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Das Liederbuch der Bundeswehr

„Kameraden singt!“ ist nicht mehr zeitgemäß, sagt Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik

Freiburg, 19.06.2017

Das Liederbuch der Bundeswehr

Foto: Jürgen Gocke

Die Bundeswehr will laut Medienberichten ihr 1991 veröffentlichtes Liederbuch „Kameraden singt!“ überarbeiten. Im Rahmen des kritischen und sensiblen Umgangs mit den Inhalten sei erkannt worden, dass einige Textpassagen nicht mehr dem aktuellen Wertverständnis entsprechen. „Das ist eine gewaltige Untertreibung“, sagt Dr. Dr. Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik der Universität Freiburg. „90 Prozent der Textpassagen in diesem Buch sind unpassend und peinlich.“

Entzündet hat sich die Debatte an Liedern, die im nationalsozialistischen Kontext entstanden oder rezipiert worden sind. Dazu zählen „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, das „Panzerlied“ oder das „Westerwaldlied“.  Es sei aber nicht damit getan, einzelne Lieder aus dem Buch zu entfernen, sagt Fischer. „Anklänge an den Nationalsozialismus oder an die Wehrmacht finden sich auch in anderen Liedern.“ Eine Strophe beginnt beispielsweise mit der Wendung: ‚Die Reihen fest geschlossen‘ – die auch im so genannten Horst-Wessel-Lied vorkommt. „Ebenso fehl am Platz sind kolonialistische Inhalte: ‚Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad‘ mit dem Refrain ‚Heia, Safari‘. Diese Art von Humor sollte eigentlich vorbei sein.“

Darüber hinaus vermittle das Buch an vielen Stellen überholte Vorstellungen von Heimat, Geschlecht, Mann- und Wehrhaftigkeit, ergänzt um Fastnachts- und  Stimmungsschlager wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ sowie Volkslieder. „In ‚Hoch auf dem gelben Wagen‘ lautet eine Strophe: ‚Postillion in der Schenke füttert die Rosse im Flug, schäumendes Gerstengetränke reicht uns der Wirt den Krug‘. Ich weiß nicht, was 20-jährige Menschen heutzutage mit solchen Texten anfangen sollen.“

Allerdings gebe es einen nicht leicht aufzulösenden Spagat: „Das Liederbuch ist eine offizielle Veröffentlichung der Bundeswehr, herausgegeben vom Bundesverteidigungsministerium. Deshalb muss es hohen normativen Ansprüchen genügen. Der Verwendungszweck ist aber, dass Soldaten zusammensitzen, Geselligkeit pflegen, sich unterhalten.“ Also wolle man ihnen Lieder anbieten, die ihre Lebenswelt – neutral formuliert: das Soldatische – widerspiegeln. „Das sind widerstreitende Interessen, und diese Schwierigkeit muss man bei aller berechtigten Kritik sehen.“ Damit stelle sich die Frage, ob ein solches Liederbuch überhaupt sinnvoll sei. Denn schon den Ansatz, das Singen militärisch anzuordnen, hält Fischer für fragwürdig: „Musische Betätigung sollte immer spontan und freiwillig sein.“

Ausführliches Interview mit Michael Fischer:
www.pr.uni-freiburg.de/pm/online-magazin/forschen-und-entdecken/unpassend-und-peinlich



Dr. Dr. Michael Fischer

Zentrum für Populäre Kultur und Musik (ZPKM)
Rosastraße 17-19, 79098 Freiburg

Telefon: +49(0) 761 / 70503-15
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