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Cannabis gegen Schmerzen

Europäisches Projekt entwickelt Medikamente aus Cannabis-Extrakten gegen Migräne und rheumatische Arthritis

Freiburg, 16.06.2005

In der Arzneimittelforschung ist seit langem bekannt, dass die Cannabis Pflanze schmerzstillende und abschwellende Wirkstoffe beinhaltet. Eine verlässliche Studie, welche die Verwertbarkeit der Pflanze in der Pharmaindustrie prüft, wurde allerdings bisher nicht durchgeführt. Jetzt hat sich ein internationales Konsortium von drei kleinen Unternehmen und sechs universitären/staatlichen Einrichtungen aus Europa auf den Weg gemacht, um die Wirksamkeit eines Phytopharmakas gegen Migräne und rheumatische Arthritis zu prüfen, zwei Erkrankungen, die durch Ihr häufiges Auftreten einen enormen ökonomischen Einfluss auf die europäische Wirtschaft haben. Mit der Bewilligung von rund 1,5 Millionen Euro für das internationale Konsortium gab die EU Anfang des Jahres grünes Licht für das Forschungsprojekt. Beteiligt sind Forschungslabore von Universitäten und kleine mittelständische Firmen von Finnland bis hinunter nach Spanien. Koordinator des internationalen Projektes ist Professor Dr. Michael Heinrich von der London School of Pharmacy. Das Konsortium trifft sich jetzt zum ersten Mal seit dem Startmeeting in London zum Austausch von Ergebnissen am 15. bis 17. Juni in Freiburg.

Bei der Behandlung der Migräne gibt es immer noch einen starken Bedarf nach neuen Therapien, da viele Patienten nicht auf herkömmliche Medikamente ansprechen und die neuesten Medikamente sehr teuer sind. Im Bereich der Rheumatischen Erkrankungen besteht ein starkes Interesse an neuen Medikamenten, da viele der vorhanden Therapeutika zu starken Nebenwirkungen führen können und die neuen und vielversprechenden selektiven COX-2 Inhibitoren teilweise vom Markt genommen wurden. Das internationale Konsortium bringt Forschungserfahrung aus den Gebieten der molekularen Pharmakologie, Neurobiologie, Biochemie, Naturstoffbiologie und Phytopharmazie ein. Der Fokus liegt auf der Verwendung von Pflanzenextrakten aus Cannabis, mit nur einem geringen oder gar minimalen Gehalt an den psychoaktiven Inhaltsstoffen. Die Wissenschaftler haben bereits erste Hinweise gefunden, dass es möglich ist, eine Sorte Cannabis einzusetzen, die frei ist von der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabiol (THC).

Auch die Freiburger Uniklinik ist mit einem Projekt aus der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an dem EU-Vorhaben beteiligt. Die Arbeitsgruppe des Freiburger Projektleiters Dr. Bernd Fiebich, Leiter des Neurochemischen Labors der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums der Albert-Ludwigs-Universität,
ein Mitinitiator des Projektes, soll dabei die Cannabisextrakte und Wirkstoffe in neuronalen Zellmodelle der Migräne auf ihre Wirksamkeit testen. Dr. Fiebich hat schon seit mehreren Jahren Erfahrung in der Migräneforschung und hat in zellulären Modellen mögliche Wirkmechanismen des Koffeins und Vitamin C als Migräne-Therapeutika aufgezeigt und war zudem Mitglied eines EU-Konsortiums, das sich mit der Entzündungshemmung von südeuropäischen Pflanzen beschäftigte.

Eine der Aufgaben des EU Forschungsverbundes wird sein, die pharmakologischen Wirkungen der unterschiedlichen Inhaltsstoffe der Pflanze kennen zu lernen und ihre therapeutische Wirkung einzuschätzen. „Über das THC wissen wir viel, über die anderen Substanzen wenig“, so Fiebich. Erst die im Gewächshaus gezüchteten Pflanzen und die daraus hergestellten Extrakte werden Auskunft geben, welche Inhaltsstoffe in welcher Konzentration für die schmerzstillende Wirkung verantwortlich sind.

Die Cannabispflanze, ein seit alters her oft verwendetes Naturheilmittel, ist im letzten Jahrhundert etwas in Vergessenheit geraten, was vor allem darin begründet war, dass aus der ursprünglichen Hanfpflanze, Formen gezüchtet wurden, die sich insbesondere durch einen hohen Anteil der psychoaktiven Verbindung Tetrahydrocannabinol auszeichnen, weshalb sie in den schlechten Ruf einer Rauschpflanze anstatt einer Heilpflanze kam. In letzter Zeit sind jedoch mehrere Forschungsprojekte entstanden, die sich mit einer therapeutischen Wirkung des Cannabis auseinandersetzen zum Beispiel bei der Multiplen Sklerose. Die Wissenschaftler haben beobachtet, dass Cannabis nicht mehr nur als Rauschdroge angesehen wird. So ist in England ein Cannabis Medikament für eine schmerzstillende Therapie der Multiplen Sklerose in der klinischen Entwicklung.

Die europäischen Wissenschaftler des Cannabisprojektes wollen innerhalb von zwei Jahren Cannabisextrakte entwickeln, die zum einem einen niedrigen Anteil psychoaktiver Substanzen enthalten und zum anderen bei hoher therapeutischer Wirkung zur Behandlung von Migräne und Rheuma den Vorteil der niedrigen Nebenwirkungsspektren der Naturheilmittel haben. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Extrakte nicht sofort als Arzneimittel ausgewiesen werden, sondern dass sie anderen Forschern für klinische Studien zur Behandlung von Rheuma und Migräne zu Verfügung stehen. Ziel ist ein standardisierter Extrakt, der klare Aussagen in Studien möglich macht, und die Basis schafft für eine neue Generation von Medikamenten auf der Basis von Cannabis. Cannabis wird dann nicht mehr in erster Linie als Droge, sondern als Medizin angesehen werden, so die Erwartung des Koordinators Professor Heinrich. Das Konsortium besteht aus folgenden Arbeitsgruppen:

1. School of Pharmacy, Univ. London, Centre for Pharmacognosy and Phytotherapy and Dept. of Pharmacology, England, Koordinator Prof. Michael Heinrich
2. VivaCell Biotechnology GmbH, Denzlingen, Deutschland
3. Universidad de Córdoba, Departamento de Biología Celular, Fisiología e Inmunología, Spanien, Prof. Eduardo Muñoz.
4. William Ransom & Son plc, Hitchin, England
5. Netherlands Organisation for Applied Scientific Research (TNO), TNO Pharma, Niederlande mit OMC (Dutch Ministry of Health, Welfare and Sport, Office for Medicinal Cannabis)
6. Università degli Studi del Piemonte Orientale, Dipartimento di Scienze Chimiche Alimentari Farmaceutiche e Farmacologiche (Novara), Italien
7. Cerebricon Ltd., Kuopio, Finnland
8. University of Berne, Department for Chemistry and Biochemistry, Schweiz
9. Universitätsklinikum Freiburg, Deutschland, Dr. Bernd Fiebich

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