weniger um Politik, mehr um die Erfahrung selbst und das Abenteuer. „Wir haben erst von Vita gelernt, dass das durchaus etwas Besonderes ist", ergänzt Arndt. Gemeinsam haben sie dann Kontakt zu der Szene aufgenommen, Interviews geführt und auch mal eine Aktion beobachtet. Anggraeni wollte dabei ursprünglich vor allem auf Gender-Fragestellungen hinaus.

„Es hat sich dann aber gezeigt, dass das in der Szene nicht funktioniert hat, weil sich vor allem die Frauen gegen diese Kategorisierung heftig gewehrt haben", erzählt Gomm. Für Anggraeni war das eine unerwartete Erfahrung, denn in Indonesien, wo für Gleichberechtigung noch viel getan werden muss, spielen Genderfragen in der Gesellschaft eine große Rolle. Ganz im Sinne des Forschungsprogramms hat die Gruppe ihre unterschiedlichen Perspektiven diskutiert und dann den Fokus ihrer Teamarbeit von der Genderfrage auf die Selbstkategorisierungen der Szene geändert.

Ein Jahr in Deutschland, ein Jahr in Indonesien

Die Studierenden kämen in den Genuss einer weltweit einzigartigen Möglichkeit, betont Schlehe. „Das Besondere ist, dass dieses Projekt wechselseitig angelegt ist." Das bedeutet: Die Studierenden arbeiten gemeinsam im jährlichen Wechsel in Indonesien und in Freiburg. In der kurzen Zeit könnten sie freilich nur eingeschränkt zu Ergebnissen gelangen. Es gehe vielmehr darum, die gelernten Methoden grundlegend anzuwenden. Besonders wichtig ist Schlehe, dass die unterschiedlichen Perspektiven der Studierenden aus Freiburg und Indonesien in die Arbeit mit einfließen. Dafür würde mit den verschiedenen Sichtweisen gespielt, sie würden gedreht und reflektiert.

Schlehe ist froh, dass das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanzierte und von den beteiligten Universitäten ebenfalls unterstützte Programm über so viele Jahre erfolgreich war. „Die Studierenden lernen eine andere Kultur sehr nah kennen und haben auch die Chance, den Blick auf ihrer eigene Kultur zu schärfen", sagt sie. Sich der komplexen Wirklichkeit anzunähern und im Team auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, hält Judith Schlehe für einen heute angemessenen Forschungsansatz. So manche Teilnehmerin und so mancher Teilnehmer ist über das Programm zu einem Thema für die Abschlussarbeit gekommen – und hat private Kontakte über kulturelle Grenzen hinweg geknüpft.

Petra Völzing