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Kommentare zur griechischen Komödie

Forscher der Universität Freiburg schließen eine Lücke in der Bildungsgeschichte: Ein Großteil der antiken griechischen Literatur existiert bisher nur in Fragmenten. Nach und nach werden diese nun in Ausgaben und Kommentaren erschlossen. In einem Blog präsentieren die beteiligten Altphilologen ihre neuesten Ergebnisse.


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Worüber wurde in den antiken Theatern gelacht? Freiburg Forscher rekonstruieren die Inhalte griechischer Komödien. ( © hufnasi / fotolia.com)

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Viele Geschichten ranken sich um verlorene Texte. Am bekanntesten ist durch Umberto Ecos Roman Der Name der Rose der Verlust des zweiten Buchs der Poetik des Aristoteles, in dem die Komödie behandelt wurde.

 

  • Fragment und Komödie

Besonders in dieser zentralen Gattung der Weltliteratur, der Komödie, sind die Verluste gravierend: Erhalten sind elf Komödien des Aristophanes (ca. 450-385 v. Chr.) sowie ein komplettes Stück des Menander (342-290 v. Chr.), dazu kommen tausende mehr oder weniger umfangreicher Fragmente und Zeugnisse, die bis heute nicht umfassend erschlossen sind, vor allem nicht in deutschen Übersetzungen vorliegen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Dokumente wird ein neues Licht auf die Geschichte der griechischen Literatur der Antike werfen.

 

  • Langfristiges Forschungsvorhaben

Das im Rahmen des Akademieprogramms geförderte Projekt „Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie“ läuft über eine Dauer von 15 Jahren. Es hat seine Heimat an der Universität Freiburg unter der Leitung von Prof. Dr. Bernhard Zimmermann und wird von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften betreut. Da die Arbeit mit Fragmenten unter methodischen und philologischen Gesichtspunkten äußerst anspruchsvoll ist, eignet sich dieses Gebiet in besonderer Weise zur Ausbildung von angehenden Philologinnen und Philologen. Von Anfang an werden Studierende in die Arbeit eingebunden. Da das Projekt mit zwei Promotionsstellen ausgestattet ist, ist es ein exzellentes Instrument der Nachwuchsförderung.

 

  • Blog: Erläuterungen zum aktuellen Forschungsstand

Die an dem Projekt beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden ihre Ergebnisse in einem Blog auf www.surprising-science.de, dem Wissenschaftskommunikationsportal der Universität Freiburg, zusammenfassen und dort gleichzeitig auch für Laien erklären.

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Ehebruch und Kohlrezepte: Die Fragmente des Alkaios

Entstehung der Fragmente

Zwischen Spott und Tagesgeschehen

Antiker Whistleblower oder Hofnarr der Polis?

Wie kann ein Mythos „komisch“ werden?

Ehebruch und Kohlrezepte: Die Fragmente des Alkaios

Ein pöbelnder Göttervater Zeus, Szenen aus einer Ehe, der Minotauros als Stadtbewohner und Kochrezepte: Die Fragmente des Komödiendichters Alkaios liefern vielseitige Einblicke in Alltagsleben, Kultur und Mythologie im klassischen Griechenland. Dr. Christian Orth vom Freiburger Forschungsprojekt erläutert, was es in den antiken Werken zu entdecken gibt.

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Dr. Christian Orth stieß bei seiner Forschung zu antiken Komödien auf Geschichten über Ehebruch und Rezepte für Kohl.

lkaios ist einer der vielen griechischen Komödiendichter neben Aristophanes und Menander, die wissenschaftlich erst ansatzweise erschlossen sind und nun im – an der Universität Freiburg laufenden - Projekt zur „Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie“ umfassend untersucht werden. Aus dem Leben und Schaffen des Atheners Alkaios - nicht zu verwechseln mit dem bekannteren Lyriker Alkaios von Mytilene - ist nicht viel überliefert: Angeblich verfasste er zehn Komödien, von acht sind die Titel bekannt. 40 Zitate aus seinen Werken haben sich erhalten, bei sechs davon ist allerdings nicht klar, ob nicht doch eher der Lyriker gemeint ist.

Gesichert ist hingegen, dass eine Komödie von Alkaios im Jahr 388 v. Chr. aufgeführt wurde: Der Komödiendichter trat mit seiner „Pasiphae“ im Rahmen eines Wettstreits gegen vier Konkurrenten an, darunter auch Aristophanes mit dem noch heute erhaltenen „Plutos“ („Der Reichtum“). Wie der Wettkampf ausging, ist leider nicht überliefert.

