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Aufklärung dringend notwendig:

Maximal zehn Prozent der Zwangsstörungen werden effektiv behandelt

Freiburg, 16.09.2005

Die Dunkelziffer der Menschen, die sich mit Handlungen oder Gedanken plagen, die sie nicht kontrollieren können, ist hoch. Etwa zwei von hundert Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an Zwangsstörungen. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet das Störungsbild zu den 20 häufigsten Ursachen für Behinderung unter allen Erkrankungen. Die seelische Störung bestimmt das tägliche Leben der Betroffenen und vergleichsweise wenigen kann effektiv geholfen werden, da die meisten Menschen mit Zwängen die Erkrankung verheimlichen.

Die Betroffenen empfinden ihr Verhalten und ihre Gedanken selbst als unsinnig und schämen sich dafür. Viele fürchten, für verrückt erklärt zu werden, wenn sie davon erzählen und schweigen daher. Nur ein Bruchteil der Betroffenen kann sich dazu entschließen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Menschen verheimlichen ihre Symptome selbst vor Fachleuten, bei denen sie wegen anderer seelischer Probleme, beispielsweise wegen Depressionen, in Behandlung sind, so die Ergebnisse einer Untersuchung in Nervenarztpraxen. Kein Wunder, dass nach Expertenschätzungen weniger als zehn Prozent der Betroffenen eine effektive Behandlung erhalten, obwohl es vielfältige therapeutische Ansätze in der Behandlung von Zwangserkrankungen gibt.

Ursache der Störungen: Neurobiologische Veränderungen

Mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren können bei Menschen mit Zwangsstörungen neurobiologische Veränderungen im Gehirn nachgewiesen werden. So sind bei Betroffenen bestimmte Hirnareale, die für die Ausführung einzelner Handlungen zuständig sind, übermäßig aktiv: beispielsweise Teile des Frontalhirns, in dem Handlungen geplant und das Sozialverhalten gesteuert wird sowie Basalganglien, die bei der Filterung der Informationen aus dem Frontalhirn sowie als Speicher für automatisch ablaufende Verhaltensprogramme eine Rolle spielen. Auch das limbische System, das die Emotionen reguliert, ist betroffen. Umgekehrt konnten mehr als zehn Therapiestudien zeigen, dass es nach erfolgreicher Therapie der Zwangserkrankung zu einer Normalisierung des gestörten Metabolismus in den Hirnregionen kommt.

Aufklärung notwendig: Vielfältige Therapieansätze wenig genutzt

Zwangssymptome sind hartnäckig und können die Betroffenen über Jahrzehnte oder das gesamte Leben begleiten, ohne dass sie es schaffen, davon loszukommen. Früher galt die Erkrankung als weitgehend unbehandelbar. Mit der kognitiven Verhaltenstherapie, bei der die Patienten schrittweise mit den zwangs- und angstauslösenden Reizen konfrontiert werden, ohne die eingeschliffenen Rituale auszuüben, kann jedoch heute bei 60 bis 70 Prozent der Betroffenen ein anhaltender Erfolg erzielt werden. Eine zusätzliche Medikation mit so genannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern erhöht diese Erfolgschancen darüber hinaus. Die Medikamente alleine bewirken bereits eine etwa 30- bis 40-prozentige Linderung der Beschwerden.

Mehrere unabhängige Umfragen haben jedoch ergeben, dass diese effektiven Therapiemethoden in der Praxis nicht angewendet werden. Häufig werden unspezifische, wenig wirksame Methoden durchgeführt, so dass bei vielen Patienten der Eindruck entsteht, es gäbe auch heute noch keine wirksamen Mittel gegen ihre Erkrankung.

Fernsehen: Medium der Aufklärung ?

In jüngster Zeit häufen sich Filme um Personen mit Zwangshandlungen: „Besser geht’s nicht“ mit Jack Nicholson, „The Aviator“ mit Leonardo
DiCaprio oder „Detective Monk“ mit Tony Salhoub in der Hauptrolle. Die Darstellung der an Zwangsstörungen leidenden Akteure ist summa summarum positiv. Trotz ihrer Macken und Skurrilitäten sind die psychisch kranken Menschen die „Helden“ des jeweiligen Films, mit ihren individuellen Stärken oder gar besonderen Fähigkeiten. Bei der 10. Jahrestagung der Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. in Freiburg befassen sich die Experten auch mit der Frage, ob solche Sendungen dazu beitragen, das Störungsbild bekannter zu machen und die Stigmatisierung, die viele Betroffenen empfinden, abzubauen. Insgesamt begrüßen es Ärzte und Therapeuten, dass Krankheitsbilder wie Zwänge in Filmen aufgegriffen werden, weil dies dazu beiträgt, dass die Gesellschaft zu einem normaleren Umgang mit den Betroffenen findet.

Neue therapeutische Ansätze - wenn übliche Therapien nicht helfen

Das Verfahren der Tiefenhirnstimulation zählt zu den neuesten Entwicklungen in der Therapie von Zwangsstörungen. Hier versuchen die Mediziner eine gestörte Hirnaktivität zu beeinflussen, indem sie über Elektroden, die in das Gehirn von Betroffenen implantiert wurden, leichte Stromstöße senden. Mit diesem Verfahren konnten bei neurologischen Erkrankungen, wie dem Morbus Parkinson oder Dystonien, bereits große Erfolge erzielt werden.

Dieses operative Verfahren wurde von einigen Zentren bei Menschen mit Zwangserkrankungen erprobt, die bisher auf keine Therapie angesprochen hatten und durch ihre Störung im Leben schwer beeinträchtigt waren. Einigen dieser Patienten konnte mit der Tiefenhirnstimulation geholfen werden, in Einzelfällen wurde sogar eine erhebliche Besserung erzielt. Noch ist es jedoch zu früh, das Verfahren bei schweren Zwangserkrankungen zu empfehlen. Zuvor muss die Therapie nach streng wissenschaftlichen Kriterien im Rahmen von kontrollierten Therapiestudien geprüft werden. Und auch dann sollte der massive Eingriff nur durchgeführt werden, wenn alle anderen wissenschaftlich erprobten und als wirksam anerkannten Therapieverfahren keine Wirkung zeigen.


Kontakt:

PD Dr. Ulrich Voderholzer
Leiter der Arbeitsgruppe Zwangsstörungen, Abteilung für
Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg
Tel. 270-6603
Fax 270-6619
eMail ulrich_voderholzer@psyallg.ukl.uni-freiburg.de

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