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Des Kaisers neue Bildnisse: Forschung an römischen Büsten

Ein Porträt zeigt oft mehr als nur das Abbild einer Person. Insbesondere wenn diese Person in der Öffentlichkeit steht und eine Machtfunktion ausübt. Anne Kleineberg erforscht in ihrer Doktorarbeit bei Prof. Dr. Ralf von den Hoff am Institut für Archäologische Wissenschaften eine besondere Bildnisform: die Kaiserbüste. Obwohl sie in der römischen Antike die zweithäufigste Darstellungsform für Porträts war, ist bis heute nicht untersucht, wie sie verwendet wurde und welche besondere Funktion ihr zukam.


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Um etwa 30 vor Christus unter Kaiser Augustus entwickelte sich die Kaiserbüste als neue Porträtform: Marmorskulpturen, die dreidimensional ausgearbeitet wurden, zeigen den Kopf sowie einen Teil des Oberkörpers der Kaiser. (Foto: Mathilde Bessert-Nettelbeck)

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Was verraten zum Beispiel Frisur, Kleidung und Haltung über Politikerin und Politiker? Wie hängen die verschiedenen Darstellungsformen mit Eigenschaften und Fähigkeiten von historischen Persönlichkeiten zusammen? Diesen Fragen gehen Archäologinnen und Archäologen an der Universität Freiburg an Bildnissen aus der römischen Antike nach. Vor allem die Bildnisse der Kaiserfamilien waren in verschiedenen Medien im ganzen römischen Reich präsent: Ehrenstatuen wurden auf öffentlichen Plätzen aufgestellt und Porträts auf Münzen geprägt, mit denen man täglich bezahlte. Um etwa 30 vor Christus unter Kaiser Augustus entwickelte sich eine neue Darstellungsform: Marmorskulpturen, die dreidimensional ausgearbeitet wurden, zeigen den Kopf sowie einen Teil des Oberkörpers der Kaiser.


  • Ein Porträt aus Marmor

Bei diesen Büsten handelt es sich um eine neue Bildnisform, die zum Beispiel im griechischen Kulturraum unbekannt war. Doch warum wurde ausgerechnet diese Darstellung gewählt, die nur einen Teil des menschlichen Körpers zeigt? Wer gab diese Bildnisse in Auftrag und in welcher Umgebung und welchen Orten wurden sie aufgestellt? Kleineberg erforscht was die Bildsprache der Büsten und der Kontext, in dem sie aufgestellt wurden, darüber verrät, welche Qualitäten und Eigenschaften dem Kaiser zugeschrieben wurden.
 

  • Die Aufstellung verrät die Funktion

„Die heutige Verwendung und Funktion von Bildnissen entspricht nicht unbedingt jener der antiken Porträts. Der Kontext ist entscheidend“, erklärt Kleineberg. Forscherinnen und Forscher dachten zuerst, die Büsten der römischen Herrscher seien ausschließlich in den Villen der reichen Bürger aufgestellt worden, in denen Archäologen bei Ausgrabungen häufig die Bildnisse fanden. Die Forscher berücksichtigten dagegen bislang nur wenig die Fundorte in öffentlichen Bereichen wie in Heiligtümern oder in angrenzenden Räumen von öffentlichen Plätzen. „Wir haben bisher kaum Erkenntnisse darüber, wo und wie die Kaiserbüsten genau im Raum standen. Aber die öffentlichen Fundorte zu analysieren erlaubt neue Deutungen zur Funktion der Büsten“, erklärt Kleineberg. Zum Beispiel könnten sie, da Archäologen sie auch in Heiligtümern fanden, als Objekte des Kultes gedeutet werden. Die Inschriften auf einer Büste des Kaiser Augustus weisen darauf hin, dass sie einem Tempel geweiht wurden. „Das zeigt, dass Büsten wahrscheinlich ähnlich der in Heiligtümern aufgestellten Statuen als Kultobjekt verehrt wurden “, sagt Kleineberg.
 

  • Die Kaiser als Trendsetter

Doch sahen die Kaiser so aus, wie sie auf den Büsten erscheinen? „Kleidung, Bart und Frisur haben durchaus eine symbolische Bedeutung, zugleich entsprechen sie aber auch gewissen Trends. Und die Kaiser selbst waren in vielerlei Hinsicht Trendsetter“ berichtet Kleineberg. Es handelt sich nicht um realistische Bilder, die zeigten, wie die Personen damals ausgesehen haben. Die Kleidung entspricht nur zum Teil der real getragenen: „Der römische Muskelpanzer aus Leder etwa symbolisiert die militärischen Fähigkeiten des Kaisers, seine so genannte ‚virtus‘, “ erklärt Kleineberg. Der Kaiser ist der oberste Feldherr im Römischen Reich – eine der grundlegenden Bedingungen für die Akzeptanz der Herrschaft. Besonders ab dem zweiten Jahrhundert waren Darstellungen im Panzer sehr beliebt. „Aber nicht, weil einige Kaiser häufiger Kriege führten als andere “ sagt Kleineberg. Kleineberg muss außerdem erst die verschiedenen Symbole entschlüsseln. Bildnisse des Augustus etwa zeigen kaum Alterszüge, obwohl nachweislich Porträts aus seiner späten Regierungszeit erhalten sind, als der Kaiser schon über 60 Jahre alt war. Fehlende Alterszüge bekommen somit einen symbolischen Sinn, den es noch zu deuten gilt.
 