 

  • Mythologie und Erotik: Inhalte und literarische Einordnung der Werke von Alkaios

Alkaios ist einer der spätesten Dichter der „Alten Komödie“, der ersten der drei Phasen, in die schon in der Antike die Geschichte dieser Gattung eingeteilt wurde. Nach Titeln wie „Ganymedes“, „Endymion“, „Kallisto“ und „Pasiphae“ zu urteilen, hatte er eine besondere Vorliebe für mythologische Stoffe, besonders Liebschaften zwischen Menschen und Göttern - oder sogar, wie im Fall der „Pasiphae“, der Königin von Kreta, die sich in einen Stier verliebte, Tieren.

Allerdings verlegte er die Handlung gern in die athenische Alltagswelt, und die Götter und Helden werden wenig heroisch gezeichnet: Beim Hochzeitszug von Zeus und Hera im „Hieros gamos“ („Heilige Hochzeit“, benannt nach einem athenischen Fest) kam – wie in Athen üblich – ein einfacher Ochsenkarren zum Einsatz. Eines der Fragmente aus dem „Ganymedes“ enthält Pöbeleien von Göttervater Zeus gegen den hinkenden Hephaistos, weil der Mundschenk ihn nicht schnell genug bediente.

Um Ehebruch ging es in einer weiteren Komödie, den „Adelphai moicheuomenai“ („Die verführten Schwestern“). Für die Athener des 5. und 4. Jh. v. Chr. galt als „moicheia“ (Ehebruch) übrigens jedes Liebesverhältnis eines Mannes mit einer Frau, die eigentlich einem anderen „gehörte“. Ob der „Ehebrecher“ selbst verheiratet war, spielte dagegen keine Rolle.

 

  • Mosaiksteinchen: Die griechischen Komödien als wissenschaftliche Quellen

Wie Aristophanes und etwa hundert Jahre später Menander schrieb auch Alkaios seine Komödien für die Wettbewerbe an zwei Dionysos-Festen in Athen, den Lenäen und den Großen Dionysien, und brachte sie im Dionysostheater unterhalb der Akropolis zur Aufführung. Der Dichter war dabei gleichzeitig auch der Regisseur seiner Stücke. Der ständige Wettstreit unter den Dichtern führte dazu, dass jeder von ihnen im Bemühen, das Publikum gleichzeitig zu überraschen und doch seine Erwartungen nicht zu enttäuschen, in kleinen Schritten zu der Veränderung der Gattung beitrug.

Dass sich diese Entwicklung für die Komödie noch besser nachverfolgen lässt als für jede andere Gattung der griechischen Antike, liegt an der großen Zahl von Dichtern, von denen sich Fragmente erhalten haben. Jedes einzelne davon ist ein Mosaiksteinchen, das zum Verständnis nicht nur der Gattungsgeschichte, sondern auch vieler anderer Aspekte der griechischen Antike beitragen kann. Sie sind damit eine unschätzbare Quelle für die Wissenschaft.

Und in jedem dieser Fragmente ist zugleich auch ein kurzer Augenblick einer Theateraufführung aus dem antiken Griechenland konserviert. Allerdings sind dabei viele für die Aufführung relevante Aspekte wie die Gestaltung der Bühne, die Kostüme, die Musik, die Gesten der Schauspieler und sogar die Identität der sprechenden Figuren in den meisten Fällen verlorengegangen und müssen – soweit überhaupt noch möglich – erst mühsam aus den Texten wieder erschlossen werden.

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Ein Gastmahl unter Philologen: Entstehung der Fragmente

Die Einordnung der meisten antiken griechischen Komödien ist erst ansatzweise geschehen. Doch wie sind die Texte, mit denen die Freiburger Wissenschaftler arbeiten, eigentlich entstanden? Dr. Christian Orth beschreibt den Entstehungsprozess dieser Fragmente.

