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Isländische Märchen und Abenteuergeschichten

Tapfere Krieger, gefährliche Drachen, große Goldschätze: Auf Island entstanden ab dem 14. Jahrhundert zahllose Werke, die so abenteuerlich sind, dass die Forschung sie lange Zeit mit Missachtung strafte. Werner Schäfke, Skandinavist an der Universität Freiburg, verfasst nun eine Neuinterpretation dieser Geschichten und ist begeistert von deren Unterhaltungswert.


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Abenteuerliche Kämpfe und heldenhafte Könige: Die mittelalterlichen Novellen aus Island mit
ihrem lockeren Erzähltempo sind
auch heute noch unterhaltsam. (© Stephan Rothe - Fotolia.com)

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Antike Helden, die geheimnisvolle Königreiche bereisen, frivole Wikinger, die Bauerntöchter verführen und mutige Prinzessinnen, die sich selbst zum König erklären – die isländischen Märchen- und Abenteuergeschichten waren für die skandinavistische Forschung lange uninteressant. Werner Schäfke von der Universität Freiburg will das ändern: Mit seiner Neuinterpretation möchte er zeigen, dass aus dem mittelalterlichen Island Literatur überliefert ist, die bessere Unterhaltung bietet als die weitaus bekannteren Isländersagas.

 

  • .„Shrek“ des isländischen Mittelalters

Immer wieder legen Verlage neue Übersetzungen der Isländersagas auf. Doch diese sind, so Schäfkes Meinung, für den modernen Leser kein Vergnügen: Zu langatmig seien die Sagas mit ihren hunderten Seiten Umfang, mit den ebenso vielen auftretenden Figuren sowie den Berichten aus der Wikingerzeit über Fehden und Gerichtsverhandlungen, die Kenntnis des altisländischen Rechts voraussetzen.

Die Märchen- und Abenteuersagas hingegen sind Geschichten mit einem lockeren Erzähltempo. Sie berichten von abenteuerlichen Kämpfen, in denen Werwolf-Zwerge von fliegenden Teppichen auf Hexen-Artillerie abgeworfen werden und sich Könige heldenhaft gegen ein ganzes Heer stellen und bis zu den Achseln im Blut waten. Mit beißendem Witz und anarchischer Freude toben die Helden dieser Texte durch die Reiche von König Artus und den Helden Trojas. Mit ihren eigenwilligen Kombinationen von Märchenmotiven erinnern die mittelalterlichen Geschichten an die postmoderne Verarbeitung der Grimm’schen Märchen in „Shrek“.

 

  • Phantastische Abenteuer mit gesellschaftlichem Diskurs

Lange Zeit galten die Märchen- und Abenteuersagas innerhalb der Literaturforschung wegen ihrer Inhalte als wirklichkeitsfremd und wurden als Niedergang der isländischen Literatur gesehen. Noch immer gibt es keine ins Deutsche übersetzte Gesamtausgabe, in den Augen von Schäfke sei das aber sehr wünschenswert. Denn durch die abenteuerlichen Erzählungen erschließen sich Lesern und Forschern neue Einblicke in die mittelalterliche Geschichte und Gesellschaft Islands.

Die Geschichten verarbeiten die gesellschaftlichen Umwälzungen, die im feudalen Island nach der Loslösung von der norwegischen Krone stattfanden und spiegeln einen vielfältigen Gesellschaftsdiskurs wider. Es finden sich alle Positionen vertreten, wie Schäfke in seiner Arbeit nachweist: von der anfänglichen Ablehnung einer monarchischen Gesellschaftsordnung über die Begeisterung für ritterlicher Ideale bis zur Kritik an aristokratischen Strukturen in einer Gesellschaft, in der Großhändler mit internationalen Kontakten mehr und mehr an Einfluss gewinnen. Sogar merkantile Ideale und ein Hauch des Humanismus sind neben den phantastischen Abenteuern der Prinzessinnen und Wikingern in den isländischen Texten des ausgehenden 15. Jahrhunderts erkennbar.

 

  • Neue Analysemethoden: Mathematische Strukturen in mittelalterlicher Literatur

Bei seiner Neuinterpretation dieser Sagas setzt Schäfke moderne Analysemethoden aus der Medienwissenschaft ein, mit denen er die Literatur in mathematische Ausdrucksweisen übersetzt: Auf Mengenlehre und logischen Systemen beruhende Modelle, die bislang für Filme, Serien und Werbung entwickelt wurden, tragen dazu bei, dass Schäfke die Märchen- und Abenteuersagas in vielen - bisher in der Forschung unerkannten - Facetten analysieren und darstellen kann. Bisher gingen Skandinavisten davon aus, dass in diesen Texten eine schwarz-weiße Welt gezeichnet würde, mit strahlenden Rittern und dämonischen Unholden. Schäfke hingegen konnte anhand der medienwissenschaftlichen Methoden zeigen, dass diese Sagas ihre Helden selten idealisieren und das rücksichtslose, wenn auch abenteuerliche Handeln der Aristokraten sogar das Hauptproblem einer Erzählung sein kann. 

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.
 

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Dr. Werner Schäfke

Werner Schäfke ist Lehrbeauftragter am Skandinavischen Seminar der Universität Freiburg. Sein Magisterstudium in Kiel schloss er mit einer Arbeit über „Zwerge in der spätmittelalterlichen altnordischen Erzählliteratur“ ab. In diversen Aufsätzen und Vorträgen stellt Schäfke mittelalterliche Geschichten Islands dem zeitgenössischen Publikum vor, so unter anderem auf einem Science Slam in Freiburg, den er gewann (Das Video seiner Präsentation finden sie hier). In seiner abgeschlossenen Promotion untersucht er die Wertesysteme und Raumsemantik in den isländischen Märchen- und Abenteuersagas.

 

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