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Seelen entgiften

Der Freiburger Theologe Klaus Baumann forscht zur Bewältigung von Kriegstraumata

Freiburg, 09.09.2019

Bevölkerungsgruppen, die Gewalt in kriegerischen Konflikten erfahren haben, leiden unter Umständen jahrelang an ihren Traumata und geben sie oft an nachfolgende Generationen weiter. Die unbewältigten Konflikte bergen aber die Gefahr, neue Gewaltzyklen auszulösen, warnt Prof. Dr. Klaus Baumann, Leiter des Arbeitsbereichs Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg. In interdisziplinären Forschungsprojekten untersuchen er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit Trauma-Folgestörungen in zwei unterschiedlichen Konfliktzonen. Dabei haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die spirituellen und religiösen Bedürfnisse der betroffenen Menschen im Blick, die laut Baumann in der Therapie von Trauma-Patientinnen und -Patienten bisher zu kurz kommen. Verena Adt hat den Theologen und approbierten Psychotherapeuten gefragt, welche Hilfe die Theologie Opfern von Kriegstraumata anbieten kann.  


Kann für Menschen, die von Gewalterfahrungen seelisch gezeichnet sind, der Glaube eine Stütze sein? Dieser Frage geht ein Forschungsteam am Arbeitsbereich Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit auf den Grund. Foto: Pavel Prichystal/Fotolia

Herr Baumann, wie kann ich in Frieden neben einem Nachbarn leben, der vor meinen Augen meinen Mann oder mein Kind erschlagen hat?

Klaus Baumann: Ja, wie soll das gehen? Mit derart dramatischen Fragestellungen sind wir im Rahmen der empirischen Forschung konfrontiert, die wir zur Rolle von Religion und Spiritualität bei der Aussöhnung nach kriegerischen Konflikten führen. Wir haben diese Arbeit vor zehn Jahren an meinem Arbeitsbereich mit einer Pilotstudie zu der Frage begonnen, welche spirituellen und religiösen Bedürfnisse psychisch erkrankte Menschen haben. Inzwischen beschäftigen wir uns konkret mit der Lage von Menschen in zwei sehr unterschiedlichen Konfliktzonen. In Kroatien und Bosnien-Herzegowina untersuchen wir die traumatischen Folgen des 20 Jahre zurückliegenden Balkankriegs bei Menschen in psychiatrischer Behandlung. In Afrika beschäftigen wir uns mit den Folgen der andauernden Gewalt im ostafrikanischen Burundi, die eine Massenflucht vor allem junger Menschen nach Ruanda ausgelöst hat.  

Was gab den Ausschlag für die Wahl dieser beiden Gebiete?

Zur Forschung auf dem Balkan gab eine Aktenstudie meiner Assistentin Andrijana Glavas den Anstoß. Sie ist Ärztin und hat in ihrem Heimatland Kroatien die Behandlung von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen nach den Kriegshandlungen untersucht. Wir konnten daran erkennen, dass die Menschen zwar teils jahrelang psychiatrisch behandelt wurden, sich aber wenig bei ihnen tat. Wir haben dann in einer umfassenderen Studie über „Die Rolle von Religiosität und Spiritualität im Umgang mit Trauma-Folgestörungen nach Kriegshandlungen“ in Zusammenarbeit mit neun Kliniken insgesamt 1.200 Patienten in Kroatien und Bosnien-Herzegowina gefragt, welche Bedürfnisse sie im Bereich Spiritualität und Religiosität haben – und auch danach, was ihnen hilft. Wir haben auch mit den Ärztinnen und Ärzten und dem professionellen Umfeld gesprochen.


Obwohl Menschen nach dem Balkankrieg teils jahrelang psychiatrisch behandelt wurden, hat sich oft wenig bei ihnen getan. Dieser Befund hat die Freiburger Wissenschaftler dazu veranlasst, die Rolle von Religiosität und Spiritualität im Umgang mit Trauma-Folgestörungen nach Kriegshandlungen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu erforschen. Foto: Thomas Kunz

Welche Störungen haben diese Menschen?

Es sind posttraumatische Belastungsstörungen und auf Kriegshandlungen zurückgehende Trauma-Folgestörungen. Ein Trauma ist immer dadurch gekennzeichnet, dass die grundlegenden Sicherheiten im Leben zutiefst erschüttert werden und man sich vollkommen hilflos fühlt. Nach medizinischen Erkenntnissen lösen solche Erfahrungen etwa bei jedem und jeder zehnten bis fünften Betroffenen eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Das hatten wir in Deutschland in und nach dem Krieg sicher auch. Im ehemaligen Jugoslawien untersuchen wir sowohl Patienten, die selber an Kriegshandlungen beteiligt waren, als auch Frauen, Männer und Kinder aus der Zivilbevölkerung. Wir sehen dabei, dass Traumata von einer Generation unbewusst an die nächste weitergegeben werden. Als Psychotherapeut mit einer psychoanalytisch orientierten Ausbildung ist mir diese Erkenntnis besonders wichtig.

Wie gehen Sie vor Ort konkret vor?