Die Überlieferungsprozesse, an deren Ende die uns erhaltenen Fragmente stehen, lassen sich nur teilweise rekonstruieren. Alles beginnt mit dem originalen Exemplar des Dichters, das zusammen mit ersten Abschriften für die Uraufführung der Komödie bestimmt war. Was mit den Handschriften danach geschah, ist unbekannt: Blieben sie im Besitz des Dichters und der an der Aufführung beteiligten Personen? Wurden sie für Wiederaufführungen in attischen Gemeinden oder auch außerhalb Attikas eingesetzt oder weiter vervielfältigt? Oder konnte Zeitgenossen von erfolgreichen Stücken auch Exemplare bei einem der Buchhändler am Rand der Agora, dem zentralen Versammlungs- und Marktplatz Athens, erwerben? Klar ist nur, dass noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später zahlreiche Stücke in Abschriften vorhanden waren und in Bibliotheken aufbewahrt wurden: Ptolemaios I., der von 323 bis 282 vor Christus über Ägypten herrschte, gründete die Bibliothek in Alexandria, um die gesamte griechische Literatur zu sammeln.

 

  • Von der Buchrolle zum Fragment

In Alexandria setzte eine umfassende Arbeit der Katalogisierung sowie der lexikographischen Erfassung und Kommentierung ein. Die Gelehrten in der Bibliothek haben offenbar einen großen Teil der Komödien durchgearbeitet und dabei bemerkenswerte oder erklärungsbedürftige Wörter herausgeschrieben und diskutiert. Eine Folge dieser Arbeit ist, dass sich noch in spätantiken und byzantinischen Kommentaren und Lexika immer wieder Zitate aus verlorenen Komödien finden. Die Autoren dieser erhaltenen Werke haben die Zitate jedoch fast immer aus zweiter, dritter oder vierter Hand übernommen, und die originalen Komödien nicht mehr selbst gelesen. Hinzu kommt, dass Lexika und Kommentare oft nicht genau abgeschrieben, sondern je nach Bedarf verkürzt oder auch aus anderen Quellen erweitert wurden. So ergibt sich eine oft recht verwirrende lange Überlieferungskette, von der wir nur die Endprodukte kennen. Auch die Komödienzitate selbst sind nicht selten fehlerhaft überliefert. Aber noch immer lassen sich aus diesen Zitaten in mühevoller Kleinarbeit faszinierende Erkenntnisse über einzelne Komödiendichter, die Entwicklung der griechischen Komödie und viele Aspekte des griechischen Alltags gewinnen.
 

  • Ein Gastmahl unter Philologen

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Göttervater Zeus wird in den Komödien des Dichters Alkaios wenig heroisch dargestellt. ( © kamigami / fotolia.com)

Eine besonders wichtige Quelle für Komödienfragmente sind die Ende des 2. Jahrhunderts nach Christus entstandenen Deipnosophisten („Gastmahlsophisten“) des Athenaios von Naukratis (Ägypten). In 15 Bänden wird erzählt, wie sich eine Gruppe Gelehrter zu einem opulenten Festmahl trifft und für jedes einzelne der aufgetischten Gerichte nach Belegen in der klassischen attischen Literatur sucht und diese dann ausführlich präsentiert. Das ist ein Grund dafür, dass besonders viele Fragmente der griechischen Komödiendichter mit Essen und Trinken zu tun haben. Auch wenn dieses Thema sicherlich schon in den Komödien selbst eine wichtige Rolle spielte, ergibt sich durch die Überlieferung dennoch ein etwas einseitiges Bild. Umso wichtiger sind die vielen nicht-kulinarischen Informationen, die man aus den bei Athenaios erhaltenen Fragmenten ganz nebenbei auch gewinnt.

 

  • Moderne Papyrusfunde

Die Überlieferung der Fragmente der griechischen Komödie ist die Geschichte einer immer weiter fortschreitenden Verkürzung eines früher einmal äußerst umfangreichen Materials. In seltenen Fällen jedoch lässt sich dieser Prozess rückgängig machen: wenn im ägyptischen Wüstensand oder im Füllmaterial einer Mumie Reste von Buchrollen auftauchen, die den Text einer vollständigen griechischen Komödie enthielten. So wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts große Teile von mehreren Komödien des bedeutenden Dichters Menander, der zwischen dem vierten und dritten Jahrhunder vor Christus lebte, wieder entdeckt. Sein Werk war zuvor nur aus kurzen Zitaten, antiken Urteilen und freien lateinischen Nachdichtungen bekannt gewesen. Über diese Entdeckung berichtet Prof. Bernhard Zimmermann in dem Forschungsmagazin uni'wissen.

