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Wassernutzung: Wie nehmen Betroffene Trockenheit wahr?

Hohe Temperaturen, geringer Niederschlag und intensiver Sonnenschein - diese Faktoren können in Zahlen gemessen werden. Aber wie nehmen Betroffene wie Behörden und Forst- und Agrarbetriebe Trockenheit wahr? Welche unterschiedlichen Wasserressourcen nutzen und bewirtschaften diese und gibt es bei ihnen spezifische Indikatoren für Trockenheit? Diese Fragen haben Wissenschaftler nun zum ersten Mal in einer Umfrage für ganz Baden-Württemberg gestellt: Die Hydrologen Michael Stölzle und Kerstin Stahl von der Universität Freiburg können mit den Ergebnissen eine Brücke zwischen Forschung und Betroffenen schlagen.


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Ein gewohntes Bild in Freiburg: Von den Wassermengen der Dreisam ist im Sommer nicht viel zu sehen. Foto: Universität Freiburg

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Das Ziel war, Indikatoren für Trockenheit zu identifizieren: Dafür führten die Wissenschaftler Diplom-Hydrologe Michael Stölzle und Dr. Kerstin Stahl eine Umfrage durch, um zu untersuchen, inwiefern verschiedene Akteure aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen durch Trockenheit und Hitze beeinflusst sind. Sie befragten Behörde, Betriebe aus der Forstwirtschaft und Landwirtschaft, aber auch Verbände und die Wasserwirtschaft, als Akteure verschiedener Sektoren.

Dabei konnten die Freiburger Forscher sektorenübergreifend Gefährdungszeiträume bestimmen, innerhalb deren Trockenheit für die Akteure eine Bedrohung darstellt. Weiterhin war es möglich, Indikatoren räumlich und sektoral zu identifizieren. Dabei kamen Stölzle und Stahl zu dem Schluss, dass die Häufung von Extremereignissen wie Hitzewellen, Dürren und Stürme in allen Sektoren als Gefahr wahrgenommen wird. Zukünftige Konflikte um die Wassernutzung werden durch zunehmende Trockenheit zwischen den unterschiedlichen Akteuren entstehen. Weiterführende Erklärungen zur Umfrage und die konkreten Ergebnisse finden sich im anschließenden Interview sowie in der unten stehenden Bildergalerie.
 
Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.
 
 

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Dr. Kerstin Stahl
 
Kerstin Stahl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Hydrologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. 2001 promovierte sie über hydrologische Dürren in Europa. Danach folgten Forschungsarbeiten und Aufenthalte an verschiedenen Universitäten, u.a. zu globalen Wasserkonflikten an der Oregon State University (2001-2003), zum Einfluss von Klima und Landnutzungsänderungen auf die regionale Hydroklimatologie und Hydrologie, insbesondere Niedrigwasser, an der University of British Columbia, Canada (2003-2007) und der Universität in Oslo, Norwegen (2007-2010) sowie der Universität Freiburg. Aktuell ist sie an dem vom Schweizer Nationalfond finanzierten und mit KollegInnen aus Zürich durchgeführten Projekt „DROUGHT-CH: Early recognition of critical drought and low-flow conditions in Switzerland“ beteiligt. Ab Oktober 2011 wird sie innerhalb eines neuen EU-Projekts zum Trockenheitsmanagement (DROUGHT-R&SPI: Fostering European Drought Research and Science-Policy Interfacing) das Workpackage „Drought sensitive areas in Europe: impacts, vulnerabilities & risks“ leiten.
   
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Dipl.-Hydrologe Michael Stölzle
Michael Stölzle beendete 2008 sein Studium der Hydrologie an der Universität Freiburg mit der Diplomarbeit zum Thema „Veränderungen von Wetterlagenhäufigkeiten und der Isotopenzusammensetzung des Niederschlags in Deutschland“. Im Jahr darauf war er an der Modellierung der Sedimentdynamik im Bereich der Argenmündung im Bodensee tätig. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hydrologie und war zunächst in Kooperation mit dem Meteorologischen Institut an dem Start-up-Projekt „Hitze & Dürre in der Oberrheinregion“ beteiligt, welches vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur finanziert wurde. Seit 2011 ist Stölzle Doktorand am hydrologischen Institut bei Prof. Dr. Markus Weiler. Der Arbeitstitel seiner Dissertation lautet „Klimasensitivität und Vulnerabilität von Fließgewässern in Zusammenhang mit Niedrigwasserabflüssen“.
 
