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Sonne, Mond und Kalender

Theologe Stephan Wahle erklärt, warum Neujahr für Angehörige unterschiedlicher Religionen nicht am gleichen Tag stattfindet

Freiburg, 19.12.2012

Sonne, Mond und Kalender

© Gina Sanders - Fotolia.com

Christen feiern am 1. Januar Neujahr, das jüdische Neujahrsfest Rosch ha Schanah wird im September oder Oktober begangen. Der islamische Jahreswechsel ra's as-sana al-hidjriya wiederum wandert durch das gesamte Kalenderjahr und scheint auf den ersten Blick keinen gleich bleibenden Termin zu haben. Die Gründe liegen in unterschiedlichen Zeitrechnungssystemen, die Angehörige der jeweiligen Religion befolgen. Dr. Stephan Wahle vom Institut für Systematische Theologie der Albert-Ludwigs-Universität erklärt die in der westlichen Welt am gebräuchlichsten Kalender: den julianischen, gregorianischen, islamischen und den jüdischen.

Der julianische und gregorianische Kalender

„Das von dem römischen Kaiser Gaius Julius Caesar eingeführte julianische Zeitrechnungssystem orientiert sich ausschließlich am Lauf der Sonne“, erläutert Wahle. Maßgeblich ist die tropische Jahreslänge, also die Zeit, in der die Erde die Sonne umkreist. Das Jahr geht diesem System zufolge von Januar bis Dezember und ist 365 Tage und sechs Stunden lang. Um die Differenz von etwa sechs Stunden auszugleichen, wurde alle vier Jahre der Monat Februar von 28 auf 29 Tage verlängert. Allerdings war das julianische Jahr um 0,0078 Tage zu lang veranschlagt worden. Das wurde deutlich, weil das kalendarische Datum des Frühlingsanfangs, an dem Tag und Nacht gleich lang sind, im Laufe der Zeit nicht mehr mit dem berechneten übereinstimmte. Im 16. Jahrhundert machte der Unterschied bereits zehn Tage aus. Daraufhin reformierte Papst Gregor XIII. das System: Auf den 4. Oktober 1582 folgte der 15. Oktober 1582, außerdem korrigierte er die Berechnung der Schaltjahre. Das gregorianische Zeitrechnungssystem wird weltweit am häufigsten verwendet.

Der islamische Kalender – at-taqwīm al-hiǧrī

Diesen Kalender benutzten sämtliche antike Kulturen im Mittelmeerraum und im Zweistromland, der Region zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Er gehört zu den ältesten Systemen und orientiert sich ausschließlich am Umlauf des Mondes um die Erde. Der Beginn der islamischen Zeitrechnung fällt auf das Jahr 622 der christlichen Zeitrechnung. Damals zog der Prophet Mohammed mit seiner Gefolgschaft aus Mekka im heutigen Saudi-Arabien aus. Der islamische Kulturkreis schreibt heute das Jahr 1435 nach dieser Auswanderung, der Hidjra. Ein neuer Monat beginnt, sobald die Mondsichel nach Neumond am Himmel erscheint, ergänzt Prof. Dr. Johanna Pink vom Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität. Das Mondjahr besteht aus 12 Monaten mit je 29 oder 30 Tagen. Mit einer Gesamtlänge von 354 Tagen und acht Stunden ist es elf Tage kürzer als das europäische Sonnenjahr. „Die islamischen Feiertage wandern somit im europäischen Bewusstsein durch das gesamte Jahr und sind nicht an Jahreszeiten gebunden“, erklärt Wahle. Das heißt das islamische Neujahrsfest 2013 fällt auf den 4. November, 15 Jahre später, im Jahr 2028, findet es jedoch Ende Mai statt.

Der jüdische Kalender – ha-lu'ach ha-iwri

Der jüdische Kalender ist ein lunisolarer, da er sich nach dem Mond- und dem Sonnenlauf richtet. Sein Vorläufer ist der babylonische Kalender, den heimkehrende Juden nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft – der gregorianischen Zeitrechnung zufolge im Jahr 539 vor Christus – eingeführt haben. Dieser lunisolare Kalender beginnt mit der Schöpfung der Welt im Jahr 3761 vor Christus. Das Jahr 2012 entspricht nach jüdischer Zeitrechnung also dem Jahr 5772/73 nach Erschaffung der Welt. Um den Unterschied zwischen dem Mondjahr mit 354 Tagen und acht Stunden und dem tropischen Jahr mit etwa 365,2422 Tagen auszugleichen, wird sieben Mal in 19 Jahren der Schaltmonat Weadar eingefügt. Die Methode geht auf den griechischen Mathematiker Meton zurück, der 433 vor Christus den Metonischen Zyklus erfunden hat. Das Neujahrsfest Rosch ha Schanah findet im Herbst am ersten Tag des Monats Tischri statt – das Jahr 5773 begann am 16. September 2012 des gregorianischen Kalenders – und ist eines der bedeutendsten jüdischen Jahresfeste.

 

 

Kontakt:
Dr. Stephan Wahle
Institut für Systematische Theologie
Albert-Ludwigs-Universität
Tel.: 0761/203-2107
E-Mail: stephan.wahle@theol.uni-freiburg.de


Prof. Dr. Johanna Pink
Lehrstuhl für Islamwissenschaft und Geschichte des Islam
Albert-Ludwigs-Universität
Tel.: 0761/203-3154
E-Mail: johanna.pink@orient.uni-freiburg.de

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