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Kritik an der Sicherheit

Wer möchte nicht in einer sicheren Welt leben? Doch welchen Preis muss die Gesellschaft zahlen, welche Kompromisse muss sie eingehen, um dieses Ziel zu erreichen? Der Soziologe Prof. Dr. Stefan Kaufmann erforscht, wie Kriminalprävention und Katastrophenschutz verbessert werden können. Dabei klärt er auf, wie die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung der Gesellschaft die Politik und Kriminalistik herausfordern.


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Welche Präventionsmaßnahmen führen zu mehr Sicherheit und welche zu mehr Gefahren? ( © Tiberius Gracchus - Fotolia.com / fotolia.com)

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Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York/USA sind in der Europäischen Union und in den USA unter dem Schlagwort „Homeland Security“ oder „zivile Sicherheit“ eine Vielzahl von Präventionsmaßnahmen erhoben worden, die im Inland mehr Sicherheit schaffen sollen. Ziel ist es, Anschläge, Unfälle oder Katastrophen zu verhindern oder deren Auswirkungen zu minimieren. Zur „zivilen Sicherheit“ zählen auch neue Konzepte und Maßnahmen zur Erhöhung städtischer Sicherheit, die sich auf Hochwasser, Terroranschläge, Drogenkriminalität, aber auch auf harmlosere Delikte wie Taschen- und Fahrraddiebstähle erstrecken. Diese Formen der Prävention erforscht Prof. Dr. Stefan Kaufmann vom Institut für Soziologie und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Centre for Security and Society der Universität Freiburg.

  • Vernetzung als Gefahr

„In einer digitalen und vernetzten Gesellschaft brechen bei einem längeren Stromausfall essentielle Infrastrukturen zusammen. Systeme wie Krankenhäuser oder die Energieversorgung fallen aus“, sagt Kaufmann. Dabei spielt die Ursache keine Rolle: Die Vernetzung selbst schafft neue gesellschaftliche Gefahren. Kaufmann beobachtet, dass die Sicherheitspolitik verstärkt davon abkehrt, Gefahren abzuwenden. Stattdessen hat Prävention nun öfter zum Ziel, Systeme widerstandsfähiger zu machen, damit sie im Ernstfall weniger Schaden nehmen und das alltägliche Leben weiterlaufen kann. „Die Systeme sollen resilient sein“, erklärt Kaufmann.

Zu Unterschieden in der Sicherheitskultur zum Beispiel in Wasserwerken, erklärt Kaufmann mehr im Videointerview.

  • Sicherheit im städtischen Raum

Die Vernetzung kann Sicherheit aber auch verbessern – zum Beispiel in Städten. Das europäische Forschungsprogramm „Besecure“, an dem Kaufmann beteiligt ist, soll ein Werkzeug für die Polizei und andere Akteure der kommunalen Kriminalprävention schaffen: Es vergleicht Maßnahmen, mit denen Städte die Anzahl der Straftaten verringern wollen. Soll die Polizei im Park mit Razzien gegen Verbrechen vorgehen oder Überwachungskameras an den Eingängen aufstellen? Um die richtige Maßnahme zu wählen und die Wirkung und Konsequenzen, auch von neuen Technologien, richtig abzuschätzen, hilft ein Blick in die Literatur: Im Projekt BESECURE sollen Ergebnisse von Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen aus acht europäischen Städten in einer Datenbank gesammelt und visualisiert werden, sodass Polizeibehörden darauf zugreifen können.

Mehr zu BESECURE im Interview mit Prof. Dr Stefan Kaufmann

  • Angst und Realität
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Das friedliche Freiburg ist die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in ganz Baden-Württemberg. Und das liegt nicht an den Fahrraddieben.

Datenquelle: Innenministerium Baden-Württemberg (2010), Quelle: Universität Freiburg

Kaufmann analysiert auch, wie bei den Themen Kriminalität und Sicherheit die Wahrnehmung und die Statistik auseinanderklaffen. „Das friedliche Freiburg ist die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate in ganz Baden-Württemberg. Und das liegt nicht an den Fahrraddieben“, erklärt Kaufmann. Die Freiburgerinnen und Freiburger nehmen ihre Stadt aber als sicher wahr. Kaufmann versucht mit seiner Forschung zu verstehen, wie solche Widersprüche zustande kommen. Dazu interviewt er Experten und Laien und führt Gruppendiskussionen.

