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Untersuchung über die Verwendung romanischer Sprachen im Internet: Chatten ist mehr als bloßes Tippen

Eine neue schriftbasierte Kommunikationsform dank Chat-Rooms: Prof. Dr Rolf Kailuweit, Professor für Romanistik an der Universität Freiburg, belegt, dass in französischen, italienischen und spanischen Chats trotz Schnelllebigkeit der Äußerungen die kommunikative Verantwortung nicht verloren geht.


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Foto: Universität Freiburg

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Rolf Kailuweit regt an, die Funktion des Chattens und das Verhältnis von Medium und Sprachform zu überdenken. Er erläutert, dass Chatten mehr ist als das bloße Tippen von Äußerungen, wie man sie in einem informellen Gespräch tätigen würde. In der Zukunft könnte sich daraus, so seine Schlussfolgerung, für die romanischen Einzelsprachen sogar eine neue spezifische Tradition herausbilden. Kailuweit greift für seine Forschung auf Protokolle aus französisch-, italienisch- und spanischsprachigen Chats zurück.

 

  • Aus Zeitgründen: Neue Formen des Schreibens

In Chats erscheinen Sprachmuster, die normalerweise nur in der gesprochenen Sprache verwendet werden, verstärkt in geschriebener Form. Das ist bedingt durch den Zweck eines Chat-Rooms, in dem sich, oftmals fremde, Personen informell austauschen. Doch auffälliger ist, dass traditionelle schriftliche Ausdrucksweisen unter den medialen Bedingungen des Chats durch neue Formen des Schreibens ersetzt werden. Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle: Die Teilnehmer eines Chats müssen ihre Gedanken schnell formulieren, um in die virtuellen Gespräche involviert zu sein. Daher sind die Gesprächsbeiträge im Chat erheblich kürzer als in der mündlichen Kommunikation. Von daher treten Verkürzungen vermehrt auf, wie zum Beispiel die Verwendung des Lautwerts bei Ziffern, also 9 anstelle von neuf. Solche Verkürzungen erinnern an Kurzschrift und Stenographie, doch gibt es in Chats auch Neuschöpfungen: Der kommunikative Einsatz von Bildsymbolen ist für die virtuelle Variante eines Gesprächs unerlässlich. So werden zum Beispiel die Wangenküsschen zur Begrüßung symbolisch als :o :o dargestellt. Das ist der entscheidende Beleg dafür, dass der Chat nicht die herkömmliche Schriftlichkeit ersetzt, sondern eine neue schriftbasierte Kommunikationsform hervorbringt.

 

  • Komplexe Kommunikation

Die in der Forschung bisher gängige These, Chat sei ein der mündlichen Kommunikation entsprechender Austausch, muss erweitert werden. Denn Chatten ist aus einem äußeren Grund komplexer ist als mündliche Kommunikation: Jede Handlung im Gespräch muss versprachlicht werden. Das betrifft sowohl die emotionalen Handlungen wie Begrüßungsküsschen sowie Verabschiedungsrituale als auch die in einem persönlichen Gespräch selbstverständlichen Reaktionen wie Lachen, Nachdenken, zustimmendes Nicken oder Kopfschütteln.

 

  • Kommunikationshürde zwischen den Generationen

Es finden sich humoristische Anspielungen darauf, dass die Sprachverwendung Jugendlicher als Kommunikationshürde zwischen den Generationen empfunden wird: „Und dann kam mein Atze und ich so ‚tight man’…verstehste Oma?“ oder „Eltern kennen das Wort PEINLICH nicht (wie Peinlich)“. Doch bei allen Unterschieden zur älteren Generationen wird der Begriff ‚Jugendsprache’ nicht verwendet. Dieser wird vielmehr mit der Erwachsenenperspektive auf die Sprachverwendung Jugendlicher verknüpft: „Jugendsprache, warum will der Staat das wir so reden??“ und „Erwachsene erfinden Wörter und behaupten, es wäre Jugendsprache“. Die jugendlichen Nutzer sind sich durchaus bewusst, dass viele ihrer Worte und Wendungen nicht dem standardisierten Deutsch entsprechen. Doch können sie ihre Sprachkreise differenzieren, was sie durch die Gruppen „Ich kann sowohl asi als auch deutsch sprechen“ und „Ich sprech Slang und höheres Deutsch zugleich“ ausdrücken.

 

  • Chat-Beiträge unterliegen nicht der Spontaneität

Trotz dieser komplexen Kommunikationsform werden Beiträge in Chats aufgrund ihrer Kürze und schnelle Aufeinanderfolge und Kürze gemeinhin mit Spontaneität gleichgesetzt. Nach Kailuweit erfolgt diese Beurteilung vorschnell: „Wenn Spontaneität heißt, man konzentriert sich auf die Inhalte und denkt nicht darüber nach, in welcher sprachlichen Form man etwas sagt, dann ist Chat- Kommunikation nicht schlichtweg spontan.“ Denn die Form spielt offenbar eine große Rolle, wie aus Kailuweits Protokollen ersichtlich wird. Teilnehmern von Chats geht es nämlich auch darum, mit originellem Zeichengebrauch die Aufmerksamkeit der anderen Teilnehmer zu erregen.

 

  • Möglicher Beginn neuer sprachlicher Traditionen

Kailuweit zeigt auf, dass sich die bisher gängige These, Chat-Kommunikation übertrage mündliche Gespräche in den Rahmen der Neuen Medien, nicht bestätigen lässt. Die neuen Formen des Schreibens im Chat, die komplexe Kommunikation und die wichtige Rolle der Form, was einer Spontaneität widerspricht, machen dies deutlich. In der Zukunft könnten sich daraus für die romanischen Einzelsprachen sogar neue spezifische Traditionen herausbilden.

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Kailuweit, Rolf

Prof. Dr. Rolf Kailuweit

Seit 2004 ist Rolf Kailuweit, der 1965 in Berlin geboren wurde, Professor für Romanische Sprach- und Medienwissenschaft an der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg. Zudem ist er Sprecher des Direktoriums für den in Freiburg neu geschaffenen Studiengang Medienkulturwissenschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Syntax-Semantik-Schnittstelle, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Spanisch im La-Plata-Raum, Korsika sowie Medientheorie in Theater, Film und Neuen Medien. In seinen zwei aktuell laufenden Projekten befasst sich Prof. Kailuweit mir den semantischen Gründen syntaktischer Alternanzen im Romanischen sowie mit einer Untersuchung zur sprachlichen und medialen Konstruktion des Kulturraums Rio-de-la-Plata.

 

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