Auch wenn durch die Papyrusfunde immer noch neue Fragmente hinzukommen, ist die Sammlung des erhaltenen Materials weitgehend abgeschlossen: Die maßgebliche Ausgabe der Poetae Comici Graeci (8 Bände, 1983-2001) umfasst heute alle Fragmente der griechischen Komödiendichter mit Ausnahme der auf Papyrus überlieferten Stücke von Menander. Zurzeit sind in der Freiburger Forschungsgruppe Kommentare zu Alkaios, Aristomenes und Telekleides in Vorbereitung – über die ersten Ergebnisse über die Werke des Komödiendichters Alkaios hat Christian Orth in diesem Blog bereits berichtet.

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Zwischen Spott und Tagesgeschehen

Die Nachwuchswissenschaftlerin Elisabetta Miccolis untersucht in ihrer Promotion, ob der antike Dichter Archippos nachbildendes oder schöpferisches Talent besaß.

Fünf Zeugnisse und 61 Fragmente: Das ist alles, was die alten Quellen bieten, um Leben und Schaffen des athenischen Komödiendichters Archippos zu rekonstruieren. Sein schriftstellerisches Wirken lässt sich nicht genau datieren, doch ist es möglich, zwei Anhaltspunkte dafür zu finden: Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden zwei seiner Werke um 400 v. Chr. auf die Bühne gebracht. In seinem Drama „Fische“ erwähnt der Dichter den Archonten Eukleides, der sein Amt als hoher Beamter um 403/2 v. Chr. innehatte. Und die Komödie „Rhinon“ ist sehr wahrscheinlich nach einem der Politiker betitelt, die am Übergang vom oligarchischen zum demokratischen Regime in Athen 403 v. Chr. beteiligt waren.

 

  • Ein Bühnendichter der „Alten Komödie“

Die zeitliche Einordnung dieser zwei Stücke zwischen dem 5. und 4. Jhd. v. Chr. zeigt, dass Archippos zu den Bühnendichtern der sogenannten „Alten Komödie“ gezählt werden kann. Charakteristisch für diese erste der drei Entwicklungsphasen der Gattung sind vor allem eine spöttische Stimmung und eine starke Bindung an die zeitgenössische Realität. Gerade die noch existierenden Fragmente zeigen, dass Archippos wie die „alten“ Komödiendichter die Zeitgenossen verspottete und auf das athenische Tagesgeschehen anspielt.

 

  • Ein Drama mit spöttischen Anspielung auf das Tagesgeschehen

In den „Fischen“ stellt der Dichter eine Stadt von Fischen dar – wie Aristophanes mit den „Vögeln“ in seinem so betitelten Drama. Die Tiere, die sogar ihre eigenen Priester haben und mit Athen einen Vertrag abschließen, imitieren geschichtliche Figuren, wie in einem Fragment überliefert wird. Im Laufe der Handlung haben sie die Gelegenheit, den Tragiker Melanthios zu essen und sich dadurch an ihm, einem bekannten Schlemmer mit einer besonderen Vorliebe für Fisch, zu rächen.

 

  • Einfluss mythologischer Stoffe

Archippos verschmäht in seinen Werken auch mythologische Stoffe nicht, die eine immer wichtigere Rolle in der zweiten Entwicklungsphase der Komödie – der sogenannten „Mittleren“ – spielten: Im Mittelpunkt des „Amphitryon“ steht wahrscheinlich einer der zahlreichen Seitensprünge des Göttervaters Zeus. Der nahm die Züge des sterblichen Amphitryon an, um mit seiner Frau, der ebenso sterblichen Alkmene, zu schlafen.

 

  • Verspottungen unter Kollegen

Doch auch der dem Spott zugeneigte Dichter selbst konnte Verspottungen anderer Komödiendichter nicht entrinnen: Ein altes Zeugnis belegt, dass sie Archippos wegen seiner häufigen Verwendung von Wortspielen verhöhnten. Diese Kritik zeigt zum einen die Rivalität unter Kollegen und gibt gleichzeitig einen Hinweis auf den Kontext, in dem die Werke aufgeführt wurden – religiöse Feste, die richtige Theaterwettbewerbe einschlossen. Um dabei den ersten Platz zu erreichen, versuchten die Dichter nicht nur das beste Stück zu verfassen, sondern auch ihre Konkurrenten zu diskreditieren.

 

  • Nachahmender oder schöpferischer Autor?