Eines seiner Ergebnisse: „Die hohe soziale Sicherheit macht die Bürgerinnen und Bürger weniger anfällig für die Angst vor Kriminalität.“

Mehr zu Freiburg im Videointerview

  • Mehr Technik, mehr Sicherheit?

Auch Simulationen liefern Daten, wie im Projekt „SOGRO – Sofortrettung bei Großunfall“. Kaufmann erforscht, wie in der Erstversorgung von Unfallopfern neue Technologien helfen: Sie ermöglichen es, schnell im Notfall zu kommunizieren, sind aber anfällig für Störungen, und das Personal muss mit der Technik vertraut sein. Mit ihren Analysen können die Forscherinnen und Forscher Probleme aufdecken und Lösungsansätze vorschlagen. Damit helfen sie der Politik, der Polizei und der Gesellschaft, Entscheidungen auf der Grundlage verlässlicher Informationen zu treffen.

Mehr zu SOGRO im Forschungsmagazin uni’wissen 02/2012

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Stefan Kaufmann ist seit 2012 außerplanmäßiger Professor am Institut für Soziologie und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Centre for Security and Society der Universität Freiburg. Nach einem dem Studium der Soziologie, Neueren und Neuesten Geschichte und Romanistik an der Freien Universität Berlin und in Freiburg wurde er 1995 an der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität promoviert. 1997 wurde er in Freiburg wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich „Identitäten und Alteritäten“. Als Fellow und zu einem Forschungsaufenthalt verbrachte er ab 2002 drei Jahre an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule in Zürich/Schweiz. Wieder zurück in Freiburg, übernahm er 2006 die Vertretung der Professur für Kultursoziologie am Institut für Soziologie. 2008 bis 2010 vertrat er an der Universität Siegen die Professur für Medientheorie im Fachbereich Medienwissenschaft. Währenddessen übernahm er Projektleitungen in der Sicherheitsforschung, unter anderem im Beratungsprojekt „Fachdialog Geistes- und Sozialwissenschaften in der zivilen Sicherheitsforschung“ beim Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligt. Neben der Forschung zur zivilen Sicherheit beschäftigt er sich mit der Soziologie von Krieg und Gewalt und mit den Technisierungsstrategien im Sicherheitsbereich. Kaufmann war 2014 außerdem Mitautor eines Handbuchs zur kulturwissenschaftlichen Analyse des Ersten Weltkriegs.

 

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Prof. Dr. Stefan Kaufmann erklärt, wie er im Rahmen des Projekts „BESECURE – Best practice Enhancers for Security in Urban Regions“ zur Sicherheit im städtischen Raum forscht.

Surprising Science: Worum geht es bei Besecure und wie kamen Sie zu dem Projekt?

Kaufmann: Im Forschungsprojekt „BESECURE – Best practice Enhancers for Security in Urban Regions“ geht es darum, Informationssysteme und Werkzeuge zum Verwalten kriminalistischer Daten zu entwickeln. Sie sollen Akteurinnen und Akteure dabei unterstützen, ihre Stadt sicherer zu machen. Das Projekt ist Teil des Europäischen Sicherheitsforschungsprogramms. Besecure entstand nach einer Ausschreibung der Europäischen Union. Eine Idee war, eine Art Alarmsystem für Kriminalität in Städten zu schaffen: Wenn bestimmte Entwicklungen eintreten, gehen gewissermaßen die roten Knöpfe an und die Sicherheitskräfte handeln sofort. Doch dieser Ansatz ist schwer zu realisieren. Es geht nun vor allem darum, den Gemeinden Entscheidungshilfen an die Hand zu geben, um eine sinnvolle Sicherheitspolitik zu beschließen. Die Kooperationspartner sind Forschungsorganisationen wie die niederländsiche TNO und das Fraunhofer Ernst-Mach-Institut aber auch Beratungs- und Softwareunternehmen und städtische Nichtregierungsorganisationen. Informatikerinnen und Informatiker, Datenmanagerinnen und Datenmanager, Stadtplanerinnen und Stadtplaner sowie Forschende aus Soziologie und Kriminologie arbeiten zusammen. Beteiligt sind acht urbane Regionen in Europa: Freiburg im Breisgau, DenHague in den Niederlanden, London Tower Hamlets, London Lewisham und Belfast in Großbritannien, Neapel und Reggio di Calabria in Italien und Poznan in Polen.

Surprising Science:
Sie sind aber Soziologe und kein Kriminalist. Welche Forschungsfrage steht für Sie hinter Besecure?

