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Gesellschaftliche Kommunikationsprozesse über Krieg und Frieden: Medien-Hype im 16. Jahrhundert

Buchdruck, Reformation und Kriege: Historikerin Prof. Gabriele Haug-Moritz untersucht in ihrem Projekt am Freiburg Institute For Advanced Studies (FRIAS) der Universität Freiburg die Bedeutung der Neuen Medien des 16. Jahrhunderts.


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Medien-Hype im 16. Jahrhundert: Im Wirtshaus, auf dem Marktplatz, vor Kirchen wurde vorgelesen. (© FotoMike1976 / fotolia.com)

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Der Boom der Neuen Medien ist keineswegs nur eine Erscheinung unserer Tage. „Dieses Phänomen gab es bereits im 16. Jahrhundert“, berichtet Gabriele Haug-Moritz. Und damals wie heute waren der Medienwandel und die rasante Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse eng miteinander verbunden. „So wie heute die Globalisierung und ihre Folgen unauflöslich mit den neuen elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten verwoben sind, so waren es im 16. Jahrhundert die neuen Druckmedien und die neuen Theologien eines Martin Luther oder Huldrych Zwingli“, erklärt die Historikerin. Schon Luther diente die Drucktechnik, die Johannes Gutenberg ein paar Jahrzehnte zuvor erfunden hatte, zur Verbreitung seiner Ideen, die die Reformation auslösten. In der Folge gründeten protestantische Städte und Fürsten 1531 den Schmalkaldischen Bund, der sich als Verteidigungsbündnis gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karl V. verstand.

 

  • Bedeutung der Flugschriften

Fürs Erste gipfelten die Spannungen zwischen den Protestanten im Reich und dem Kaiser im Schmalkaldischen Krieg (1546/47), und diesmal wurde das gewöhnliche Volk mithilfe kleiner Büchlein, die „Flugschriften“ hießen, über das Kriegsgeschehen informiert. „Über die Rolle, die die Flugschriften im zeitgenössischen Medienensemble spielten, sind wir bislang nur sehr unzulänglich unterrichtet“, sagt die Wissenschaftlerin. Klar aber lasse sich ein Zusammenhang beobachten, der für die europäische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts charakteristisch sei: die enge Verknüpfung von religiösem Dissens, Friedlosigkeit und Medienwandel. „Die Kriege werden zu Medienereignissen und sind gleichzeitig Ausdruck wie Ursache des Medienwandels“, sagt Gabriele Haug-Moritz.

 

  • Forschungsprojekt am FRIAS

Die Historikerin, die an der Karl- Franzens-Universität in Graz, Österreich, die Professur für „Allgemeine Geschichte der Neuzeit“ innehat, untersucht in ihrem FRIAS-Projekt exemplarisch, wie die Neuen Medien im nur ein Jahr währenden Schmalkaldischen Krieg und parallel dazu während des ebenfalls einjährigen ersten französischen Religionskriegs (1562/63) zum Einsatz kamen und welche Bedeutung sie für die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse über Krieg und Frieden besaßen. Bislang war nicht einmal bekannt, wie intensiv sich der Schmalkaldische Krieg in den Druckmedien niederschlug. Erst der sich in den vergangenen fünf Jahren in dramatischer Geschwindigkeit vollziehende Aufstieg des Internets (auch) als wissenschaftliches Informationsmedium, so Haug-Moritz, und die daraus resultierenden neuen elektronischen Recherchemöglichkeiten erlaubten es, den aufgeworfenen Forschungsfragen systematischer nachzugehen.

 

  • Medialer Hype im Schmalkaldischen Krieg

„Was in der kurzen Zeitspanne des nahezu exakt ein Jahr lang ausgefochtenen Schmalkaldischen Krieges im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kommunikativ passierte, darf unter mediengeschichtlichen Gesichtspunkten als Hype bezeichnet werden“, urteilt die Historikerin. Innerhalb von knapp zwölf Monaten wurden 500.000 Flugschriften gedruckt und verkauft. „Die Druckproduktion unterlag nämlich marktwirtschaftlichen Mechanismen“, erklärt die Forscherin, „und das wiederum heißt, dass nur diejenigen Drucker, die gesellschaftliche Kommunikationsbedürfnisse richtig einschätzten, wirtschaftlich überlebten.“ Aus diesem Grund sind die Flugschriften auch überaus aussagekräftige Quellen, wenn erforscht werden soll, wie Menschen ihre eigene Zeit verstanden. Als Renner jener Tage gilt „Ein Gebet des Kurfürsten zu Sachsen“, der einer der Hauptprotagonisten des Krieges war. Diese Druckschrift wurde nicht nur ins Tschechische übersetzt, sondern erreichte 1546/47 auch phänomenale 15 Auflagen. Druckorte waren allesamt Städte mit protestantischen, zum Teil auch dem Schmalkaldischen Bund angehörenden Obrigkeiten; dementsprechend proschmalkaldisch und antikaiserlich ausgerichtet war die öffentlich verfochtene Sicht der Dinge.