Interessant ist Archippos' Verhältnis zu seinem bekanntesten Zeitgenossen und Rivalen Aristophanes: Abgesehen von der wahrscheinlichen Nachahmung von Aristophanes' „Vögeln“ mit seinem Stück „Fische“ schrieb Archippos – wie Aristophanes – eine Komödie mit dem Titel „Plutos“ („Reichtum“). Darüber hinaus wurden in der Antike einige aristophanische Stücke fälschlicherweise Archippos zugeschrieben, was die Ähnlichkeit der Schreibweisen belegt. Ob Archippos nur «ein mehr nachbildendes als selbstschöpferisches Talent» besaß, wie es der Philologe Georg Kaibel Ende des 19. Jahrhunderts formulierte, kann nur eine systematische Forschung der Fragmente enthüllen – was die Nachwuchswissenschaftlerin Miccolis in ihrer Doktorarbeit untersuchen wird.

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Antiker Whistleblower oder Hofnarr der Polis ?

Um in den Dionysien und Lenaia, den athenischen Theaterfestspielen, Erfolge zu feiern reichte es nicht, nur lustig zu sein: Das Publikum der Festivals, bei denen Dichter Ruhm und Ehre erlangten, musste sich gleichzeitig gespiegelt und entlarvt fühlen. In den Stücken des Dichters Eupolis, bekam jeder sein Fett weg – allen voran die Politiker. Eupolis war einer der erfolgreichsten Dichter der attischen Komödie. Professor S. Douglas Olson, Gastprofessor an der Universität Freiburg von der University of Minnesota, analysiert, was von Eupolis‘ Stücken überliefert wurde und erschafft ein neues Bild des Alltagslebens in der ersten Demokratie.


Eupolis war ein Zeitgenosse von Aristophanes und dessen direkter Konkurrent. Beide Autoren schrieben Stücke voller Gehässigkeit, Spott und Kritik an Staat und Regierung. Eupolis lebte in turbulenten Zeiten: geboren um  440 v.Chr., trat er zu der gleichen Zeit wie Aristophanes auf den Spielplan. Mit lediglich 20 Jahren erschien er das erste Mal mit seinen Stücken auf den Festspielen. Es war ein sofortiger Erfolg. Im ständigen Konkurrenzkampf gewannen beide Dichter den renommierten Theaterwettbewerb ein paar Mal in Folge. Plötzlich waren sie Superstars.

Eupolis starb jung: Er fiel wahrscheinlich im Peloponnesischen Krieg 411 v. Chr. Elf Stücke von Aristophanes sind bis heute vollständig erhalten. Alles, was von Eupolis heute übrig ist, sind Fragmente. Im alten Rom waren die Theaterstücke noch im Umlauf. Heute sind die Kopien der vollständigen Stücke verloren. Nur Zitate, Wörterbucheinträge von Ausdrücken, die Eupolis verwendete haben soll und auf Papyrus gedruckte Textfetzen wurden überliefert.

 

Prof. Dr. Olson Quelle: Privat
Prof. Dr. Olson (Foto: Privat)
  • In den Gassen der Polis

Der Zweck von Olsons Projekt ist nicht, die Komödien zu rekonstruieren. Dies scheint unmöglich. In einem akademischen Spiel versuchte Olson, die Handlung der bekannten Stücke von Aristophanes nur mit Hilfe der überlieferten Fragmente, Wörter und Textfetzen zu rekonstruieren. Das Ergebnis entsprach überhaupt nicht der Geschichte, die Aristophanes ursprünglich schrieb. Statt die Handlung der Komödien zu rekonstruieren, analysiert Olson Eupolis' Sprache und zieht Schlüsse über das Leben der Polisbewohner.

Die Komödien sollten der Öffentlichkeit gefallen. Die attischen Dichter bedienten sich der selben Mittel wie Comedy und politisches Kabarett  heute: Die Texte sind nah am Alltag der Menschen, an deren Sorgen und Humor. Die Dichter verwenden Umgangssprache, Kraftausdrücke und gehen auf intime Bereiche des Lebens ein. Da nur kurze Fragmente von Eupolis erhalten sind, geht der Humor in der Regel verloren. Mit nur wenigen Sätzen oder Wörtern, ist es schwierig, einen Witz zu erkennen.

