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Sprachliche Veränderungen im Alter Großmutters gut strukturierte Gute-Nacht-Geschichte

Viel zu erzählen – und das im langsamen Tempo: Sprachgewohnheiten verändern sich im Alter. Prof. Dr. Jürgen Dittmann von der Universität Freiburg warnt jedoch vor Verallgemeinerungen. Denn eine Ursache für die altersbedingten Merkmale können die jüngeren Gesprächspartner sein.


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Beim Sprechen und auch beim Schreiben nimmt im Alter die Komplexität der Sätze ab. Foto: Universität Freiburg

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Das tatsächliche Alter anhand der Stimme zu erkennen, ist nur schwer möglich. Erst ab der Grenze von 70 Jahren, erklärt Prof. Dr. Jürgen Dittmann von der Universität Freiburg, kann diesbezüglich eine Einschätzung gegeben werden. Für den Sprachwissenschaftler ist es wichtig, zu analysieren, wie sich Sprache verändert, denn „erst wenn geklärt ist, warum Sprachfähigkeit im Alter abnimmt, lässt sich sagen, wie sich ältere Menschen gehirntechnisch fit halten können.“
 
 
  • Auf der Suche nach Worten
Bei vielen Menschen nehmen im Laufe der Jahre Wortfindungsprobleme zu: Musste man früher nur überlegen, wie der Briefträger heißt, kann es nun auch vorkommen, dass man beim Namen eines Bekannten ins Stocken gerät. Und nicht nur bei Eigennamen fehlen älteren Leuten, vor allem ab 70 Jahren, öfters die Worte: Es treten vermehrt Probleme im Vokabular auf, es fallen einem Begriffe nicht mehr ein, die man mit 50 Jahren noch eloquent verwendet hat. Doch diese Entwicklung, betont Dittmann, dürfe nicht mit Demenz verwechselt werden. Auch seien große individuelle Unterschiede bemerkbar, nicht jede ältere Person bekomme Probleme beim Sprechen. Je höher die Konzentrationsfähigkeit im Alter ist, umso schwächer tritt dieses sprachliche Defizit auf.
 
 
  • Die Komplexität der Grammatik nimmt ab
Auch im Bereich der Grammatik treten ab dem 70. Lebensjahr Veränderungen auf: Die syntaktische Komplexität nimmt ab. Menschen in diesem Alter verwenden weniger Nebensätze und reihen stattdessen eher Hauptsatz an Hauptsatz. Vor allem eingebettete Nebensätze, bei denen der Sprechende wieder zum Hauptsatz zurückkehren muss, werden rar. In einer Freiburger Studie, in der Interviews aus den Jahren 1960–1970 und 2002–2006 verglichen wurden, konnte gezeigt werden, dass dies sogar für die redegewandten Politiker Rainer Barzel, Walter Scheel und Helmut Schmidt gilt (Jürgen Dittmann, Ursula Waldmüller: Zur Veränderung von Sprache im Alter. Eine längsschnittliche Kleingruppenstudie. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik, Heft 50/2009, S. 69-99).
 
Dittmann hat noch keine abschließende Erklärung gefunden, die diese Veränderung für ihn zufriedenstellend erläutert: Die nachlassende Leistung des Arbeitsgedächtnis ist eine mögliche Ursache dafür, dass eine ältere Person nicht mehr weiß, wie sie einen Satz begonnen hat und ihn daher nicht korrekt zu Ende bringen kann. Um Fehler zu vermeiden, werden deshalb beim Sprechen vorrangig in sich geschlossene Hauptsätze verwendet.
 
Erstaunlicherweise, so Dittmann, nimmt die Komplexität in der Syntax aber auch beim Schreiben ab. Eine eventuelle Erklärung dafür: Im höheren Alter muss sich der Menschen stärker auf den Inhalt konzentrieren, sowohl wenn er spricht als auch wenn er schreibt. Die Konzentration verlagert sich daher auf den Inhalt und geht zulasten der Form, also der Grammatik.
 
  • Gut strukturierte Erzählungen
Trotz der Vereinfachung der Grammatik bleibt die Diskurskompetenz bis zum Alter von 80 Jahren zumeist stabil: Das heißt, dass auch ältere Menschen gut strukturierte, inhaltlich nachvollziehbare Geschichten erzählen können – vor allem dann, wenn sie von biographischen Erlebnissen berichten. Im Alltag ist das vor allem bei Gesprächen zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern zu sehen. Dittmann wirft bei dieser Beobachtung jedoch die Frage auf, ob Ältere nur deshalb so gut erzählen können, weil sie die Geschichten schon so oft wiedergegeben haben, oder ob sie auch beim spontanen Erzählen in der Lage wären, gut zu strukturieren. Diesem Punkt möchte der Freiburger Linguist in seiner Forschung weiter nachgehen.
 
 
  • Kritisch: Langsames Sprechen
Da sich der Redner stärker auf Inhalt und Form des Gesagten konzentrieren muss, verringert sich das Sprachtempo bei Menschen ab einem Alter von 70 Jahren um circa 20 Prozent. Das langsame Tempo verstärkt sich jedoch in Intergenerationen-Gesprächen, zum Beispiel mit jungen Erwachsenen und
Pflegepersonal. Diese Situationen, erklärt Dittmann, dürfen nicht als Grundlage für eine Aussage über das tatsächliche Sprachtempo verwendet werden. Denn ältere Personen passen sich im Gespräch dem Redetempo der Jüngeren an. Und diese sprechen im Dialog mit Älteren oft betont langsam und in einfachen Sätzen – bis hin zum so genannten Babytalk: Alles basierend auf dem Vorurteil, dass sie das im Gespräch mit dem älteren Gegenüber so machen müssten, damit dieser sie verstehen kann.


Die Druckversion dieses Textes (pdf) finden Sie hier.

 

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Prof. Dr. Jürgen Dittmann

Jürgen Dittmann ist seit 1980 Professor für neuere deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Neurolinguistik und das Gegenwartsdeutsch, unter anderem die neue deutsche Rechtschreibung. Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist er durch sein Buch „Der Spracherwerb des Kindes“ (Beck-Verlag). Zusammen mit Medizinern der Uniklinik Aachen untersucht Dittmann das verbale Lernen bei Schlaganfallpatienten. Außerdem widmet er sich der Forschung zur Veränderung der Sprache im Alter – ein Thema, zu dem es bisher aus Deutschland kaum empirische Studien gibt. In Zusammenarbeit mit der Deutschlehrerin und Linguistin Ursula Waldmüller hat Dittmann Interviews mit Politikern, die in verschiedenen Lebensabschnitten der Politiker geführt wurden, für eine Studie analysiert, um an dieser Gruppe einige wissenschaftliche Hypothesen zu testen. Das Abstract zur Studie finden Sie hier:

http://portal.uni-freiburg.de/sdd/personenalt/dittmann/Downloads/dittmann-waldmueller-abstract

 

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