Besonders spannend findet Gabriele Haug-Moritz die Frage, wie sich diese neue Technologie in einer Gesellschaft, in der sich die Menschen traditionell von Angesicht zu Angesicht über die politische Wirklichkeit ausgetauscht haben, etabliert hat. Die interessante Antwort lautet: Es wurde vorgelesen, im Wirtshaus, auf dem Marktplatz, vor den Kirchen.

 

  • Sprachliche Kommunikation wichtiger als Bilder

Außerdem ist die vielfach gehegte Annahme falsch, dass Bilder in jener Zeit besonders bedeutsam gewesen seien. „Über diesen Krieg wurde sprachlich kommuniziert“, betont die Wissenschaftlerin. „Es war das große Zeitalter der Rhetorik, und die Autoren der Flugschriften – vor allem Theologen, Juristen, humanistische Gelehrte – setzten auf die überzeugende Kraft der Sprache und lebten, auch dies eine interessante Parallele zu unserer Gegenwart, im Glauben, mit Worten Wirklichkeit prägen zu können.“

 

  • Situation im Nachbarland Frankreich

Dieser Ansicht wurde auch in Frankreich gehuldigt, wenngleich die Situation dort in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine ganz andere war. Die Reformation spielte im Land lange Zeit keine Rolle. Es waren kleine, sich heimlich treffende Zirkel, die sich mit diesen neuen Ideen beschäftigten. Dann aber markierte der überraschende Tod des französischen Königs Heinrichs II. (1559) den Beginn einer Jahrzehnte währenden Schwächephase der Monarchie, in der sich der Konflikt zwischen zwei Adelsfraktionen am Pariser Hof, den Guise und dem Haus Bourbon, einer Seitenlinie des französischen Königshauses, immer weiter konfessionell auflud. Im März 1562 mündete dieser Machtkampf dann in den ersten französischen Religionskrieg, dem bis 1598 noch sieben weitere folgen sollten. Wie in Mitteleuropa gingen auch in Frankreich die gewaltsame Eskalation gesellschaftlich-religiöser Konflikte und der Druck von Flugschriften Hand in Hand. „Aber nicht die Hugenotten nutzten, wie oft angenommen wird, die Druckerpresse. Es waren vor allem der minderjährige französische König und seine Mutter, Katharina von Medici, die versuchten, ihre Herrschaft über Druckerzeugnisse zu konsolidieren“, berichtet Gabriele Haug- Moritz. Allein 1562 erließen sie weit mehr als 300 Gesetze, die sie in Flugschriften erklären ließen. Viele bezogen sich direkt auf den Konflikt und sollten veranschaulichen, dass immer noch existierte, was Frankreich in den Jahren nach 1559 so offenkundig verloren gegangen war – der König als die Instanz, die die rechte Ordnung des Gemeinwesens gewährleistete. Diese im Vergleich zum Reich ganz und gar anders geartete Funktion des Druckens im Konflikt, so die Historikerin, lenke den Blick aber auf Entscheidendes: „Medien und Prozesse des Medienwandels beeinflussen gesellschaftliche Wahrnehmungsprozesse, sie bilden aber zugleich in der Art und Weise, wie sie dies tun, immer auch gesellschaftliche Machtverhältnisse ab. Damals wie heute.“ (von Karin Bundschuh - FRIAS)

Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Haug Moritz

Prof. Dr. Gabriele Haug-Moritz

Prof. Dr. Gabriele Haug-Moritz war von Oktober 2009 bis September 2010 External Senior Fellow am Freiburg Institute For Advanced Studies (FRIAS) der Universität Freiburg. In dieser Zeit konzentrierte sie sich auf ihr Forschungsprojekt "Religionsdissens, Krieg und Medienwandel im Reich und im Frankreich des 16. Jahrhunderts", in dem sie unter anderem die Bedeutung der Neuen Medien des 16. Jahrhunderts untersuchte. Seit 2004 ist Haug-Moritz Professorin für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an Karl-Franzens-Universität Graz in Österreich.
 

 

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