Einige Fragmente, die als Beleidung identifiziert werden können, sagen viel über die Werte der antiken Gesellschaft aus. Olson analysiert die kürzesten  Fragmente, um diese Informationen zu rekonstruieren. Gleichzeitig will er Wörter, Ausdrücke und kurze Zitate, die in alten Wörterbüchern und technischen Abhandlungen Eupolis zugeschrieben werden, nachprüfen.
 

  • Wind als Beleidigung
ἄνεμος καὶ ὄλεθρος ἄνθρωπος

„Ein Mensch (ist), Wind und Verwüstung": Der Ausdruck war wahrscheinlich eine Beleidigung. Olson schlägt vor, dass Eupolis diese Beleidigung verwendete um eine Person zu beschreiben, die durch die Stadt fegt und Probleme verursacht. Der Ausdruck lässt sich mit Beleidigungen wie „Tod" φθόρος oder „Krankheit" νόσος vergleichen, die häufiger in der attischen Komödien auftauchen. Im Englischen ist „Pest“ eine beliebte Beleidigung. Im Deutschen kann jemand „eine Plage“ sein. Die Verwendung von „Wind "als Beleidigung ist jedoch einzigartig.

Olson sucht nach dem Ursprung des Ausdrucks: Taucht er in anderen Texten auf? Ist es eine verbreitete Beleidigung oder etwas das Eupolis erfunden hat? Hat er es vielleicht in einer der vielen Kaffeeclubs des alten Athens aufgegriffen? Als nächstes erstellt Olson ein semantisches Feld, in dem er Ausdrücke sammelt, die eine ähnliche Bedeutung haben, um  Rückschlüsse auf die Werte zu ziehen, die im antiken Griechenland als wichtig galten.

„Vogel“ war eine beliebte Beleidigung für jemanden, der unzuverlässig in seinen Ansichten und Handlungen war. Wie "Wind", drückt dieser Ausdruck Unbeständigkeit aus. Stabilität war anscheinend für die Athener wertvoll. Wie in manchen Gesellschaften heute, wurde es geschätzt, wenn jemand sich niederließ und ein zuverlässiges und stabiles Leben führte. Die politische Situation dieser Zeit war sehr unsicher, was diesen Wunsch nach Stabilität verstärkte.

 

  • Den Lebensstil der Schnorrer beschreiben

Eupolis lieh auch weniger beliebten Gruppen in der Polis eine Stimme. In einem Fragment erklären Schnorrer ihrer Lebensweise:

„Wir werden für Sie den Lebensstil der Schnorrer beschreiben: Wir sind durch und durch kluge Männer. Zunächst habe ich in der Regel einen Sklaven, der jemand anderem gehört, aber auch ein bisschen mir. Ich habe diese zwei guten Roben, die ich wechsele, wenn ich auf den Markt gehe. Wenn ich dort bin, picke ich jemanden aus, der nicht allzu schlau erscheint, aber reich ist, und ich folge ihm. Wenn ‚Herr Geld‘ etwas sagt, behaupte ich, es ist toll, und ich stehe sprachlos da, als ob ich ihm wirklich gerne zuhören würde. Dann gehen wir zum Abendessen in die Häuser verschiedener Menschen, um die Speisen von anderen zu essen. Ein Schnorrer muss in der Lage sein, schnell, clevere Bemerkungen zu erfinden oder er wird rausgeschmissen! "


Auf diese Weise erzeugt die Analyse der Fragmente wertvolle Einblicke in diese Gesellschaft. Die athenischen Demokratie beeinflusste die Entwicklung der heutigen demokratischen Systeme grundlegend. Die Erforschung des athenischen Lebens ermöglicht auch Erkenntnisse über die moderne Gesellschaft. Die Eupolis-Fragmente helfen die Aufgabe des Dichters, des Künstlers und der Kunst in einer Gesellschaft zu verstehen.

 

  • Wortspiele für den Wandel?

Sich über Politik und Politiker lustig zu machen, war ein weiterer Weg, um die Gunst des Publikums zu erringen: Athen war zu dieser Zeit eine blühende Demokratie. Die Bürger nahmen direkt an politischen Entscheidungen teil. Anders als in modernen Demokratien wie Deutschland ließen die Bürger keine gewählten Vertreter über Gesetze entscheiden. Sie stimmten direkt über die meisten Entscheidungen der Regierung ab. Auf diese Weise war der politische Bezug in den Komödien von großer Bedeutung für die Bürger. Politische Führer und wichtige Beamte lächerlich zu machen und sie zu kritisieren, war sehr beliebt.

