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Stumme Zeitzeugen

Der Historiker Heinrich Schwendemann führt durch die Geschichte der Freiburger Juden zwischen 1862 und 1940

 


Die Mittagssonne strahlt vom wunderschön blauen Himmel hinab. Das Thermometer zeigt 31 Grad Celsius: Ein perfekter Tag für einen Ausflug – wenn auch mit einem ernsten Thema. Vor dem Kollegiengebäude (KG) I bildet sich allmählich eine Menschentraube. Dort beginnt die Wissenswanderung, die Dr. Heinrich Schwendemann anbietet. In den folgenden zwei Stunden wird der Historiker Einblicke in die Geschichte der Juden in Freiburg geben. Der Zeitraum umfasst 78 Jahre und viele menschliche Schicksale, deren Spuren wie stumme Zeugen über die ganze Innenstadt verstreut sind. Schwendemann zeigt nach oben. An der Südfassade, unter dem Dach des Gebäudes, hoch über den Köpfen der Statuen von Homer und Aristoteles, verweist ein verwitternder Schriftzug auf eine unbequeme Geschichte – eine Geschichte, die lange verdrängt wurde: „Erst in den 1980er Jahren rückten die Ereignisse im Dritten Reich in den Fokus der Freiburger Historiker“, sagt Schwendemann.

Vertreibung jüdischer Universitätsmitarbeiter

Die in den roten Stein geschlagenen Worte „Dem ewigen Deutschtum“ sind nicht das einzige Überbleibsel dieser Zeit am KG I. Hinter der nächsten Ecke, etwa auf gleicher Höhe, sind die Spuren eines weiteren, abgetragenen Artefakts zu sehen. Einst blickte von dort ein Reichsadler mit Hakenkreuzemblem über die Stadt. Vor den antisemitischen Aktionen des Nationalsozialismus waren Juden stark im akademischen Sektor vertreten. Es gab sogar jüdische Studentenverbindungen. In den 1930er Jahren begann die Vertreibung des jüdischen Universitätspersonals unter dem Philosophen und damaligen Rektor Martin Heidegger. Die Namen der Betroffenen sind heute an einer Wand der Vorhalle des Kollegiengebäudes angebracht.

Die nächste Station der Wissenswanderung befindet sich nur einige Meter weiter. Auf dem Rasen, auf dem Studierende die Sonne genießen, Eis essen oder lesen, stand zwischen 1870 und 1938 eine Synagoge. In der Reichspogromnacht im November 1938 hat die SS sie niedergebrannt. „Die Feuerwehr war anwesend, sorgte aber nur dafür,
dass das Feuer nicht auf das KG I übersprang“, erzählt Schwendemann. Das benachbarte KG II gab es damals noch nicht. Das Gebäude wurde erst 1959 errichtet. Die einfache Metallplatte, die 1962 als Denkmal an diese Stelle gesetzt wurde, war zunächst ebenerdig und leicht zu übersehen. Vier Jahre später wurde sie nach Protesten auf einem Sockel angebracht.

Enteignung jüdischer Geschäftsinhaber


Die Gruppe verlässt den Campus und verweilt im so genannten Bermuda-Dreieck. Das Gebäude, in dem heute die Filiale einer Fast-Food-Kette Essen an hungrige Partylöwen verkauft, hat der jüdische Architekt Artur Levy entworfen – und das Bauwerk ist gar nicht so alt, wie man aufgrund seines verspielten, im Jugendstil gehaltenen Äußeren annehmen könnte. Trotz seiner Leistungen wurde Levy Opfer des Boykotts jüdischer Geschäfte, bis er schließlich auswanderte. Die Vertreibung der Juden und die Arisierung der Stadt hat Spuren hinterlassen, die sich entlang der gesamten Kaiser-Joseph-Straße zeigen. Teilweise auch nicht: Die Bombardierung Freiburgs durch die englische Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg hat besonders die Innenstadt schwer beschädigt. Einige der Geschäfte, die den jüdischen Inhabern zuvor entrissen worden waren, gibt es nicht mehr. Schwendemann zeigt Aufnahmen des alten Stadtbildes und erklärt die Ereignisse: „Mithilfe der NS-Stadtverwaltung wurden jüdische Geschäftsinhaber gezwungen, unter Preis zu verkaufen. Oder sie wurden enteignet.“

Falsche Bilder

Vorbei am historischen Kornhaus, in dem am 10. November 1938 verhaftete Freiburger Juden vor ihrem Abtransport nach Dachau interniert worden waren, geht es über den Münsterplatz zum Wahrzeichen Freiburgs: Im Vorraum der Kathedrale finden sich antijüdische Relikte aus dem Mittelalter. Eine weibliche Figur mit verbundenen Augen symbolisiert die Synagoge, und an einer anderen Stelle werden Folterknechte gezeigt, die „Judenhüte“ tragen und den Märtyrer Bartholomäus zu Tode quälen. Schwendemann berichtigt: „Das ist falsch. Juden hatten mit dessen Martyrium nichts zu tun.“