 

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Surprising Science: Trockenheit ist aktuell ein wichtiges Thema in Deutschland. Warum war es wichtig, eine Umfrage zu Indikatoren für Trockenheit durchzuführen?
 
Stahl und Stölzle: Wir beide beschäftigen uns schon länger mit der Thematik Trockenheit und haben dabei bezüglich der Wahrnehmung von Trockenheit seitens der Wissenschaft und Forschung beziehungsweise der Anwenderseite, also der betroffene Akteure, eine Diskrepanz festgestellt. Wir Wissenschaftler berechnen häufig Indizes über Niederschläge oder Wassermengen, aber nun war es an der Zeit, darauf einzugehen, welche Anwendbarkeit und Resonanz diese Ergebnisse in der Praxis haben.


Surprising Science: Gab es das bisher noch nicht in Deutschland?

Stahl und Stölzle: Trockenheit ist vor allem in Ostdeutschland schon länger ein Thema, in Baden-Württemberg stand bisher der Hochwasserschutz auf der Tagesordnung. Erst jetzt müssen wir uns überhaupt damit auseinandersetzen, wie wir mit Trockenheit umgehen können. Für südeuropäische Länder ist dies schon lange wichtig. Das EUProjekt DROUGHT-R&SPI beschäftigt sich ab Herbst nun großflächig mit dem Thema der Trockenheitsrisikos.
 
Surprising Science: Nach welchen Kriterien haben Sie die Befragten ausgesucht?
 
Stahl und Stölzle: Wir haben uns auf Baden-Württemberg beschränkt und hier alle Regionen und Sektoren, die mit Trockenheit und Natur in Berührung kommen, berücksichtigt. So nahmen zum Beispiel Förster und Argrarbetriebe, aber auch zahlreiche Behörden, welche umweltrelevante Themen bearbeiten, verschiedener administrativer Ebenen teil. Uns war es wichtig, viele Infos aus verschiedenen Bereichen zu bekommen. Die Größe der Behörden und Betriebe war da zweitrangig. Es ist uns klar, dass die Antworten auf subjektiven Wahrnehmungen basieren, aber dennoch geben sie wichtige Aufschlüsse.
 
Surprising Science: Welche Reaktionen gab es seitens der Befragten?
 
Stahl und Stölzle: Wir erhielten ein positives Feedback, vor allem auf der Ebene der Behörden. Dort ist dieses Thema zum Beispiel bei den Landratsämtern zurzeit sehr aktuell. Generell können wir sagen, dass alle Befragten sehr gut informiert waren und ein breites Wissen zum Thema Trockenheit hatten.
 
Surprising Science: Gab es Indikatoren für Trockenheit, die von allen Akteuren genannt wurden?
 
Stahl und Stölzle: Ja, Niederschlagsmangel, trockene Böden und Absenkung des Grundwasserspiegels. Für 83% der Teilnehmer stellen zu geringe Niederschlagsmengen den Hauptindikator für Trockenheit dar. Die Faktoren hohe Verdunstung und Hitze wurden allerdings weniger häufig genannt. Und das ist für uns auch ein wichtiges Ergebnis: Die Akteure differenzieren bei Indikatoren zwischen Trockenheit und Hitze.
 
Surprising Science: Nehmen die Befragten eine Veränderung des Klimas wahr?
 
Stahl und Stölzle: Ja, sie nehmen es sogar stark wahr, vor allem ein Zunahme der Extrembeispiele wie Gewitter, Stürme und Waldbrände. An diesem Punkt der Umfrage gelang es den Betroffenen auch nicht mehr, speziell auf Trockenheit als Extremereignis einzugehen. Trockenheits- und Hitzephänomene werden dann mit einer Vielzahl von Extremereignissen vermischt.
 
Surprising Science: Kann Trockenheit in der Zukunft zu Nutzungskonflikten führen?
 