„Er ist begabt darin, Unsinn von sich zu geben, aber nicht im Sprechen", schreibt Eupolis etwa über eine öffentliche Figur. Die griechischen Dichter dienten als antike „Whistleblower“ und wiesen auf Probleme und Ungerechtigkeiten hin. Eupolis kritisierte auch die Bürger, in der Regel für ihr schlechtes Urteilsvermögen:

"Personen, die sie nicht einmal zum Weininspektor wählen würden, sind jetzt Generäle - Oh, Athen - du bist glücklich, aber nicht schlau!"

Trotz des Erfolgs des Spotts, waren die politischen Folgen gering, selbst in der athenischen Demokratie. Aristophanes und Eupolis warfen dem bekannten athenischen Führer Cleon oft vor, er sei ein Demagoge, und verurteilten seine Entscheidung Krieg gegen Sparta zu führen. Aber kein Krieg wurde beendet, kein Demagoge entthront: weder dank Eupolis noch dank Aristophanes.

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Wie kann ein Mythos „komisch“ werden?

von Francesco Paolo Bianchi

 

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Foto: Francesco Paolo Bianchi

Mythos und Komödie: Wie passt das zusammen? Denken wir an einen Mythos, den die meisten Menschen vielleicht aus der Schule, vielleicht aus Filmen kennen: das Urteil des Paris. Ein Held soll zwischen den drei Göttinnen Aphrodite, Athena und Hera wählen, welche die schönste ist und entscheidet sich für Aphrodite, die ihm dafür die Liebe der schönste Frau der Welt, Helena von Troja, verspricht. Die folgenschwere Entscheidung führt zum Trojanischen Krieg und daraus entsteht eine der wichtigsten Epengeschichte der Antike. In Dramen werden diese und andere Mythen oft aufgegriffen, da sie tragische Geschichten von Göttern und Helden erzählen. Aber wie tauchen sie in Komödien auf? Im antiken Griechenland waren  Komödien eine wichtige Erzählform. Ein Beispiel sind die Werke von Aristophanes, dem bekanntesten Dichter der sogenannten archaia, der alten griechischen Komödie (ca. V-IV Jh. v.Ch.). Was passierte aber, wenn nun Komiker versuchten, die Mythengeschichten in ihre Komödien einzubauen? Wie wurden sie „komisch“ dargestellt?

Die Antwort ist leider nicht in einem ausführlich studierten Text wie den Komödien des Aristophanes zu finden. In seinen vollständig erhaltenen Werken greift er nur selten Mythen auf. Doch in anderen Quellen aus derselben Zeit finden wir Hinweise darauf, auf welche Weise Mythen in der griechischen Komödie auftauchen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts haben zwei Papyrologen, Bernard Grenfell und Alexander Hunt, einen Papyrus gefunden, der eine Zusammenfassung einer Komödie von Kratinos enthält (ca. 490-420 v.Chr.). Dieser war ein Dichter, Zeitgenosse und Konkurrent des Aristophanes. Ihr Titel ist Dionysalexandros und sie beschreibt eine „komische“ Version des Urteils des Paris.

Der Zustand des Papyrus ist komplizierter, als wir Forscher es uns wünschen würden. Der Anfang der Zusammenfassung (1/3) ist ganz verloren. Was wir dennoch lesen können, ist oftmals schwierig zu deuten. Können wir aber unsere Frage zum „komischen“ Mythos anhand dieser Quelle beantworten? Wir finden zwar einen in einer Komödie aufgearbeiteten Mythos, aber zur genauen Verwirklichung des Prozesses bleiben viele Fragen offen. Insbesondere fällt es uns schwer, dieses Fragment mit weiteren überlieferten Fragmenten der Komödie, 13 insgesamt, zu verbinden.

Im Papyrus erhalten wir nur eine generelle Antwort auf unsere Forschungsfrage: Dionysus, der Gott des Theaters, nimmt die Rolle des Paris ein. Er beurteilt die Göttinnen, und entscheidet sich für Aphrodite. Daraufhin raubt er Helena aus Sparta. Die Griechen, aber, verbrennen das Land, auf dem er sich befindet, und er versteckt sich. Der echte Paris entdeckt ihn und übergibt ihn den Griechen. Helena aber behält Paris bei sich und heiratet sie. Die Zusammenfassung auf dem Papyrus erklärt auch, dass Perikles, einer der berühmtesten Politiker des fünften Jahrhunderts vor Christus, in der Komödie verspottet wurde: die Figur des Dionysus stellt in der Komödie Perikles dar. Wie jedoch die einzelnen Elemente der Komödie zusammenpassen, bleibt unklar.