Die Führung endet in der Schusterstraße 23, kurz hinter dem Münsterplatz. Ein Ledergeschäft bildet den Abschluss der Sehenswürdigkeiten, die vorbeieilende Passantinnen und Passanten kaum wahrnehmen. Wie die anderen Bauwerke erzählt auch dieses von den Schicksalen der Menschen, die darin gelebt haben. So wie Lotte Paepcke, deren Vater Max Mayer einst das Ledergeschäft gehörte. Ihre persönliche Geschichte hat sie in einem Buch niedergeschrieben – eine Geschichte von Diskriminierung, Boykott und Vertreibung.

von Lars Schönewerk



Zum Nachwandern:


Wissenswanderung: Freiburger Juden auf einer größeren Karte anzeigen


Weitere Informationen:
Die Wissenswanderung entspricht einer Stadtführung. Die Strecke führt vom Campus in der Innenstadt über die Löwenstraße, die Kaiser-Joseph-Straße und endet kurz hinter dem Münsterplatz an der Schusterstraße. Die Strecke ist nur etwa einen Kilometer lang. Besonderes Schuhwerk wird nicht benötigt. Die Führung ist auch für Gehbehinderte möglich. Der Weg ist barrierefrei.

Anfahrt:
Mit dem Auto: Autobahnabfahrt Zubringer Mitte – Abfahrt „Stadtmitte/Universität“. Parkplätze sind im Rotteck-Parkhaus an der Kreuzung Werderring/Bertoldstraße verfügbar. Mit der Straßenbahn: vom Freiburger Hauptbahnhof mit den Straßenbahnlinien 1, 3 oder 5 bis zum Stadttheater. Alternativ mit allen Straßenbahnlinien bis zum Bertoldsbrunnen.
 

 

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Der Ausflug auf den Spuren der jüdischen Bevölkerung Freiburgs beginnt am Kollegiengebäude I, Platz der Universität. „Dem ewigen Deutschtum“: Früher waren die Lettern vergoldet, heute verwittert der Schriftzug zunehmend.
 
Eine Gedenktafel an einer Wand des Kollegiengebäudes I erinnert an die
jüdischen Mitarbeiter, die bis 1933/34 an
der Universität angestellt waren.
In diesem steinernen Rahmen an der Westfassade des Kollegiengebäudes I war früher ein Reichsadler mitsamt Hakenkreuzemblem zu sehen.
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Heinrich Schwendemann berichtet über die Vergangenheit der Freiburger Juden. Über
400 Jahre hatte die Stadt keine jüdischen Einwohner, weil das Stadtrecht dies nicht zuließ.
An der Stelle dieser Gedenktafel, vor dem heutigen Kollegiengebäude II, stand zwischen 1870 und 1938 eine Synagoge. In der so genannten Reichskristallnacht wurde sie niedergebrannt.
   
Das Gebäude im Jugendstil entwarf der jüdische Architekt Artur Levy, der auf Druck
der Nationalsozialisten emigrierte.
Das Konzept zeigt den Sanierungsplan für die Fassaden in der „Adolf-Hitler-Straße“ zwischen Löwenstraße und Bertoldstraße während der NS-Zeit.
   
Die Architektur des Gebäudes im Hinter-
grund entspricht dem „Heimatschutzstil“, einem eigenen Stil der Nationalsozialisten.

 Entlang der Kaiser-Joseph-Straße gab es mehr als 40 jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien, die durch die Arisierung verdrängt wurden. Auf dem Gelände im Hintergrund stand früher ein Kaufhaus.

Am 10. November 1938 wurden verhaftete jüdische Männer vor ihrem Abtransport nach Dachau im Kornhaus interniert. Auch im Eingangsbereich des Münsters stößt man auf Zeichen des Antijudaismus. So zeigt das Martyrium des Bartholomäus jüdische Folterknechte, was, wie mittlerweile  belegt ist, nicht den historischen Tatsachen entspricht.
An der Schusterstraße endet die Wissenswanderung. Das Ledergeschäft gehörte bis 1935 dem jüdischen Händler
Max Mayer.
Heinrich Schwendemann liest am Schauplatz der Ereignisse aus den Erinnerungen der Zeitzeugin Lotte Paepcke, der Tochter des damaligen Geschäftsbesitzers, vor.

 

Kontakt


Inhaltliche Fragen:


Rimma Gerenstein

Tel.: (+49) 0761 203 8812
Fax: (+49) 0761 203 4278
rimma.gerenstein@pr.uni-freiburg.de

 

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