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Geschichtsbilder in Filmen, Romanen und Videospielen

Kreuzzüge, Kathedralenbau, Königsmythen: Das Mittelalter ist in der Populärkultur allgegenwärtig. Simon Maria Hassemer, Historiker der Universität Freiburg, untersucht, welche Bilder der Epoche in aktuellen Filmen, Romanen und Videospielen vermittelt werden.


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Fotolia_9425053_M_© sturm1810 - Fotolia.jpg

Burgruinen sind Abbilder des realen Mittelalters. Die Populärkultur kreiert hingegen ihr "eigenes" Bild
dieser Epoche.
( © sturm1810 - Fotolia.com)

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Anhand ausgewählter Fallbeispiele aus drei populären Medien – Filme, Romane, Videospiele analysiert der Historiker Simon Maria Hassemer, welche Mittelalterbilder in den letzten Jahren produziert und projiziert wurden. Seiner These nach sind diese kreierten Bilder so wirkungsmächtig, dass ihnen im Diskurs der gesellschaftlichen Konstruktion von Mittelalter eine prägende Funktion zukommt.

 

  • Neue Erkenntnisse für die Mittelalterdidaktik

Der Freiburger Wissenschaftler untersucht, welche spezifischen Eigenschaften den jeweiligen Medien bei der Verbreitung ihrer Mittelalterbilder zur Verfügung stehen und wie sie untereinander korrelieren. Nur dann könne, so seine Auffassung, eine Grundlagenarbeit für eine nachhaltige Mittelalterdidaktik geschaffen und das Mittelalter in seiner aktuellen gesellschaftlichen Relevanz erkannt werden – und was die gegenwärtig zu beobachtende Mittelalterfaszination über das Selbstverständnis der westlichen Kultur aussagt.

 

  • Grundlagen der Analyse: „Robin Hood“, „Tore der Welt“, „Age of Empires“

Als Forschungskorpus verwendet er aktuelle Medienprodukte, die er aufgrund ihrer Massentauglichkeit - gemessen an den weltweiten Verkaufszahlen - ausgesucht hat: Als Grundlage seiner Arbeit dienen Hassemer von daher die Kinofilme „Königreich der Himmel“ (2005), „King Arthur“ (2004) und „Robin Hood“ (2010), die Romane „Tore der Welt“ (2007), „Die Säulen der Erde (1990/2010)“ und „Die Päpstin (1996/2009)“ sowie die Videospiele „Assassin’s Creed“ (2007), „Medieval II: Total War“ (2006) und „Age of Empires II: The Age of Kings“ (1999).

Hassemer betrachtet diese drei Medien als geschichtskulturelle Leitmedien: Für das 19. und das halbe 20. Jahrhundert war es, so der Historiker und Mediävist, der Historische Roman, seit den 1950er Jahren der Historienfilm. Videospiele, so Hassemers Prognose, böten das Potential, zum geschichtskulturellen Leitmedium der Zukunft zu avancieren.

 

  • Die Epoche entsteht im Hier und Jetzt

Die Populärkultur kreiert für Leser, Zuschauer und Videospieler verschiedene Angebote, wie das mittelalterliche Zeitalter ausgesehen haben könnte. Das Mittelalter, das die Nutzer heute medial erreicht, rekurriert allerdings auf Vorstellungsbildern von Vorstellungsbildern, denn die unterschiedlichen Medienformen rezipieren sich wechselseitig: Videospiele übernehmen Darstellungsweisen aus Filmen, Romane werden als Literaturverfilmung auf die Leinwand gebracht und so weiter. Zwischen einem Mittelalter der Vorstellung und einem Mittelalter der Wirklichkeit kann nicht mehr differenziert werden. Das ist nicht weiter schlimm, denn um eine Bewertung der sogenannten historical correctness geht es Hassemer überhaupt nicht. Es ist vielmehr die Frage, was die populären Mittelalterkonstruktionen über diejenige Gesellschaft aussagen, aus der sie hervorgehen.

 

  • Minarette und Kuppeln: Typische Merkmale des mittelalterlichen Jerusalems?

Hassemer stellt fest, dass die dargestellten mittelalterlichen Welten eine konstruierte, homogene Welt suggerieren. Die Häufung bestimmter Motive, Themen und Darstellungsweisen kann Aufschluss darüber geben, was aus Sicht der Produzierenden als obligatorischer Baustein einer im Heute überzeugenden Mittelalterkonstruktion gilt.

Am Beispiel Jerusalem sei das gut erkennbar: Das Bild der mittelalterlichen Stadt, das sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt hat, ist maßgeblich durch die visuellen Gestaltungen des Kinofilms „Kingdom of Heaven“ und des Videospiels „Assassin’s Creed“ geprägt worden. Beide Visualisierungen weisen Ähnlichkeiten auf: Minarette, Kuppeln, Flachdächer und vor allem historische Bauwerke wie die Grabeskirche oder der Felsendom sollen dem Betrachtenden unmissverständlich vor Augen führen, wo die Handlung spielt.

Und auch bei Historikerinnen und Historikern hinterlassen populäre Mittelalterbilder ihre Prägungen: Bei der Interpretation historischer Quellen haben, ergänzt Hassemer, hin und wieder auch Wissenschaftler unbewusst die medial verbreiteten Bilder vor Augen.
Porträt

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Simon Maria Hassemer

Simon Maria Hassemer studierte Germanistik und Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Jagiellonen-Universität Krakau. Seine wissenschaftliche Abschlussarbeit verfasste er über das Thema „Orte – Prozesse – Erzählungen. Straßburger Historiographien des Spätmittelalters“. Zurzeit promoviert er im Fach Mittelalterliche Geschichte an der Universität Freiburg über Repräsentationen des Mittelalters in populärkulturellen Medien der Gegenwart. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und Mitglied der DFG-Forschergruppe „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart“. Auf seiner Website präsentiert er seine wissenschaftlichen Vorträge.

 

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