Stahl und Stölzle: Nutzungskonflikte wird es vor allem in den Bereichen der Bäche und Gewässer geben, da diese etwa für die Wasserkraft und Bewässerung wichtig sind. Zum Beispiel weist die Landwirtschaft auf längere Anbauphasen hin. Dies ist durch den durchschnittlichen Temperaturanstieg begründet. Hier ist mit höherem Bewässerungsbedarf zu rechnen, also weniger Restwassermenge im Gewässer. Regen und Grundwasser werden nicht zu konfliktreichen Situationen führen, da diese letztlich weniger leicht zugänglich sind. Um den Nutzungskonflikten vorzubeugen, ist es wichtig, die verschiedenen Akteure, also Wassernutzer, an einen Tisch zu bringen.  
 
Surprising Science: Haben die Betroffenen aus dem Hitzesommer 2003 Lehren gezogen und Anpassungen durchgeführt? 
 

Stahl und Stölzle: Nach 2003 wurde zwar viel diskutiert und seitdem ist eine Sensitivität zu dem Thema vorhanden, aber konkret wurden sehr wenige Maßnahmen ergriffen. Die Gründe, warum dies so ist, könnten in einer weiteren Umfrage abgefragt werden. Generell bleibt die Frage offen, ob überhaupt eine Anpassung überall notwendig und erwünscht ist. Aber Trockenheitsmanagement ist nun ein wichtiges Thema, da Trockenheit als natürliches Ereignis immer wieder auftauchen wird. Es müssen Lösungen gefunden werden – und zwar wie mit diesen Ereignissen umgegangen werden kann. Verhindert werden können sie nämlich nicht.

Surprising Science: Welche Konsequenzen ziehen Sie als Wissenschaftler aus Ihrer Umfrage?
 
Stahl und Stölzle: Durch die Umfrage wurde uns bestätigt, dass die Wissenschaft die Sachlage komplexer betrachten muss. Es reicht nicht mehr, nur die Niederschlagsmengen zu analysieren und wissenschaftliche Indizes zu erstellen. Es ist deutlich geworden, dass seitens der Akteure auf allen Ebenen ein Informationsbedarf und Interesse an neuen Methoden und Frühwarnsystemen besteht. Mit unserer Umfrage hoffen wir eine erste Brücke zwischen Wissenschaft und von Trockenheit Betroffenen schlagen zu können.
 
Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.
 

 

Bildergalerie

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Umfrageergebnisse zu verschiedenen Trockenheitsindikatoren für Baden-Württemberg und differenziert nach Sektoren und Regionen.
Quelle: Stölzle, M. und Stahl, K. (2011): Wassernutzung und Trockenheitsindikatoren in Baden-Württemberg – Eine Umfrage unter betroffenen Akteuren. Standort, Zeitschrift für Angewandte Geographie (im Druck).
Relevanz verschiedener Trockenheitseigenschaften für Sektoren und Regionen. Zeitpunkt bezeichnet beispielsweise den Auftrittszeitpunkt innerhalb des Jahres (z.B. Frühjahr), Regionen stehen für von Trockenheit betroffene Gebiete.
Quelle: Stölzle, M. und Stahl, K. (2011): Wassernutzung und Trockenheitsindikatoren in Baden-Württemberg – Eine Umfrage unter betroffenen Akteuren. Standort, Zeitschrift für Angewandte Geographie (im Druck).
Auswirkungen von Trockenheit für verschiedene Sektoren: Die Trockenheitsindikatoren (vertikal) können schematisch mit der zeitlichen Dimension von Trockenheit (horizontal) verbunden werden.
Quelle: Stölzle, M. und Stahl, K. (2011): Wassernutzung und Trockenheitsindikatoren in Baden-Württemberg – Eine Umfrage unter betroffenen Akteuren. Standort, Zeitschrift für Angewandte Geographie (im Druck).
  
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Ausgetrocknetes Flussbett der Dreisam, Freiburg.
Quelle: Bilderarchiv des Instituts für Hydrologie, Uni Freiburg.
Ausgetrocknetes Flussbett der Dreisam, Freiburg.
Quelle: Bilderarchiv des Instituts für Hydrologie, Uni Freiburg.
Ausgetrocknetes Flussbett der Dreisam, Freiburg.
Quelle: Bilderarchiv des Instituts für Hydrologie, Uni Freiburg.
  

 

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