Ein unscheinbarer Verwandter
Freiburger Forscher belegen Verwandtschaft zwischen Moos und anderen Organismen
Freiburg, 03.03.2009
Der Freiburger Pflanzenbiologe Prof. Ralf Reski, der mit seinem Team an der Universität Freiburg seit
vielen Jahren die Funktion von Moosen erforscht, hat nun eindrucksvolle
„Verwandtschaftsbelege“ zwischen Moosen und anderen Organismen entdeckt.
Gemeinsam mit der Forschungsgruppe um Prof. Martin Fussenegger von der ETH
Zürich ist es den Wissenschaftlern gelungen, einen entscheidenden Schritt
weiter zu kommen bei der Übertragung von biologischen Abläufen aus komplexeren
Lebewesen, zum Beispiel Tieren, auf die Funktionsweise der Moosart „Physcomitrella patens“, dem kleinen
Blasenmützenmoos.
Als sich das Leben vom Wasser aufs Land verlagerte, gehörten die Moose vor über
400 Millionen Jahren zu den ersten Besiedlern der bis dahin „unbewohnten“
Landschaften – zu einer Zeit, als noch der letzte gemeinsame Vorfahre von
Fischen und Menschen lebte. Bis heute haben die Moose weitgehend unverändert
überlebt und sind den meisten Menschen aus Wäldern und Garten bekannt. Dass
Moose mit uns verwandt sein könnten, war im Sinne der Darwin’schen
Evolutionstheorie durchaus denkbar – dass aber beide einfach dieselben genetischen
Kontrollelemente benutzen können, ist eine kleine Sensation.
In ihrer Arbeit, die vor kurzem in der angesehenen
wissenschaftlichen Zeitschrift „Plant Biotechnology Journal“ veröffentlicht
wurde, konnten die Wissenschaftler nun nachweisen, dass Schlüsselelemente des Erbgutes
wie Transkriptions-, Translations-, und Sekretionsmaschinerien, welche zur Synthese
von Proteinen in Säugetieren bereits verwendet wurden, auch im evolutionär
„alten“ Blasenmützenmoos ohne jegliche Anpassung funktionell sind. „Damit sind
Mensch und Moos zwar sehr verschieden, aber in ihrem genetischen Gehalt doch
wieder verblüffend ähnlich, da sie völlig unkompliziert dieselben molekularen
Bausteine nutzen können“, erläutert Reski. Dies sei ein weiterer Hinweis auf
die Evolutionstheorie, die besagt, dass sich alles Leben aus einem gemeinsamen
Vorfahren entwickelt hat.
Ziel dieser Arbeiten in Reskis Team ist es, das Moos quasi als „lebendes Labor“
zu nutzen. „Unsere Erkenntnisse bringen uns entscheidend weiter auf dem Weg hin
zur synthetischen Biologie, die uns in die Lage versetzt, natürliche Prozesse
so zu gestalten, dass wir sie optimal kontrollieren und nutzen können“, führt
Reski aus. In enger Zusammenarbeit mit Biologen, Chemikern und Ingenieuren –
unter anderem im ersten Freiburger Exzellenzcluster „bioss“, das sich
schwerpunktmäßig mit synthetischer Biologie befasst – bilden die Erkenntnisse
aus der Moos-Forschung eine wichtige Basis für komplexe biologische Systeme.
„Unsere genaue Kenntnis der Moospflanze Physcomitrella
patens nutzen wir ganz konkret beispielsweise im Rahmen eines
Forschungsprojekts, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
gefördert wird, zur Entwicklung von neuen Produktionsverfahren für
Medikamente“, sagt Reski. Moose gehören also trotz ihres großen Alters noch
lange nicht zum „alten Eisen“ und werden wohl schon bald eine ganz andere Rolle
im Leben der Menschen spielen – auch außerhalb von Wald und Garten.
Der Originaltitel der Veröffentlichung von Marc
Gitzinger, Dr. Juliana Parsons,
Prof. Dr. Ralf Reski und Prof. Dr. Martin Fussenegger im „Plant
Biotechnology Journal“ lautet „Functional cross-kingdom conservation of
mammalian and moss (Physcomitrella patens)
transcription, translation and secretion machineries.“
Kontakt:
Prof. Dr. Ralf Reski
Tel.: (49)0761/203-6969
Fax: (49)0761/203-6967
E-Mail: pbt@biologie.uni-freiburg.de
Hopepage: www.plant-biotech.net
