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Europa in Bewegung

37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde

Freiburg, 28.09.2009

Vom 27. bis 30. September 2009 findet an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg der Kongress „Mobilitäten. Europa in Bewegung als Herausforderung kulturanalytischer Forschung“ statt. Im Fokus des Kongresses steht die Beobachtung, dass Europa in vielerlei Hinsicht in Bewegung ist: Lebensräume von Menschen verändern sich sichtbar durch den Einfluss von Globalisierungs- und Europäisierungsprozessen. Politische Grenzen lösen sich innerhalb der EU auf, während sie sich an ihren Außengrenzen neu festigen. Gleichzeitig stoßen Menschen, die in und nach Europa unterwegs sind – Menschen wie Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, Geschäftsreisende oder Touristinnen und Touristen – Veränderungen in europäischen Gesellschaften an.

Der Wandel von politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnissen und damit einhergehende Migrations- und Integrationsprozesse fordert und bedingt die Entwicklung von neuen Handlungsstrategien, Wert- und Denkmustern. Neue Politiken, (Alltags-)Kulturen und Lebensweisen sind die Folge der neu entstehenden und sich verändernden Raumbezüge, Raumwahrnehmungen und Handlungsräume von Individuen und Gruppen. Meist finden solche dynamischen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht ohne Reibungen statt. Kulturwissenschaftliche Begleitung, Beobachtung und Analyse dieser Prozesse, erweisen sich als äußerst hilfreich, um in möglichen Konfliktsituationen vermittelnd einzuwirken. Etwa 80 kulturwissenschaftliche Kongressbeiträge decken an den darauf folgenden Veranstaltungstagen eine Bandbreite von Themenfeldern ab.

Traditionell findet bei Volkskundekongressen ein öffentlicher Abendvortrag statt. Dieses Jahr wird der über unser Fach hinaus bekannte Prof. Dr. Werner Schiffauer (Frankfurt/Oder) zum Thema „Religion in Bewegung – Der Islam in Europa als transnationales Phänomen“ sprechen. Schiffauer kann aufgrund seiner zahlreichen Forschungen als Kenner des türkischen Staatsislam bis zu streng fundamentalistischen Gruppierungen des Islams mit gläubigen Anhängern aus der Türkei bezeichnet werden. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den Entwicklungen im gegenwärtigen Islam in Europa. Bekannt ist er vor allem durch seine Dissertation von 1987 über das „Weltbild und Selbstverständnis der Bauern von Subay“ und weiteren Publikationen zur Auseinandersetzung mit türkischen Migranten in Deutschland geworden. Beim öffentlichen Abendvortrag – den Schiffauer am Dienstag, den 29. September um 20 Uhr in der Aula des Unigebäudes (KG 1) halten wird – spricht er unter anderem über die Folgen einer islamischen Minderheit in Europa und welche Rolle dem Islam heute zukommt.

Hinsichtlich des Schwerpunktthemas „Migration“ ist auch auf den Vortrag der Soziologin Prof. Dr. Floya Anthias (London) besonders hinzuweisen. Anthias (London) beschäftigt sich mit dem Schnittstellenbereich Migration und Gender sowie mit neuen Formen von geschlechtsspezifischen, sozialen und kulturellen Zugehörigkeiten. Im Zusammenhang mit empirischen Befunden zur Bedeutung von Geschlechterrollen von Migrantinnen und Migranten auf Arbeitsmärkten und in Gesellschaften greift sie die Debatte um Intersektionalität auf. Unter dem klassischen Intersektionalitätskonzept wird in der interdisziplinären Geschlechterforschung ein komplexes Wirkungs- und Beziehungsverhältnis von Variablen wie „gender, class, ethnicity und ‚race’“ verstanden, welches stark auf die (Selbst-)Verortung und Identitätsbildung der Akteure wirkt.

Prof. Dr. Max Matter (Freiburg) referiert über „Migration, Integration und Zuwanderungsminderheiten als Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie“. In seinem Vortrag plädiert er dafür, sich längerfristig mit immer noch gegebenen Folgeproblemen der Arbeitskräfteanwerbung der 1960er und 1970er Jahre zu befassen. Viele dieser ehemaligen Gastarbeiter und ihre Nachfahren seien längst erfolgreiche Mitglieder der deutschen Gesellschaft geworden. Ein wohl eher kleinerer Teil, der aber immer wieder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht, weist aber Integrationsdefizite auf. Mit seinem Vortrag spricht sich Herr Matter dafür aus, dass das Fach – welches vielerorts Europäische Ethnologie heißt – gesellschaftsrelevante Einblicke in kulturellen Entwicklungen bezüglich der zunehmenden Binnenmigrationen in Europa, Migrationen nach Europa sowie deren Nachwirkungen geben kann.

Der Entwicklung eines europäischen Bewusstseins widmet sich Prof. Dr. Klaus Schriewer (Murcia) in seinem Vortrag „The Making of the European Citizen. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf die Europäische Union“. Unter Berücksichtigung fachgeschichtlicher Paradigmen und verschiedener Beispiele aus dem Feld der soziokulturellen Integration der EU analysiert er die sich verändernden Wahrnehmungs- und Denkmuster. Vor diesem Hintergrund versucht der Vortrag die Relation zwischen der EU und ihren Bürgern aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zu beschreiben.

Bewegung in Europa und die damit einhergehenden Veränderungen von Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, kulturellen Alltagspraxen und entstehender kultureller Produkte fordern auch von der Museumsarbeit neue inhaltliche Fokussierungen und Darstellungsformen ab. Dr. Denis Chevallier (Marseille) thematisiert und diskutiert diese Entwicklung und Herausforderung in seinem Vortrag „The Museum between Local and Global. A few thoughts about museums and mobility“. Chevallier ist Leiter des „Musee des Civilizations de l’Europe et de la Mediterranee“ in Marseille.

Der 37. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde steht unter der Schirmherrschaft von Staatsminister Dr. h. c. Gernot Erler, MdB, und findet auf Einladung des Instituts für Volkskunde der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Gesellschaft für Europäische Ethnologie Freiburg e.V. dieses Jahr in Freiburg statt.

Nähere Informationen zu Programm und Anmeldung unter: www.europa-in-bewegung.de

 

Kontakt:
Natascha Hofmann
Institut für Volkskunde
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: 0761/203-3306
E-Mail: dgv-kongress09@eu-ethno.uni-freiburg.de