Artikelaktionen

Sie sind hier: Startseite Newsroom Expertendienst Charlie Hebdo

Charlie Hebdo

Medienkulturwissenschaftler Stephan Packard erklärt, wie sich der Anschlag auf das Satiremagazin vor einem Jahr auf die Karikaturen ausgewirkt hat

Freiburg, 07.01.2016

Charlie Hebdo

Solidaritätsbekundung nach den Anschlägen vom 7. Januar 2015. Foto: Joachim Roncin / Wikimedia Commons

Auf die Morde vom 7. Januar 2015 bezieht sich die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" mit dem aktuellen Titel L’assassin court toujours der Täter ist immer noch frei! „Wie schon mit dem ersten Titel nach den Anschlägen, Tout est pardonné – alles ist vergeben, wird damit mit Mut, Komik und Satire vor allem eines produziert: Unsicherheit“, erklärt Dr. Stephan Packard, Juniorprofessor für Medienkulturwissenschaft der Universität Freiburg. „Und zwar dort, wo der öffentliche Diskurs zu leicht eindeutige Fronten ziehen will. Die sehr wohl eindeutig zu verdammenden Morde wären dazu ein billiger Vorwand, so die Botschaft der überlebenden Satiriker: Jetzt könne man sich nicht einmal mehr seine Freunde aussuchen, protestierten sie etwa angesichts öffentlicher Parteinahmen für ihre Zeitschrift, wie sie nach den Morden teils von Politikern kamen, die in "Charlie Hebdo" scharf angegriffen und verurteilt worden waren.

Dahingegen ließ sich der erste Titel nach den Anschlägen, dass alles vergeben sei, wie es auf jenem Titelbild neben der stereotypen Karikatur eines weinenden, dunkelhäutigen Muslimen oder vielleicht des Propheten stand, vieldeutig lesen, wie der Freiburger Forschende ausführt: „Vergibt die Redaktion Tätern, Muslimen, dem Propheten oder der Religion? Hat der Prophet oder einer seiner Glaubensanhänger nach den Anschlägen Hebdo für die früheren Karikaturen von Muslimen und von Mohammed vergeben, oder muss er vielmehr erst den Mördern vergeben? Ist es einer der Mörder, gerührt durch Vergebung und in Reue? Oder muss die Übersetzung angesichts dieser Vielfalt nicht vielmehr wie die Maxime von Satire lauten: Alles ist erlaubt - jetzt erst recht, und auch solche groben Karikaturen?"

„Die gezielte Verunsicherung des Betrachters ist für den satirischen Einsatz der Karikatur die Königsdisziplin“, betont Packard. „Sie plädiert nicht klar für eine vorhandene Partei, sondern greift die allzu leichtfertige Einteilung von Menschen in Parteien überhaupt an: Als könne man den Leuten an der gezeichneten Grimasse schon ansehen, ‚was für welche‘ sie sind. So leicht machen es die Karikaturen gerade nicht. Auf dem aktuellen Titel zeichnet einer der beiden Leiter der Redaktion, Laurent Sourisseau, den immer noch frei herumlaufenden Mörder als langbärtigen Mann mit Maschinengewehr und durchaus christlich wirkendem dreifaltigen Heiligenschein – und das Heft greift Religion und Religionen, nicht nur eine und nicht nur deren extremistische Perversion auf und an. Zu den vielen Lesarten, die das zulässt, gehört auch hier wieder: Dass der Karikaturist, der die Welt so ver-zeichnet, ein Täter eigener Art ist. Und zum Glück immer noch frei, diese Satire zu treiben.“

„Man täte diesen Karikaturen Unrecht, wenn man so tun wollte, als könnte man ihnen ohne Unbehagen voll zustimmen“, resümiert der Medienkulturwissenschaftler: „So behaglich und harmlos wollen sie nicht sein: Sie zeichnen rassistische und bigotte Stereotypen und stellen sie zugleich aus; sie bedienen sich der Geschichte der modernen Karikatur, die Physiognomien immerzu verzeichnet hat und die dabei Vorurteile absurd vergrößert. Wer die Satiriker angesichts dieser Bilder nur als Opfer sehen wollte, stünde im Verdacht, sie mundtot machen zu wollen. Und das ist niemandem und auch nicht den Mördern vom 7. Januar 2015 gelungen."

Packard studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Neuere deutsche Literatur sowie Philosophie. Seit 2010 arbeitet er an der Universität Freiburg und forscht derzeit vor allem über Zensur, Überwachung und mediale Kontrolle. Ihm wurde 2015 der Heinz Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung verliehen. Der Medienkulturwissenschaftler ist Herausgeber der Zeitschrift „Mediale Kontrolle unter Beobachtung“ und Mitherausgeber der „Medienobservationen“. Darüber hinaus ist er Vorsitzender der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) e.V.

Hinweis: Juniorprofessor Dr. Stephan Packard ist momentan wegen einer Vertretungstätigkeit an der Universität Köln am besten – und schnell – über e-Mail erreichbar: stephan.packard@medienkultur.uni-freiburg.de