Eine Lösung zu diesen und ähnlichen Problemen zu finden, ist einer der Schwerpunkte meiner Forschung bei dem KomFrag-Projekt. In einer freundlichen und anregenden Gruppe von Forscherinnen und Forschern stelle ich meine Ergebnisse in wöchentlichen Sitzungen vor. Ich diskutiere gerne mit den anderen Teilnehmern, und alle zusammen versuchen wir, diese und ähnliche komplexe Fragen zu beantworten. Es gelingt uns nicht immer, doch auch kleine Antworten können den Wissensdurst stillen und unser Verständnisse der antiken Komödie verbessern.
 

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Prof. Dr. Bernhard Zimmermann

Bernhard Zimmermann ist seit 1997 Professor für Klassische Philologie an der Universität Freiburg. Zudem ist er seit dem Jahr 2000 Kuratoriums-Mitglied der Stiftung „Humanismus heute“. Im Februar 2011 wurde er zum Vorsitzenden des Deutschen Altphilologenverbandes gewählt. Unter anderem sind Arbeiten von ihm zur griechischen Tragödie, zu den Aristophanischen Komödien, zu Epikur, zu Sophokles’ König Ödipus sowie zur griechischen Komödie veröffentlicht und in viele Sprachen übersetzt worden. Im April 2011 erschien der erste Band einer neuen, von ihm betreuten griechischen Literaturgeschichte.

 

Dr. Christian Orth

Nach seinem Studium der Klassischen Philologie und Italianistik in Freiburg, Rom und Basel war Christian Orth von 2004-2010 als wissenschaftlicher Angestellter am Seminar für Klassische Philologie der Universität Freiburg tätig. Im August 2008 schloss er dort seine Promotion mit der Arbeit „Die Komödien des Strattis. Ein Kommentar zu den Fragmenten“ ab. Seit Januar 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Projekt „Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie“. Sein Forschungsinteresse gilt derzeit besonders der Entwicklung der attischen Komödie und der Gestaltung von Anfang und Schluss in den Elegien des Properz.

Elisabetta Miccolis

Elisabetta Miccolis schloss 2012 ihr Studium der Klassischen Philologie an der Universität Foggia bei Prof. Dr. Matteo Pellegrino mit einer Masterarbeit zur Paratragodia in den Aristophanes-Fragmenten ab. Im Rahmen des Projekts "Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie" promoviert sie an der Universität Freiburg bei Prof. Dr. Bernhard Zimmermann mit einem Kommentar zu dem Komödiendichter Archipp.

Prof. Dr. Douglas Olson

Douglas Olson ist Gastprofessor an der Universität Freiburg und distinguished McKnight University Professor an der Universität von Minnesota, USA. Nach einem PhD 1987 am Bryn Mawr College, Pennsylvania, USA zu Komödien des Aristophanes lehrte er an der Howard University. 1990 wurde er Assistant Professor an der University of Illinois at Urbana-Champaign und später Associate Professor. Ab 1997 wechselte er zu University of Minnesota, wo er bis heute Professor für Klassik und Nahoststudien ist. Er erforscht die griechische Komödie und die Rezeption von griechischen Texten im antiken Rom. Im Jahre 2011 bis 2012 war er Humboldtpreisträger an der Universität Freiburg. Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Projekts "Kommentierung der Fragments der griechischen Komödie" (KomFrag).

Francesco Paolo Bianchi

Francesco Paolo Bianchi schloss 2009 sein Studium der Klassischen Philologie bei Prof. Dr. Luigi Enrico Rossi an der Universität La Sapienza in Rom/Italien ab. Er schreibt seine Doktorarbeit über die mythologischen Komödien des Kratinos bei Prof. Dr. Bernhard Zimmermann des Seminars für Klassische Philologie an der Universität Freiburg und Prof. Dr. Roberto Nicolai der Universität Rom La  Sapienza/Italien. Seit dem 1. November 2012 ist er am KomFrag Projekt beteiligt. Er arbeitet zurzeit an einem Kommentar über einen Teil der Komödien des Kratinos.

 

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