  • Muskelpanzer, Toga oder nackte Haut

Auch mit der Toga wurden die Kaiser auf den Büsten abgebildet. Das Gewand betont, dass der Kaiser auch ein römischer Bürger war. Es zeigt den Herrscher als einen der Senatoren – die Toga war ihre Amtskleidung. Aber so manche Kaiserbüsten tragen noch weniger Stoff: „Heroische Nacktheit“ nennen das die Archäologen. Diese Darstellung veranschaulicht, wie symbolisch die Bildsprache der Büsten war. Die Kaiser traten wohl kaum mit nacktem Oberkörper in der Öffentlichkeit auf. Vielmehr ehrte die Darstellungsform den Kaiser besonders, da sie sonst für Götter und Heroen verwendet wurde.
 

  • Beim Barte des Kaisers
    Diese Büste des Kaisers Marc Aurel steht im Louvres in Paris.(Foto: Anne Kleineberg)

Ob glattrasiert, lang und lockig oder kurz und stoppelig – auch der Bart ist nicht ohne Bedeutung. Mark Aurel trug seinen Bart nicht immer lang, doch sind seine Büsten mit üppigen gepflegten Bärten ausgestattet. Er hat den Ruf eines „Denker-Kaisers“, da er philosophische Schriften verfasste. „Folglich wird immer betont, dass der lange Bart ihn wie einen Philosophen wirken lässt, weil dies ein wichtiges Charakteristikum griechischer Philosophenporträts ist“, erklärt Kleineberg. Aber so einfach ist es leider nicht. Anders als griechische Philosophen trage Mark Aurel auf Büsten ausschließlich den Panzer. Die Kleidung betont Marc Aurels auftreten als Feldherr.
Es reiche also nicht aus, den Porträtkopf zu betrachten, um die gesamte Bildsprache zu deuten.


Dass die Kaiser selbst mit der Bildnisform Werbung für sich betrieben, wie es Politiker heute mit Twitteraccount, Webauftritt und Pressefotos versuchen, bezweifelt Kleineberg: „Um ihre Funktion zu verstehen, müssen wir wissen, wer die Büsten in Auftrag gab, denn dies war in den seltensten Fällen der Kaiser selbst,“ Überwiegend waren es reiche Bürger – die meisten Skulpturen waren immerhin aus Marmor und in der Regel 60 bis 100 Zentimeter hoch. Büsten aus Bronze zum Beispiel wurden vergoldet oder die Augen mit Halbedelsteinen bestückt. Ein Bildnis des Kaisers aufzustellen, bedeutete auch immer seine Herrschaft zu akzeptieren – die Zerstörung des Bildes hingegen, sie abzulehnen. In diesem Sinne lasse sich die Bedeutung mit der eines Präsidentenfotos vergleichen, das in einigen Ländern eingerahmt im Wohnzimmer aufgehängt wird und die Zustimmung mit der Regierung symbolisiert.
 

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.
 

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Anne Kleineberg

Anne Kleineberg ist seit April 2012 Promotionsstudentin der Universität Freiburg im Fach Klassische Archäologie. Ihre Dissertation zum Thema „Kaiserliche Bildnisbüsten römischer Zeit. Funktion –Kontexte – medialer Charakter“ betreut Prof. Dr. Ralf von den Hoff am Institut für Archäologische Wissenschaften. Zuvor studierte sie Klassischen Archäologie und Alte Geschichte an der Universität Freiburg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Università degli Studi Roma Tre in Rom/Italien. Sie nahm an Ausgrabungen in Deutschland und Italien sowie an Survey-Projekten in Griechenland und in der Türkei teil.

 

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Bildergalerie

Außer den zwei Fotos von Originalen aus München und Paris stammen alle Bilder aus der Archäologischen Sammlung in Freiburg.

Fotos: Mathilde Bessert-Nettelbeck

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Gipsabgüsse der Kaiserbüsten von Caracalla (211-217), Septimius Severus (193-211), Mark Aurel (161-181), Antonius Pius(138-161) und Traian (98-117) Die Büsten stehen auf einem Podest. Sie bestehen aus dem Kopf und der Brust des Kaisers und werden von hinten dank eines schmalen Fusses gestützt.

 

 

Drei Büsten des Marc Aurels (161-181):

In Freiburg steht ein Gipsabdruck. Die Büsten in München und Paris hingegen sind Originale aus Marmor. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft stimmen die Bildnisse in Frisur, Kleidung und in Gesichtzügen überein

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Glyptothek in München (Foto: Anne Kleineberg)Louvres in Paris (Foto: Anne Kleineberg)Archäologische Sammlung in Freiburg (Foto: Mathilde Bessert-Nettelbeck)

 

 Die "heroische Nacktheit" ehrte die Kaiser.

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Anne Kleineberg erklärt, nackte Büsten finden sich sowohl bei den frühen Kaisern, wie bei Traian, der im ersten Jahrhundert herrschte… 
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…aber auch im frühen dritten Jahrhundert bei dieser Büste von Caracalla, die mit Mantel und Schwertband zum einen militärische Qualitäten symbolisiert und zum anderen den Kaiser im Bild zu Heroen in Beziehung setzt. 

 

Toga oder Muskelpanzer?

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Die Toga, das Bürgergewand, bekleidet zum Beispiel die Büste von Severus Alexander, dem Kindskaiser, der von 222-225 n.Chr. regierte. Sie symbolisiert, dass der Kaiser einer der Bürger bleibt, obwohl er Alleinherrscher ist.

Der Panzer war besonders im zweiten Jahrhundert eine beliebte Darstellungsform, wie bei dieser Büste von Septimius Severus (193-211 n. Chr.)
 Unter Kaiser Augustus entstand die Bildnissform der Büste (63 v.- 14 n. Chr.).Frauen erhielten aufwändige Frisuren wie die Kaiserin Iulia Domna um (208 n. Chr)

 

 

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Anne Kleineberg analysiert in ihrer Dissertation die Bildsprache und den Kontext der Büsten. Sie will herausfinden, was ihre genaue Funktion und Bedeutung war.

 

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