Kaufmann: In den letzten 20 Jahren haben viele Städte präventive oder repressive Maßnahmen erhoben, um die Sicherheit zu erhöhen. Aber zwischen den Städten fehlt es an Kommunikation. Stadt A weiß nicht, was Stadt B gemacht hat, um zum Beispiel Drogenprobleme zu bekämpfen. Wir erheben eben solche Daten, um sie zur Verfügung zu stellen: Welche unterschiedlichen Maßnahmen gibt es, und was ist dabei herausgekommen? Wir sammeln nur die Projekte, bei denen ein Fazit gezogen wurde: Haben sich die Maßnahmen bewährt? Welche Kosten haben sie verursacht? Welche Nebeneffekte gab es? Außerdem können wir die acht Städte, in denen wir Daten zur Kriminalität sammeln, vergleichen. Was sind die Faktoren, die bestimmte Formen der Kriminalität begünstigen? Wo greift man ein? Das ist Kriminologie. Diese Art von Forschung gibt es schon seit über hundert Jahren. Wir nutzen die Ansätze, die sich als valide erwiesen haben. Informatiker programmieren Software, mit der Nutzerinnen und Nutzer digitale Karten oder Grafiken erstellen können. Diese zeigen, welche sozialen Faktoren mit der Veränderung von Kriminalitätsraten zusammenhängen. So kann man Trends ableiten: Wenn die Mobilität der Bevölkerung zunimmt, erhöht das in aller Regel die Kriminalität. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn sich Studierendenzahlen erhöhen oder der Tourismus zunimmt. Es ist dann an der Stadt, sich zu überlegen, ob sie eingreifen will oder nicht. Sicherheit kann ja nicht das einzige Ziel von Stadtpolitik sein.


Surprising Science: Wie weit sind Sie in der Entwicklung der Programme, die Sie den Städten zur Verfügung stellen wollen?

Kaufmann: Die Computerprogramme sind noch nicht in der Anwendung. Aber die Entwicklung kommt voran. Wir sind in ständiger Rücksprache mit städtischen Akteuren wie der Polizei: Sie teilen uns mit, welche Visualisierung oder technische Details die Programme handlicher machen oder was sie noch benötigen.

Surprising Science: Welche Rückmeldung bekommen Sie zur der Entwicklung von Besecure, zum Beispiel aus Freiburg?

Kaufmann:
Es stellt sich heraus, dass es eine kritische Stadtgröße gibt, für die ein solches Programm geeignet ist. Freiburg, scheint es, ist zu klein. Auch zu diesem Zweck haben wir Städte mit unterschiedlicher Größe untersucht. Da man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter braucht, die sich mit einem solchen Datensystem auskennen, es pflegen und Daten einfüttern, ist es wichtig zu ermessen, ab welcher Stadtgröße sich das überhaupt lohnt. Die Freiburger sagen: Wir kennen unsere Stadt. Wir wissen, wo die Brandherde der Kriminalität sind. In den USA, wo solche Systeme schon zur Anwendung kamen, werden solche Hotspots erst über die Statistik gefunden. Aber zumindest einige Akteure halten es für fraglich, ob sie in Freiburg helfen würden.


Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

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Prof. Dr. Stefan Kaufmann im Videointerview


Was ist zivile Sicherheit?

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Warum ist Freiburg eine Stadt mit hoher Kriminalität?

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Digitale Technologien: Fluch oder Segen für zivile Sicherheit?

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Vorsorgen oder Reagieren? Sicherheit in Wasserwerken

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Weiterlesen

Die Stadt im Zeichen ziviler Sicherheit, in: Dirk Heckmann, Ralf Schenke, Gernot Sydow (Hg.): Verfassungsstaatlichkeit im Wandel. Festschrift für Thomas Würtenberger zum 70. Geburtstag, Berlin: Duncker&Humblot, 2013, S. 1011-1120

mit Sabine Blum: Governing (In)Security. The Rise of Resilience, in: Hans-Helmuth Gander, Walter Perron, Ralf Poscher, Gisela Riescher, Thomas Würtenberger (Hg.), Resilienz in der offenen Gesellschaft. Symposium des Centre for Security and Society, Nomos 2012, S. 235-257

Zivile Sicherheit: Vom Aufstieg eines Topos, in: Leon Hempel, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling (Hg.): Sichtbarkeitsregime. Überwachung, Sicherheit und Privatheit im 21. Jahrhundert, Leviathan Sonderheft, Wiesbaden: VS-Verlag, S. 101-213


Mehr zu BESECURE:

D1.1 Boundary Conditions and Options for Urban Security Enhancement



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