Wir fragen erst einmal: Wie sieht die Leidenserfahrung von Menschen aus, die von Kriegshandlungen betroffen sind und die nach Kriegserfahrungen weiterleben müssen? Damit sind wir auch schon bei Ihrer Ausgangsfrage und in Burundi, wo wir uns in unserem anderen Forschungsprojekt, „Frieden und Versöhnung im Afrika der Großen Seen“, mit solchen Traumata beschäftigen. Hier wollen wir junge Menschen befragen, die vor dem aktuellen Regime in ihrem Land nach Ruanda geflüchtet sind. Viele sind von Gewalterfahrungen seelisch gezeichnet. In Afrika werden solche Menschen allerdings nicht oder selten psychiatrisch und psychotherapeutisch behandelt. Von der angenommenen Norm abweichende Verhaltensweisen werden als „Besessenheit“ erklärt, die Betroffenen stigmatisiert. Darum zielt unser Projekt zuerst darauf, durch empirische Forschung und in Zusammenarbeit mit dortigen Universitäten aufklärend zu wirken. Auch die Kirche braucht das und hat viele Möglichkeiten zu solcher Aufklärung.


Die Kirche muss sich in Afrika für effektivere Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit einsetzen und daran selbst mitwirken, fordert der Theologe Klaus Baumann. Foto: motortion/stock.adobe.com

Ist Ihre Rolle bei diesen Projekten die eines Seelsorgers oder die eines Psychotherapeuten?

Beides gehört zusammen. Das Spirituell-Religiöse ist Teil des Seelischen insgesamt. Darum halte ich es für falsch, das auszublenden. Es wäre aber auch nicht gesund, sich nur auf das Religiöse zu fixieren. Auch in Afrika kann das Angebot der Seelsorge nicht katechetisch, also belehrend, sein, sondern es geht für die Betroffenen darum, sich selbst kennenzulernen, sich auszuhalten und mit den eigenen Nöten umzugehen, wo möglich auch mit Hilfe des Glaubens. Wir wollen erkennen, ob der Glaube diesen Menschen eine Stütze sein kann, obwohl er vielleicht zutiefst erschüttert wurde. Menschen mit Trauma-Folgestörungen sind voll mit Erfahrungen der eigenen Ohnmacht, mit Ringen um Überleben, mit Ängsten, möglicherweise auch mit Hass und Wut. Dieses Seelenleben zu entgiften ist eine zutiefst zum Christlichen passende Aufgabe, übrigens auch ohne dass man das christlich nennen muss.

Wie kann die Kirche vor Ort wirksam werden?

Wir denken bei der Kirche an alle Getauften, ökumenisch, als Graswurzelstruktur. Die Kirche hat den großen Vorteil, dass sie mit den Gemeinden schon ihre Organisationen vor Ort hat. Gruppen von Menschen versammeln sich, treffen sich, um miteinander zu feiern, zu singen, einander zu begegnen. An solchen Orten findet auch Bildung statt. Da gilt es – auch mithilfe von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die wir schulen wollen –, eine Kultur zu entwickeln, die dem Frieden dient, der Versöhnung, der Akzeptanz von Vielfalt, nicht nur im europäischen Sinn, sondern besonders in Bezug auf die ethnischen Unterschiede.


Kirche als Graswurzelstruktur: In den Gemeinden vor Ort gilt es den Forschenden zufolge, eine Kultur zu entwickeln, die dem Frieden, der Versöhnung und der Akzeptanz von Vielfalt dient. Foto: Cribe/stock.adobe.com

Welche politischen Rahmenbedingungen sind für gesellschaftliche Aussöhnung nach einem kriegerischen Konflikt nötig? Was kann die Kirche auf dieser Ebene beitragen?  

Dafür braucht es die Kirche mit ihren zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der Caritas – das Feld, das ich besonders beforsche und von dem aus ich insbesondere denke. Die Stiftung von Solidarität ist eine ganz wichtige Aufgabe, ebenso politische Anwaltschaft, der Einsatz für gerechtere Sozialstrukturen. Die Kirche muss sich für effektivere Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit einsetzen und daran selbst mitwirken. Dabei können die Graswurzelstrukturen vor Ort helfen. Wesentlich sind außerdem die Bekämpfung von Korruption und besonders die Heranbildung von korruptionsresistenten Führungskräften. Last but not least ist eine von der politischen Herrschaft unabhängige, unbestechliche Justiz notwendig.

Das sind sehr ehrgeizige und vor allem sehr langfristige Ziele. Wie wollen Sie die denn erreichen?

Die Kirche kann mithelfen, in diese Richtung zu arbeiten und Bildung auf den Weg zu bringen. Um Bildung geht es immer wieder. Unsere Forschung und Lehre will dabei mithelfen. Wir meinen nicht, das ganz große Rad zu drehen, aber wir müssen die großen Zusammenhänge sehen und benennen. Und wer, wenn nicht die Kirche, kann so langfristig denken? Sie und wir Wissenschaftler müssen ja zum Glück nicht auf die nächste Wahl schauen.